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Moritz Rinkes „Beethoven“ : Der Weltgeist kommt auf dem Meteoriten

  • -Aktualisiert am

Mondscheingranate: Clara (Maya Alban-Zapata, links) und Beethoven (Christian Kerepeszki) hören dem Trickster Orchestra zu. Bild: Matthias Heyde

In Berlin wird Rinkes neue Komödie gespielt. Sie lässt Beethoven in eine Welt stürzen, die die unsrige sein soll. Doch der Text strotzt vor Ressentiments und ist an Tatsachen nicht interessiert.

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          Was haben nur all die armen Konzertsäle verbrochen, dass sie in Moritz Rinkes neuem Stück „Ein Mann, der sich Beethoven nannte“ aus dem Weltraum von Meteoriten bombardiert werden? Ein Gesteinsbrocken trifft die Berliner Philharmonie, wo soeben das Hausorchester probt und nun der Einsturz droht. Später vernimmt man per Radioschaltung von weiteren Einschlägen in den Metropolen der Welt. Auch die New Yorker Carnegie Hall muss dran glauben. Wird hier, von welcher kosmischen Macht auch immer, endlich erledigt, was sich der Komponist Pierre Boulez einst in einer wohligen Zerstörungsfantasie im Bezug auf die Opernhäuser erträumte: sie einfach in die Luft zu sprengen mit all ihrer Tradition, die ihm nur als Last erschien? Oder suchte Rinke nur nach einer Schnellflugverbindung, um Ludwig van Beethoven in die Welt von heute zu schießen? Stotternd (vor Schreck vermutlich) sitzt er auf den Trümmern der Berliner Philharmonie, nachdem er offenbar auf dem Meteoriten geritten war wie Baron Münchhausen auf der Kanonenkugel.

          Der „Mann der sich Beethoven nannte“, nun an der Neuköllner Oper in Berlin uraufgeführt, ist eine Kammerkomödie, in der doch schweres Geschütz aufgefahren wird. Auf das Stereotyp des revolutionären Komponisten festgelegt, muss er auch hier als Revolutionär unserer Tage vorgestellt werden. Berserkerhaft ist sein Auftreten dabei nicht. Christian Kerepeszki spielt diesen Beethoven als einen Empfind- und Einfühlsamen, der gern und gut zuhört und sich – kaum sind ein paar Worte gewechselt – schon in die soeben vom Orchester entlassene Bratscherin verliebt, die sich um ihn kümmert. Laut wird dieser Beethoven nur, wenn er zum Arzt geschickt werden soll, weil man ihn für einen Mann hält, der aus einem Pflegeheim ausgerissen ist.

          Erdferne Interpretation der orchestralen Realität

          Und wenn es um die zehnte Symphonie geht, die zum Zeitpunkt des Meteoriteneinschlags gerade vom Orchester geprobt wird, in der (im Oktober uraufgeführten) Vervollständigung mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Da lässt der Komponist dann seinen ganzen heiligen Zorn frei, der sich bald auch auf den Sponsor erstreckt, der das Projekt ermöglicht hat. Das sei doch wie zu seiner Zeit: An die Stelle des Adels mit seinen finanziellen Möglichkeiten auf der einen Seite und den Ansprüchen der Künstler auf der anderen Seite, seien heute eben die Großkonzerne getreten. Alles beim Alten! Das mag vielleicht auf die Finanzierung der Kultur in den USA zutreffen, die fast ausschließlich durch privates Engagement erfolgt; für das Finanzierungsmodell hierzulande mit starker staatlicher Unterstützung gilt das doch wohl kaum. Gut möglich, dass Rinkes Beethoven das beim Kreisen im Weltall nicht mitbekommen hat, bevor er sich auf den Meteor setzte.

          Bild: Matthias Heydeno

          Bei dem, was dem Komponisten in Berlin hingegen als orchestrale Realität präsentiert wird, fragt man sich, ob Moritz Rinke und sein Ko-Autor (und Regisseur) Mathias Schönsee die letzten Jahre denn in einer ähnlich erdfernen Umlaufbahn verbracht haben. Clara, die Helferin und bald der Augenstern Beethovens, wird von ihrem Orchester, den Berliner Philharmonikern, entlassen, weil sie sich für die Öffnung des Ensembles hin zu neuem Publikum und für ein einladenderes Erscheinungsbild einsetzt.

          Was würde Beethoven sagen?

          Dem Orchester wiederum steht ein von den Musikerinnen und Musikern abgrundtief gehasster Despot als Chefdirigent vor, dessen lächerliche Aufgeblasenheit (Hansa Czypionka kann ihm tatsächlich komische Seiten verleihen) von den echten Philharmonikern mit einem beiläufigen Piks erledigt werden würde. Das Bild des Orchesters, dessen Name hier herhalten muss, ist so grotesk weltfremd wie die Anstrengungen, das Bild einer Hochkultur im Elfenbeinturm zu zeichnen, die in verkrusteten Strukturen vor sich hin versauert. Dafür braucht es dann auch noch den „alten weißen Mann“, den Clara (Maya Alban-Zapata) hier an jeder Ecke sieht: im Dirigenten, in den Kollegen und in den Komponisten selbstverständlich auch, die ja alle auf einem Sockel stünden. Man merkt schnell: Rinkes Urteile über die „Hochkultur“ stehen fest und sind durch Tatsachen nicht zu erschüttern. Oder anders gesagt: Seine Ressentiments sind so ranzig, dass sie bis ins Weltall stinken.

          Bild: Matthias Heydeno

          Der Beethoven, der aus ebendiesem All nach Berlin eingeflogen ist, würde nun elektronisch verschärfte Musik schreiben und auch vor heftigen Techno-Beats nicht zurückschrecken. Diese Musik haben sich Ketan Bhatti, Cymin Samawatie und Niko Meinhold ausgedacht, das Trickster Orchestra spielt sie mit exotischen Farben von chinesischer Mundorgel und japanischer Zither. Wir fragen uns derweil, was Beethoven wohl zu dem Stück gesagt hätte, wenn er auf einem Meteoriten in Berlin-Neukölln vorbeigeritten wäre.

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