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Philharmoniker mit neuem Chef : Das Unverfügbare wird zum Ereignis

Am Saisoneröffnungswochenende mit freundlichem Fanatismus bei der Sache: Kirill Petrenko Bild: Reuters

Er legt ein wahnsinniges Tempo zum Amtsantritt bei den Berliner Philharmonikern vor: Kirill Petrenko verbindet Raserei mit Kalkül und begeistert vor dem Brandenburger Tor mit Beethovens Neunter.

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          Achtundvierzig Minuten sind vergangen, und „der Cherub steht vor Gott“. So schnell kann man mit Ludwig van Beethovens neunter Symphonie – sie wird insgesamt nur einundsechzig Minuten dauern – zum Höhepunkt kommen. Es ist tatsächlich einer. Dieser Mediantdurchbruch, die Rückung in eine terzverwandte, aber leiterfremde Durtonart, dieses einfache, aber wirkungsvolle Zerreißen harmonischer Wände, um in die Unendlichkeit schauen zu können – wird zum Ereignis, auch bei dem wahnsinnigen Tempo, das Kirill Petrenko hier mit den Berliner Philharmonikern und dem phantastischen Rundfunkchor Berlin anschlägt. Die harmonische Pointe ist Überbietung einer Erwartung, Übertrumpfung eines angepeilten Ziels durch jähen Richtungswechsel. Petrenko hat Raserei und Kalkül versöhnt durch seine virtuose Gestaltungsgabe und uns wieder dafür sensibilisiert, wie umwerfend Beethoven seine eigene Konsequenzlogik auszuhebeln vermag, wenn er fromm wird und uns mit dem Unverfügbaren konfrontiert.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein Ereignis also. Auch schon der Beginn einer neuen Ära? Den verheißt Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, dem Publikum im Vorwort zur Sonderbroschüre, die das Orchester seinem neuen Chefdirigenten gewidmet hat. Vielleicht kann sie ja tatsächlich in die Zukunft sehen und die Prägekraft Petrenkos für das Orchester wie für das Musikleben der Stadt und des Erdkreises vorhersagen. Ein wenig allerdings wird man beim Lesen solcher Ankündigungen von dem Gefühl beschlichen, der Verfertigung einer Ära schon vor deren Anbruch beizuwohnen.

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