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Berliner Ensemble : Auf der Suche nach den Klassikern der Zukunft

Theaterregisseur Michael Thalheimer verstärkt nun das Team des Berliner Ensemble Bild: dpa

Auf zu alten Ufern: Am Berliner Ensemble will man sich auf lange vernachlässigte Stärken des Theaters besinnen und die Schauspieler wie die Autoren ins Zentrum stellen. Warum, das verrät Regisseur Michael Thalheimer im Gespräch.

          5 Min.

          Herr Thalheimer, gerade wurde hier am Berliner Ensemble das neue Programm präsentiert. Welche Rolle werden Sie zukünftig im Leitungsteam des Hauses spielen? Werden Sie in den Endproben Ihrer Kollegen sitzen und Kritik üben?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Frank Castorf dürfte das schwierig werden (lacht). Nein, im Ernst: Ich verstehe meine Aufgabe nicht als Kontrollfunktion, sondern eher als Berater, der, wenn gewünscht, Hilfestellungen leistet und das Programm des Hauses mitbestimmt.

          Was für ein Haus wird das Berliner Ensemble in Zukunft sein?

          Eines, das seinem Namen Ehre macht, also das Ensemble, die Schauspieler, ins Zentrum stellt und in ihrer Profession ernst nimmt. Wir wollen unserem Publikum Menschendarsteller präsentieren und keine Performance-Ersatz-Künstler.

          Damit unterscheiden Sie sich aber nicht sehr von Ihrem Vorgänger und auch nicht vom benachbarten Deutschen Theater.

          Es muss ja auch nicht immer um Abgrenzung gehen. Aber von der neuen Volksbühne beispielsweise unterscheiden wir uns damit schon. Wichtig ist darüber hinaus vor allem der Schwerpunkt zeitgenössische Dramatik.

          Geht in seiner Freizeit lieber ins Kino als ins Theater: Michael Thalheimer

          Wie passt das mit Ihnen als Regisseur zusammen, der vor allem als Bearbeiter antiker und klassischer Stoffe bekannt ist? Was für eine Art zeitgenössischer Dramatik interessiert Sie?

          Für mich ist das eine ganz schwierige Frage, weil ich ja in der Tat für etwas ganz anderes bekannt bin. Ich habe oft das Gefühl, dass mir alte Stücke mehr Zeitgenossenschaft liefern als die zeitgenössische Dramatik. Eigentlich liegt das sogar in der Natur der Sache: Denn durch die Erfahrung geschichtlicher Distanz erfahre ich manchmal mehr über meine eigene Zeit, als wenn ein moderner Autor aktuell über sie schreibt. Das, was ich mir an zeitgenössischer Dramatik für das Berliner Ensemble wünsche, wären Stoffe, die nicht einfach nur nach Aktualität schreien, sondern den Mut haben, große Geschichten zu erzählen. Was ich suche, wäre so etwas wie die „Klassiker der Zukunft“. Für das Theater als Erfahrungsort ist es wichtig, dass es auf die Suche nach neuen Stücken geht. Wir können nicht nur die Klassiker spielen. Es gilt heute wie nie zuvor, den Versuch zu unternehmen, etwas Neues für das Theater zu entdecken. Man muss nach dem Eros suchen, der es am Leben hält. Für mich persönlich verbindet sich damit die Hoffnung, dass ich mich nicht wiederhole. Ich bin jetzt als Regisseur bei circa achtzig Inszenierungen angelangt. Jedes Mal fällt mir die Inszenierungsarbeit schwerer, weil ich mich eben nicht wiederholen möchte. Ich brauche also dringend Stoffe, die ich noch nicht gemacht habe.

          Der antike Fundus ist begrenzt. Bleiben noch Stücke, die Sie nicht inszeniert haben?

          Ja, es gibt noch einige. Und der Appell von Oliver Reese ist ja nicht so zu verstehen, dass es am Berliner Ensemble verboten wäre, antike Stücke zu machen. Der programmatische Hauptschwerpunkt liegt auf der Suche nach neuen, aktuellen Theaterstücken. Aber das ist nicht ausschließlich gemeint. Dafür bin ich hier am Berliner Ensemble ja auch engagiert: als Kontrastfigur, als Vertreter des sogenannten Schauspiel- und Sprechtheaters.

          Für Schauspieler muss es eine Herausforderung sein, mit Ihnen zu arbeiten. Sie führen eine strenge Regie, erlauben keine Begegnung. Für Schauspieler, die sonst gewohnt sind, alles machen zu dürfen, ist das bestimmt nicht einfach.

          Der Schauspieler ist das absolute Zentrum meines Theaters. Nicht der Autor, schon gar nicht der Regisseur, sondern der Schauspieler bestimmt das Geschehen. Und ich bin geradewegs froh über die Art, wie Sie meine Schauspielregie beschreiben. In der Tat fordere ich sehr viel vom Schauspieler. Zwar sieht es am Ende so aus, als gäbe es keine Begegnung zwischen ihnen, aber nur weil sich die Schauspieler bei mir selten in die Augen schauen, heißt das nicht, dass sie sich nicht begegnen. Viel eher geht es um eine besondere Form der Konzentration auf die unbewusste Begegnung. Meine Schauspieler müssen sich spüren – das ist das Ziel meiner Probenarbeit, dass sie sich dafür gar nicht mehr anschauen müssen. Denn auch im Alltag schauen sich Menschen, die sich kennen, ja nicht ständig an und sagen sich Sachen ins Gesicht. Möglich, dass sie bei vielen Regisseuren mittlerweile „alles dürfen“. Aber dass man „alles darf“, interessiert mich weder fürs Theater noch fürs Leben.

          Gehen Sie eigentlich selbst noch ins Theater und schauen sich Inszenierungen von Kollegen an?

          Früher habe ich das natürlich viel gemacht, aber mittlerweile hat sich das reduziert. Ich gehe nur noch in ausgewählte Stücke von Regisseuren und Regisseurinnen, die mich interessieren, oder wenn es um Stoffe geht, für die ich brenne. Ansonsten habe ich da wohl so etwas wie eine Déformation professionelle. Eigentlich meide ich das Theater in meiner Freizeit eher, gehe lieber ins Kino.

          Argan (Peter Moltzen) und Béline (Jule Böw) im Theaterstück „Der eingebildete Kranke“ unter der Regie von Michael Thalheimer.

          Ändert sich im Laufe einer Regie-Karriere der Fokus? Interessiert man sich, wenn man jünger ist, stärker für die politischen Botschaften eines Stückes, und je älter man wird, desto mehr für Fragen der Ästhetik?

          Ja, durchaus, und ich hoffe sehr, dass ich mich im Laufe meiner Karriere geändert habe. Das hat etwas mit Älterwerden, mit Reife, auch mit Erfahrung zu tun. Ich weiß gar nicht, ob das, was man sucht, wenn man jung ist, so politisch ist, vielleicht glaubt man vor allem stärker daran, dass es das sei. In jedem Fall bin ich mittlerweile viel freier von den Zwängen des Erfolgs und der öffentlichen Wahrnehmung. Als junger Mensch geht man zum Theater, um wahrgenommen zu werden. Ich fühle mich mittlerweile alt genug, um etwas ruhiger reflektieren zu dürfen und etwas reifer über bestimmte Stoffe nachzudenken. Ich suche jetzt nicht mehr den unbedingten Erfolg, sondern mir geht es noch mehr als früher darum, eine Geschichte so gehaltvoll wie möglich zu erzählen.

          Haben Sie manchmal das Gefühl, dass das Interesse von Häusern an Ihrer Art der Regieführung abnimmt?

          Nein, das empfinde ich nicht so. Noch befinde ich mich im glücklichen Umstand, dass ich zu Angeboten aus Zeit- oder Interessensgründen öfters nein sage. Unabhängig davon glaube ich, dass das Theater nur dann gut ist, wenn es vielfältig ist. Ich würde nie behaupten, dass mein Weg der einzig gültige und richtige ist. Das Spannendste für Theaterzuschauer ist es eben, an zwei Abenden im selben Theater zwei komplett verschiedene Ästhetiken sehen zu können.

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          Aber an der neuen Volksbühne oder den Münchner Kammerspielen würde man Sie zurzeit wohl nicht engagieren.

          Warum das so ist, müssten Sie schon die Verantwortlichen dort fragen. Aber ganz offen gesagt: Mein Interesse ist es momentan auch nicht, an diesen Häusern zu arbeiten.

          Wenn Sie sehen, dass heute ein junger Regisseur ans Theater geht – wird der in zwanzig Jahren noch so arbeiten können, wie Sie heute arbeiten?

          Mit Sicherheit nicht! Denn wir sehen ja gerade, wie sehr sich das Theater in nur wenigen Jahren verändert. Was ich ihm aber wünsche, sind gute Arbeitsbedingungen. Ein guter Intendant, ein gutes Haus gibt jungen Künstlern und Künstlerinnen die Möglichkeit, alles zu tun und dabei eben auch zu scheitern. Wenn das Scheitern nicht mehr als mögliches Resultat einer Arbeit akzeptiert wird, dann werden große Arbeiten nur noch sehr selten entstehen können. Scheitern muss denkbar bleiben, die Freiheit, Erwartungen nicht zu erfüllen, bewahrt sein. Mit Blick auf den Betrieb habe ich Angst, dass sich der Erfolgsdruck ähnlich beschleunigt wie die wirtschaftlichen Zwänge und dass der Raum für das Scheitern den jungen Künstlern bald nicht mehr zur Verfügung steht. Und das wäre schade, für den Künstler wie fürs Theater wie fürs Publikum.

          Am BE sind als feste Regisseure Sie auf der einen und der ehemalige Volksbühnen-Chef Frank Castorf auf der anderen Seite engagiert. Knallen da nicht grundsätzlich gegensätzliche ästhetische Gegensätze aufeinander?

          Dass Frank Castorf hier jedes Jahr inszeniert, das war nicht nur ein Wunsch von Oliver Reese, sondern auch von mir. Und ich freue mich sehr, dass Frank Castorf Lust darauf hat, bei uns zu arbeiten. Natürlich sind wir zwei völlig gegensätzliche Regisseure. Aber ich habe großen Respekt vor der Arbeit von Frank Castorf.

          In Berlin glaubt man ans Ensemble

          Eine „geballte Ladung Gegenwart“ hat Oliver Reese, der neue Intendant des Berliner Ensembles, für die kommende Spielzeit angekündigt. Zwölf Stücke von lebenden Autoren sind angesetzt, darunter Werke von Tracy Letts, Duncan Macmillan und Dennis Kelly, aber auch dramatisierte Prosa von Rainald Goetz und Benjamin von Stuckrad-Barre. Kurz vor der Bundestagswahl eröffnet das BE am 21. September mit Albert Camus’ „Caligula“, einer deutschsprachigen Erstaufführung des norwegischen Dramatikers Arne Lygre sowie einer Brecht-Inszenierung von Michael Thalheimer. Danach wird sich Frank Castorf Victor Hugos „Les Misérables“ vornehmen und Ersan Mondtag ein eigenes Stück über das Seniorenleben aufführen. Der Schriftsteller Moritz Rinke wird am Haus ein Autorenprogramm leiten, bei dem unter anderem die Romanautorin Olga Grjasnowa, der Reporter Dirk Kurbjuweit sowie der Filmemacher Burhan Qurbani zum Stückeschreiben verführt werden sollen. Als starke Akteurinnen werden Corinna Kirchhoff, Constanze Becker und Stefanie Reinsperger ins Ensemble wechseln, bei den Männern darf man sich vor allem auf Felix Rech und Patrick Güldenberg freuen. Einige Inszenierungen aus der Peymann-Ära werden übernommen, außerdem wird es neue Spielstätten und eine modernere Kantine geben. Was die neue Volksbühne letzte Woche als Programm angekündigt hat, kann einem Oliver Reese nur gute Laune machen: „Wir glauben ans Drama“, sagt er.

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