https://www.faz.net/-gqz-8ycs1

Berliner Ensemble : Auf der Suche nach den Klassikern der Zukunft

Gehen Sie eigentlich selbst noch ins Theater und schauen sich Inszenierungen von Kollegen an?

Früher habe ich das natürlich viel gemacht, aber mittlerweile hat sich das reduziert. Ich gehe nur noch in ausgewählte Stücke von Regisseuren und Regisseurinnen, die mich interessieren, oder wenn es um Stoffe geht, für die ich brenne. Ansonsten habe ich da wohl so etwas wie eine Déformation professionelle. Eigentlich meide ich das Theater in meiner Freizeit eher, gehe lieber ins Kino.

Argan (Peter Moltzen) und Béline (Jule Böw) im Theaterstück „Der eingebildete Kranke“ unter der Regie von Michael Thalheimer.

Ändert sich im Laufe einer Regie-Karriere der Fokus? Interessiert man sich, wenn man jünger ist, stärker für die politischen Botschaften eines Stückes, und je älter man wird, desto mehr für Fragen der Ästhetik?

Ja, durchaus, und ich hoffe sehr, dass ich mich im Laufe meiner Karriere geändert habe. Das hat etwas mit Älterwerden, mit Reife, auch mit Erfahrung zu tun. Ich weiß gar nicht, ob das, was man sucht, wenn man jung ist, so politisch ist, vielleicht glaubt man vor allem stärker daran, dass es das sei. In jedem Fall bin ich mittlerweile viel freier von den Zwängen des Erfolgs und der öffentlichen Wahrnehmung. Als junger Mensch geht man zum Theater, um wahrgenommen zu werden. Ich fühle mich mittlerweile alt genug, um etwas ruhiger reflektieren zu dürfen und etwas reifer über bestimmte Stoffe nachzudenken. Ich suche jetzt nicht mehr den unbedingten Erfolg, sondern mir geht es noch mehr als früher darum, eine Geschichte so gehaltvoll wie möglich zu erzählen.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass das Interesse von Häusern an Ihrer Art der Regieführung abnimmt?

Nein, das empfinde ich nicht so. Noch befinde ich mich im glücklichen Umstand, dass ich zu Angeboten aus Zeit- oder Interessensgründen öfters nein sage. Unabhängig davon glaube ich, dass das Theater nur dann gut ist, wenn es vielfältig ist. Ich würde nie behaupten, dass mein Weg der einzig gültige und richtige ist. Das Spannendste für Theaterzuschauer ist es eben, an zwei Abenden im selben Theater zwei komplett verschiedene Ästhetiken sehen zu können.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

Aber an der neuen Volksbühne oder den Münchner Kammerspielen würde man Sie zurzeit wohl nicht engagieren.

Warum das so ist, müssten Sie schon die Verantwortlichen dort fragen. Aber ganz offen gesagt: Mein Interesse ist es momentan auch nicht, an diesen Häusern zu arbeiten.

Wenn Sie sehen, dass heute ein junger Regisseur ans Theater geht – wird der in zwanzig Jahren noch so arbeiten können, wie Sie heute arbeiten?

Mit Sicherheit nicht! Denn wir sehen ja gerade, wie sehr sich das Theater in nur wenigen Jahren verändert. Was ich ihm aber wünsche, sind gute Arbeitsbedingungen. Ein guter Intendant, ein gutes Haus gibt jungen Künstlern und Künstlerinnen die Möglichkeit, alles zu tun und dabei eben auch zu scheitern. Wenn das Scheitern nicht mehr als mögliches Resultat einer Arbeit akzeptiert wird, dann werden große Arbeiten nur noch sehr selten entstehen können. Scheitern muss denkbar bleiben, die Freiheit, Erwartungen nicht zu erfüllen, bewahrt sein. Mit Blick auf den Betrieb habe ich Angst, dass sich der Erfolgsdruck ähnlich beschleunigt wie die wirtschaftlichen Zwänge und dass der Raum für das Scheitern den jungen Künstlern bald nicht mehr zur Verfügung steht. Und das wäre schade, für den Künstler wie fürs Theater wie fürs Publikum.

Am BE sind als feste Regisseure Sie auf der einen und der ehemalige Volksbühnen-Chef Frank Castorf auf der anderen Seite engagiert. Knallen da nicht grundsätzlich gegensätzliche ästhetische Gegensätze aufeinander?

Dass Frank Castorf hier jedes Jahr inszeniert, das war nicht nur ein Wunsch von Oliver Reese, sondern auch von mir. Und ich freue mich sehr, dass Frank Castorf Lust darauf hat, bei uns zu arbeiten. Natürlich sind wir zwei völlig gegensätzliche Regisseure. Aber ich habe großen Respekt vor der Arbeit von Frank Castorf.

In Berlin glaubt man ans Ensemble

Eine „geballte Ladung Gegenwart“ hat Oliver Reese, der neue Intendant des Berliner Ensembles, für die kommende Spielzeit angekündigt. Zwölf Stücke von lebenden Autoren sind angesetzt, darunter Werke von Tracy Letts, Duncan Macmillan und Dennis Kelly, aber auch dramatisierte Prosa von Rainald Goetz und Benjamin von Stuckrad-Barre. Kurz vor der Bundestagswahl eröffnet das BE am 21. September mit Albert Camus’ „Caligula“, einer deutschsprachigen Erstaufführung des norwegischen Dramatikers Arne Lygre sowie einer Brecht-Inszenierung von Michael Thalheimer. Danach wird sich Frank Castorf Victor Hugos „Les Misérables“ vornehmen und Ersan Mondtag ein eigenes Stück über das Seniorenleben aufführen. Der Schriftsteller Moritz Rinke wird am Haus ein Autorenprogramm leiten, bei dem unter anderem die Romanautorin Olga Grjasnowa, der Reporter Dirk Kurbjuweit sowie der Filmemacher Burhan Qurbani zum Stückeschreiben verführt werden sollen. Als starke Akteurinnen werden Corinna Kirchhoff, Constanze Becker und Stefanie Reinsperger ins Ensemble wechseln, bei den Männern darf man sich vor allem auf Felix Rech und Patrick Güldenberg freuen. Einige Inszenierungen aus der Peymann-Ära werden übernommen, außerdem wird es neue Spielstätten und eine modernere Kantine geben. Was die neue Volksbühne letzte Woche als Programm angekündigt hat, kann einem Oliver Reese nur gute Laune machen: „Wir glauben ans Drama“, sagt er.

Weitere Themen

Alte Liebe rostet nicht

„Barock am Main“ : Alte Liebe rostet nicht

Rainer Ewerrien kommt als Orgon bei „Barock am Main“ ans Theater zurück. Er glänzt hauptsächlich in komischen Rollen. Dennoch würde er gerne mal etwas „Todernstes“ spielen.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.