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Berliner Ensemble : Auf der Suche nach den Klassikern der Zukunft

Theaterregisseur Michael Thalheimer verstärkt nun das Team des Berliner Ensemble Bild: dpa

Auf zu alten Ufern: Am Berliner Ensemble will man sich auf lange vernachlässigte Stärken des Theaters besinnen und die Schauspieler wie die Autoren ins Zentrum stellen. Warum, das verrät Regisseur Michael Thalheimer im Gespräch.

          Herr Thalheimer, gerade wurde hier am Berliner Ensemble das neue Programm präsentiert. Welche Rolle werden Sie zukünftig im Leitungsteam des Hauses spielen? Werden Sie in den Endproben Ihrer Kollegen sitzen und Kritik üben?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Frank Castorf dürfte das schwierig werden (lacht). Nein, im Ernst: Ich verstehe meine Aufgabe nicht als Kontrollfunktion, sondern eher als Berater, der, wenn gewünscht, Hilfestellungen leistet und das Programm des Hauses mitbestimmt.

          Was für ein Haus wird das Berliner Ensemble in Zukunft sein?

          Eines, das seinem Namen Ehre macht, also das Ensemble, die Schauspieler, ins Zentrum stellt und in ihrer Profession ernst nimmt. Wir wollen unserem Publikum Menschendarsteller präsentieren und keine Performance-Ersatz-Künstler.

          Damit unterscheiden Sie sich aber nicht sehr von Ihrem Vorgänger und auch nicht vom benachbarten Deutschen Theater.

          Es muss ja auch nicht immer um Abgrenzung gehen. Aber von der neuen Volksbühne beispielsweise unterscheiden wir uns damit schon. Wichtig ist darüber hinaus vor allem der Schwerpunkt zeitgenössische Dramatik.

          Geht in seiner Freizeit lieber ins Kino als ins Theater: Michael Thalheimer

          Wie passt das mit Ihnen als Regisseur zusammen, der vor allem als Bearbeiter antiker und klassischer Stoffe bekannt ist? Was für eine Art zeitgenössischer Dramatik interessiert Sie?

          Für mich ist das eine ganz schwierige Frage, weil ich ja in der Tat für etwas ganz anderes bekannt bin. Ich habe oft das Gefühl, dass mir alte Stücke mehr Zeitgenossenschaft liefern als die zeitgenössische Dramatik. Eigentlich liegt das sogar in der Natur der Sache: Denn durch die Erfahrung geschichtlicher Distanz erfahre ich manchmal mehr über meine eigene Zeit, als wenn ein moderner Autor aktuell über sie schreibt. Das, was ich mir an zeitgenössischer Dramatik für das Berliner Ensemble wünsche, wären Stoffe, die nicht einfach nur nach Aktualität schreien, sondern den Mut haben, große Geschichten zu erzählen. Was ich suche, wäre so etwas wie die „Klassiker der Zukunft“. Für das Theater als Erfahrungsort ist es wichtig, dass es auf die Suche nach neuen Stücken geht. Wir können nicht nur die Klassiker spielen. Es gilt heute wie nie zuvor, den Versuch zu unternehmen, etwas Neues für das Theater zu entdecken. Man muss nach dem Eros suchen, der es am Leben hält. Für mich persönlich verbindet sich damit die Hoffnung, dass ich mich nicht wiederhole. Ich bin jetzt als Regisseur bei circa achtzig Inszenierungen angelangt. Jedes Mal fällt mir die Inszenierungsarbeit schwerer, weil ich mich eben nicht wiederholen möchte. Ich brauche also dringend Stoffe, die ich noch nicht gemacht habe.

          Der antike Fundus ist begrenzt. Bleiben noch Stücke, die Sie nicht inszeniert haben?

          Ja, es gibt noch einige. Und der Appell von Oliver Reese ist ja nicht so zu verstehen, dass es am Berliner Ensemble verboten wäre, antike Stücke zu machen. Der programmatische Hauptschwerpunkt liegt auf der Suche nach neuen, aktuellen Theaterstücken. Aber das ist nicht ausschließlich gemeint. Dafür bin ich hier am Berliner Ensemble ja auch engagiert: als Kontrastfigur, als Vertreter des sogenannten Schauspiel- und Sprechtheaters.

          Für Schauspieler muss es eine Herausforderung sein, mit Ihnen zu arbeiten. Sie führen eine strenge Regie, erlauben keine Begegnung. Für Schauspieler, die sonst gewohnt sind, alles machen zu dürfen, ist das bestimmt nicht einfach.

          Der Schauspieler ist das absolute Zentrum meines Theaters. Nicht der Autor, schon gar nicht der Regisseur, sondern der Schauspieler bestimmt das Geschehen. Und ich bin geradewegs froh über die Art, wie Sie meine Schauspielregie beschreiben. In der Tat fordere ich sehr viel vom Schauspieler. Zwar sieht es am Ende so aus, als gäbe es keine Begegnung zwischen ihnen, aber nur weil sich die Schauspieler bei mir selten in die Augen schauen, heißt das nicht, dass sie sich nicht begegnen. Viel eher geht es um eine besondere Form der Konzentration auf die unbewusste Begegnung. Meine Schauspieler müssen sich spüren – das ist das Ziel meiner Probenarbeit, dass sie sich dafür gar nicht mehr anschauen müssen. Denn auch im Alltag schauen sich Menschen, die sich kennen, ja nicht ständig an und sagen sich Sachen ins Gesicht. Möglich, dass sie bei vielen Regisseuren mittlerweile „alles dürfen“. Aber dass man „alles darf“, interessiert mich weder fürs Theater noch fürs Leben.

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