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Berliner Kulturstreit : Die Idee einer Volksbühne

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Kathrin Angerer als Hilde Wangel in Frank Castorfs Volksbühnen-Inszenierung von Ibsens „Baumeister Solness“ aus dem Jahr 2014 Bild: Picture-Alliance

Die Volksbühne ist kein Gegenstand von Stadtentwicklung oder Tourismus. Wer sie abwickeln will, vergeht sich an der Kunst. Ein Gastbeitrag.

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          „Es reicht“, stand gestern in der „Welt“; es solle jetzt endlich Schluss sein mit Castorf und seiner Volksbühne, mit ihrer „meta-meta-meta-ironischen Diskursweise“ und dem „Kreischtheater“, das man dort allzu oft zu sehen kriege. Endlich Zeit, „dass da mal etwas Neues passiert“, „sich etwas verändert, fast egal, was“. Wie die Autorin in ihrer ich-seligen Rede ausbreitet, langweilt sie, was in der Volksbühne gemacht wird - einfach, weil sie so was schon mal gesehen hat.

          Es geht ihr nicht darum, dass das Theater der Volksbühne schlecht wäre, sondern dass Castorf Intendant der Volksbühne wurde, als sie gerade fünf Jahre alt war. Und es geht ihr auch nicht darum, dass nun Chris Dercon, der Neue, ein Theater ankündigte, das sie gut findet. Dercon ist ihr nur sympathisch, weil sie vermutet, dass er sich in der Volksbühne genauso langweilt wie sie es tut.

          Streit der Grundsätze

          In diesem konsumistischen Diskurs, der dadurch angetrieben wird, das zu ridikülisieren, was man soeben noch selbst war, gibt es kein gut oder schlecht, richtig oder falsch (oder: gibt es keine Kritik). Deshalb versteht er auch nicht, weshalb diejenigen, die an der Volksbühne arbeiten, für ihre Fortexistenz in der Gestalt und Richtung eintreten, die sie seit Castorfs Antritt im Jahr 1992 entwickelt hat. Für die „Welt“-Autorin kann das nur ein Akt der Besitzstandswahrung sein: eine Verteidigung des Bestehenden durch diejenigen, die von ihm profitieren. Aber das verfehlt völlig, worum es in den Forderungen, die Volksbühne als „Sprechtheater“ und ihre eigenartige, konfliktreiche Kollektivität zu erhalten, in Wahrheit geht.

          Es geht nicht um etwas, das nur für die unmittelbar Betroffenen - die Mitarbeiter des Theaters - relevant ist. Der Streit um die Volksbühne ist ein Grundsatzstreit. Es geht um eine Idee des Theaters, ja, der Kunst. Diese Idee findet sich nicht in Verlautbarungen oder Programmen. Die Volksbühnen-Idee des Theaters findet sich nur im Theater, also in dem, was auf der Bühne und in den Köpfen der Zuschauer passiert. Um sie zu kennen, muss man ins Theater gehen.

          Die Volksbühnen-Idee des Theaters besagt, dass das ästhetische Experiment, wenn es konsequent durchgeführt wird, die Kraft hat, für den Moment seines Vollzugs die Welt zu verändern. Am Grund dieser Theateridee steht ein höchst unwahrscheinliches, gänzlich unzeitgemäßes Vertrauen in die Kraft der Kunst: dass das Ästhetische, wenn es ernst genommen wird, aus sich selbst heraus weltverändernd ist. Diese weltverändernde Kraft des Ästhetischen ist die Operationsbasis einer neuen Form der Kritik. Sie kritisiert die Immunisierung, die Abdichtung der Welt gegen ihre ästhetische Veränderung.

          Lebendige Ästhethik

          Ästhetische Experimente sind Experimente der Form. Ästhetisch zu denken, heißt die Frage der Form zu stellen: nicht von der Gegebenheit von Formen auszugehen, sondern sie allererst und immer wieder neu herzustellen. Ästhetisch ist die Arbeit der Volksbühne daher nicht, weil es um Formzertrümmerung, sondern um Formwerdung geht. Das eint so gänzlich verschiedene Theaterpraktiken wie die von Castorf, Fritsch, Marthaler und Pollesch. Sie führen in das Spiel, das Intentions- und Sinnlose zurück, um vorzuführen, wie aus ihm Form entsteht.

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