https://www.faz.net/-gqz-9u8lb

Ballett aus Berlin : Ein Zoo im Weltraum

  • -Aktualisiert am

Haar, Haar: Elisa Carrillo Cabrera, Johnny McMillan, Polina Semionova und Ksenia Ovsyanick (v.links) während der Fotoprobe für das Tanzstück Lib in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Bild: Imago

Rhythmisiertes Leben: Das Berliner Staatsballett tanzt neue Stücke von Sharon Eyal und lässt den Zuschauer schaudern: so schrecklich ist unser Leben und so unglaublich schön.

          3 Min.

          Wer die Starballerina Polina Semionova in ein orangebraunes Ganzkörperfell gekleidet tanzen sehen möchte, kann das jetzt in der Berliner Staatsoper Unter den Linden tun. Haare, länger als bei jedem Orang-Utan, bedecken die zarten, langbeinigen und ungeheuer muskulösen Körper auch der neben ihr besetzten Tänzerinnen Elisa Carrillo Cabrera, Aurora Dickie, Ksenia Ovsyanick sowie des Tänzers Johnny McMillan. Er gibt ein silbriges Haar-Monster.

          Geboren hat die Idee der als bildender Künstler in New York lebende Friseur von Lady Gaga, von Modenschauen und Clubbesuchern, Charlie Le Mindu. Der schwedische Choreograph Alexander Ekman hat ihn gebeten, für seine Uraufführung LIB als Kostümbildner zu arbeiten. Vier Chewbaccas und eine silbrige Variante des attraktiven Fellwesens aus „Star Wars“ sind das Ergebnis. Bis diese fünf allerdings so weit sind, dass sie sich schüttelnd und springend und ihre Extremitäten umherwerfend über die leere Bühne schwingen, als wäre die Staatsoper ein Zoo im Weltraum, absolvieren sie noch sehr lange Solo-Auftritte. Dazu tragen sie Kostüme, die das Gegenteil der Pelzhüllen sind.

          Ihr wollt so etwas sehen, ist es nicht so?

          In hautfarbenen, knappen Trikots und mit passend eingefärbten Spitzenschuhen treten sie einzeln heraus auf die grell erleuchtete Bühne und führen einige wie abgezirkelte Übungen aus. Es wirkt so übersteigert und artifiziell, wenn sich diese schlanken Frauen den Fuß bis hinters Ohr ziehen und damit ihre Hüftgelenke über hundertachtzig Grad ausdrehen. Das Zuschauerlicht bleibt an, als wollte der Choreograph sagen, schaut euch nur an, ihr tragt Mitschuld an diesen Verrenkungen von zweifelhafter gesundheitlicher Wirkung, ihr wollt doch so etwas sehen, ist es nicht so?

          Ballett als Deformation, Ballett als unverständliche Zeichensprache leicht überspannter Akrobaten. Eigentlich ist es ein Ballettpuff, ganz danach klingt auch die leicht schmierige Saxophonbegleitung vom Band. Als alle vier versammelt sind, treten sie auch in Interaktion, schauen sich an bei Bewegungen, vollführen sie einander gegenüberstehend. Hinzu tritt nun Johnny McMillan, das Silberhaarmonster. Er hatte sich schon vor dem Auftritt der Tänzerinnen, während des Zuschauereinlasses, mit turmhohen Perückenstapeln auf dem Kopf über die Bühne geschaukelt.

          Enthaart: Das Tanzstück „Strong“ von Sharon Eyal an der Staatsoper Berlin.

          Das Haar als Hauptdarsteller steht für die Befreiung der Naked-Look-Ballerinen aus ihrem Bewegungszwangskorsett. Nun rockt das Quartett, so gut Chewbaccas das eben können, umher. Spätestens wenn Talking Heads „Take me to the River“ singen, vermisst man die klassische Härte des britischen Punk-Choreographen Michael Clark. Ekmans Stück „LIB“ – „LIB“ wie Liberation – geht irgendwie nicht richtig los. Es hat außer der Befreiung zum Haarkostüm kein Thema, aber es ist auch nicht so unterhaltsam, dass es keines bräuchte. Befreiung wozu, müsste doch die Frage sein. Ohne Zweifel ist es wohl so schwer wie nie für Choreographen und Regisseure, von dem Schwebebalken des Camp, des institutionalisierten Trash, wie ihm Susan Sontag ein intellektuelles Denkmal setzte, nicht herunterzufallen. Vorsichtshalber setzen sich Ekmans Fell-Geishas dann an den Bühnenrand, wo man sie aus der Nähe bestaunen kann, ziehen die Pelzhauben ab und lächeln: dein Tänzer, der Exot, doch ein Mensch wie seine Zuschauer.

          Dass die Idee gut war, diesen bestimmt bald dem Vergessen der Tanzgeschichte anheimfallenden Gag der ersten Uraufführung von Sharon Eyal für das Staatsballett voranzustellen, darf bezweifelt werden, auch wenn das Publikum „LIB“ stürmisch bejubelte. Eyals großes, düsteres Gruppenstück „Strong“ zeigt die schwarz gekleidete Gruppe von Männern und Frauen so einig, so synchron, so entschieden, und knallhart eingestimmt tanzen sie durch diese Choreographie unserer Zeit, als wäre die Gegenwart eine im Club durchwachte Nacht. Doch hier gehen keine Jalousien hoch wie im Berliner Berghain, wo morgens das Tageslicht die Tanzenden trifft. Hier bleibt alles Zwielicht, Tanzgötterdämmerung, ein Rausch, ein kaum beschreibbares Ritual, ein bis ins Detail ausgeklügeltes, manchmal auf der synchronen, rhythmischen, ruckartige Verschiebung aller Leiber um wenige Zentimeter hin und her basierendes Kunstwerk in Bewegungen, so schön, so kostbar, so gegenwärtiges Lebensgefühl ausdrückend, dass es schmerzt.

          Hier sind alle rhythmisch fremdgesteuert (von Eyals Komponist Ori Lichtik), hier meint keiner den anderen, hier gehen Blicke, Gesten, Berührungen an dem anderen vorbei. Welchen Programmen wir folgen, was uns steuert, sollen wir es noch Triebe nennen? Bewusstsein? Eine unreine Mischung? Wenn Sharon Eyal uns tänzerisch zeichnet, schaudert es uns – so schrecklich ist unser Leben und so unglaublich schön.

          Weitere Themen

          Mann der Möglichkeiten

          Retrospektive Peter Weibel : Mann der Möglichkeiten

          Peter Weibel hört beim ZKM in Karlsruhe nicht auf. Warum auch? Seine Retrospektive zeigt, dass er stets vorausahnte, was der Gesellschaft blüht. Als nächstes wären das die „Biomedien“.

          Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf gestorben : Vordenker des Rundfunks

          Dietrich Schwarzkopf war im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Mann der ersten Stunde. Er hatte Sinn fürs Historische, hintergründigen Humor – und blickte voraus. Nun ist der frühere ARD-Programmdirektor im Alter von 92 Jahren gestorben.

          Topmeldungen

          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.