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Berlins Opernorchester streiken : Kampf um die Muggen

Sozialneid-Debatte unter Hauptstadtmusikern? Daniel Barenboim und die Berliner Staatskapelle Bild: AP

Was wollen die Berliner Opernorchester? Mehr Geld. Dafür streiken sie - sehr zum Unmut ihres Publikums. Das kann nicht begreifen, warum Musiker für bereits bezahlte Leistungen zweimal bezahlt werden wollen.

          Eine kleine, aber gut gezielte Bosheit findet sich seit neuestem im Internet auf der Facebook-Seite der Deutschen Oper Berlin: Die Opernorchester der Hauptstadt sollten doch mal offenlegen, wie hoch die Einkünfte ihrer Musiker aus Nebentätigkeiten seien. Dahinter steckt die Unterstellung, dass die Orchester sich im gegenwärtigen Tarifstreit mit dem Land Berlin deshalb so verschanzen, weil die bisherige Regelung ihrer Dienste ihnen genug Freiraum lasse, bei „musikalischen Geldgelegenheiten“ (kurz: „Muggen“) außerhalb ihres Ensembles kräftig dazuzuverdienen, obwohl sie schon von der öffentlichen Hand versorgt werden.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Lassen wir dahingestellt, ob diese Vermutung eine sachliche Grundlage hat. Es zeigt sich daran aber ein wachsender Unmut beim Publikum darüber, wie die Orchester und ihre Gewerkschaft, die Deutsche Orchestervereinigung (DOV), ihre Interessen vertreten. An der Deutschen Oper Berlin und an der Komischen Oper war es in den vergangenen Tagen wiederholt zu Arbeitsniederlegungen gekommen. Der Deutsche Bühnenverein als Verhandlungsführer der Arbeitgeber – nämlich des Landes Berlin und der Berliner Opernstiftung – hatte eine Beendigung des Streiks gefordert, die Opernstiftung setzte der DOV gar ein Ultimatum, bis Freitag die Verhandlungen wiederaufzunehmen. Die Frist verstrich, ohne dass sich etwas tat.

          Bereit für eine Änderung der Dienstregelung

          Die Lage ist kompliziert und für Außenstehende nicht leicht zu entwirren. Von der Arbeitgeberseite liegt der DOV ein Angebot vor über eine Tarifsteigerung von insgesamt sieben Prozent, die sich zusammensetzt aus einer Gehaltsanhebung um 4,46 Prozent rückwirkend zum 1. Januar 2010 plus einer Zulage von monatlich fünfundsechzig Euro ab dem 1. Januar 2011 und weiteren Einmalzahlungen von je dreihundert Euro für die Jahre 2011 und 2012. Dafür würden das dreizehnte Monatsgehalt um zehn Prozent gesenkt, das Urlaubsgeld gestrichen und bestimmte Ortszuschläge nicht erhöht. Doch der eigentliche Streitpunkt ist folgender: Wenn ein Musiker die Zahl seiner tariflich festgeschriebenen Dienste nicht ausschöpft, soll es möglich sein, ihn zur Aushilfe in einem anderen landeseigenen Orchester heranzuziehen, ohne dass dies – wie bisher üblich – nochmals vergütet würde.

          Als Betriebsfremder wundert man sich, warum der Arbeitgeber so lange bereit war, eine schon entlohnte Arbeitsleistung im Fall des Falles ein zweites Mal zu bezahlen, vor allem in Berlin, wo dem Vernehmen nach fünfzig Prozent der Einwohner nicht vom eigenen Erwerb leben, was sich auf die Steuereinnahmen des Landes ebenso wie auf dessen Sozialausgaben spürbar niederschlägt. Doch die Orchester sind ja nicht uneinsichtig: Sie wären zu einer Änderung der Dienstregelung bereit, wenn ihre Vergütung wieder an den Flächentarifvertrag des Bundesgebiets angepasst würde. Im Schnitt, so die DOV, liege das Tarifniveau dort nämlich um zwölf Prozent über dem im Land Berlin, das im Jahr 2003 aus der Tarifgemeinschaft der Länder ausgestiegen war.

          Der Barenboim-Bonus

          Die Musiker wollen also mehr Geld. Mehr Geld will das Land Berlin aber nicht in die Opernstiftung stecken, nachdem gerade im letzten Jahr erst die öffentlichen Zuschüsse erhöht worden waren. Rolf Bolwin, der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, hält das Angebot der Arbeitgeber bei der angespannten Finanzsituation für vernünftig. Auch im Berliner Abgeordnetenhaus schüttelt man quer durch alle Fraktionen die Köpfe über die Forderungen der Orchester. Umgekehrt hat der DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens den Arbeitgebern vorgeworfen, sie schürten eine Sozialneid-Debatte gegen die Orchester.

          Dabei sind es nicht zuletzt die Musiker selbst, die für ihre Tariferhöhungen mit dem Argument streiten, dass ihre Kollegen in München oder Hamburg mehr verdienen. Auch innerhalb der Opernstiftung herrschen Neid und Unmut darüber, dass die Staatskapelle nicht nur jährlich eine Zulage von einer Million Euro aus Bundesmitteln bekommt, sondern auch innerhalb der Stiftung höher taxiert wird als die Orchester der Deutschen und der Komischen Oper sowie des Konzerthauses. Dieser Barenboim-Bonus sorgt schon innerhalb Berlins für eine Abwanderung der besten jungen Kräfte in die Staatskapelle. Offenbar gibt es auch bei den Musikern neben Geld keine besseren Gründe, seine Arbeit an einem bestimmten Ort zu leisten.

          Erst einmal ein Spitzengespräch

          Bei der neuen Dienstregelung würde Berlin gar nicht allzu viel sparen. Eher ginge es hier um ein symbolisches Zugeständnis der Musiker an das Land. Möglich, dass bei einem Kompromiss die DOV sich mit der angebotenen Tariferhöhung begnügt, das Land Berlin aber die neue Aushilferegelung fallenlässt. Peter Raddatz, der Generaldirektor der Opernstiftung, hat jetzt erst einmal ein Spitzengespräch aller Streitparteien vorgeschlagen, um nach Auswegen aus der verfahrenen Situation zu suchen.

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