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Neues Stück von Øyen : Die unendliche Tanzgeschichte

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Ich will dir folgen: Die fabelhaften Tänzer des norwegischen Ensembles „Winter Guests“ können Akrobatik, aber auch Text. Bild: Mats Backer

Das Berliner Festival „Tanz im August 2019“ endet mit virtuosen Sockentänzen von Alan Lucien Øyen. Dessen neues Stück fordert dabei von seinem Ensemble nicht nur tänzerische Fähigkeiten – und erinnert zudem an „Stirb langsam 3“.

          „Story, Story, Die“, „Stirb, Geschichte“, hat Alan Lucien Øyen, einundvierzig Jahre alter Autor, Regisseur und Choreograph aus Norwegen, sein neues Stück genannt. Øyen, der mit siebzehn Jahren eine Tanzausbildung aufnahm und später mit Amanda Miller arbeitete, zeigte es in Berlin mit seinem 2006 gegründeten Ensemble „Winter Guests“. In Deutschland rückte der Name Øyen ins Bewusstsein einer breiteren Tanzöffentlichkeit, als er im vergangenen Jahr in Wuppertal Premiere mit Pina Bauschs Tanztheater feierte – und sich neben Dimitri Papaioannou als eine zweier unerfüllter Erneuerungshoffnungen des wenig glücklichen Ensembles beschreiben lassen musste. Sein neues, wie eine Beschwörungsformel oder ein Kinderreim betiteltes Stück präsentierte der Berliner „Tanz im August“ als Deutschland-Premiere zum Festivalende.

          In den ersten von neunzig Minuten wird klar, worin die vermeintliche Nähe zur Ästhetik des Tanztheaters Wuppertal unter Pina Bausch bestehen könnte. Øyens eigene, sehr junge, unglaublich gute Tänzer sprechen viel Text vor sich hin, während sie die Arme zu beredten Gesten heben oder Grimassen schneiden, als würden ihnen unwillkürlich ihre Gesichtszüge entgleiten. Sie sagen Banalitäten wie „Thank you for joining me“, „I follow you“, „I like you“ oder auch Dinge von stärkererer emotionaler Wirkung wie „Remember me. Call me. Fuck me. Like me. Love me“. Pantomimische und alltägliche Bewegungen genauso wie Breakdance-Elemente begleiten diese redundanten, Whatsapp-Chats entlehnten Dialoge auf berührende, aber auch plakative Weise. Als sollten diese Darsteller sich wie Comicfiguren fühlen! Das Illustrative wird nur abgelöst durch einen körperlich sehr aufreibenden, schweißtreibenden, virtuosen Tanz auf Socken. Das sieht aus, wie es klingt – ein bisschen wie eine Mischung aus Pina Bausch, William Forsythe und Sidi Larbi Cherkaoui.

          Wie eine Erdbeere in Schokolade

          Die Protagonisten wirken in einem Moment cool, im anderen, als hätten ihnen Dramaturgie und Regie verweigert, zu den Motiven ihrer Charaktere vorzudringen und als würde ihnen dieses Manko bewusst. Alles bleibt stecken in einer um sich selbst kreisenden, bildschönen, interessant phrasierten Oberflächenbespielung. Das ist manchmal hinreißend, weil es einem von durchfeierten Clubnächten wie von Drogen und Einsamkeit geprägten Lebensgefühl Ausdruck verleiht, hinterlässt aber auch oft den schalen Eindruck, man werde zugetextet ohne Punkt. Sind es alles Einsame, dann wollte man mehr von ihrer Geschichte erfahren, jetzt, da schon Text benutzt wird. Øyen aber suhlt sein Stück in diesem spätkapitalistischen, romantischen Beziehungslosigkeits-Tanz wie eine Erdbeere in Schokolade.

          Diese Tänze haben oft abrupte Stops, als würde den Tänzern die sinnleere Absurdität der menschlichen Existenz im Moment dämmern. Die höchst lebendigen Tänzer, die diese Geisterstunde mit ihrem energiegeladenen Bewegungsmut, ihren dramatischen Gesten und wie im Schmerz und Schweiß hervorgestoßenen Textpassagen bespielen, als ginge es um ihre Existenz, nicht um ein Spiel, faszinieren. Der nachgedunkelte Charme der ein Jahrhundert alten Bühne des Hebbel-Theaters beherbergt das Stück in idealer Weise. Die Brandmauer, die Züge, das Portal beleuchtet Øyen von sehr weit hinten und oben, so dass die Geschichte des Theaters und ihre Geister mitspielen. Rechts von der Bühnenmitte steht eine Tür mit Rahmen, seitlich stehen Stühle anstelle von Gassen. Das Bühnenbild ist wie das ganze Stück eine Erinnerungshalle, ein Tempel, in dem Øyen dem zeitgenössischen Tanz Kerzen anzündet. Es ist einleuchtend und verständlich, dass das Publikum am Ende das Ensemble bejubelt. So gut sind diese Tänzer, dass der ganze Tanztheater-Bausch-Kitsch, das Umschlagen von Vergnügen in Entsetzen, der Jazz der fünfziger Jahre, dann wieder die Arvo-Pärt-Klänge, das Flüstern der wiederbelebten Beziehungsleichen, dass das alles so durchgeht. Je länger die Wiederholungen dauern, desto mehr wirken emotional aufgeladene Passagen wie alte Zirkustricks, die man längst durchschaut hat. Da fühlt sich „Story, Story, Die“ an wie „Stirb langsam, Teil 3“.

          Die Sehnsucht nach Nähe, nach freien, gemeinsamen Unternehmungen und Entdeckungen, nach Federboas, Herumtanzen und lauter Musik kommt wesentlich ungebremster zum Vorschein in „Happy Island“, das die spanische Konzept-Tanz-Choreographin La Ribot mit einem inklusiven Ensemble voller unterschiedlichster Fähigkeiten erarbeitet hat. Körperlich sehr unterschiedlich oder auch gar nicht eingeschränkte Tänzer tanzen in dem Ensemble „Dançando com a Diferença“ mit solchen, die Trisomie 21 haben, in Schlangenhaut-Trikot, halbnackt oder mit einer Straußenfeder. Dieses Ensemble aus Madeira wurde 2001 gegründet, und so langsam sind inklusive Gruppen nichts Seltenes oder Ungewöhnliches mehr. La Ribot bleibt in einem bunt kostümierten Minimalismus hängen, der trotz schöner Filmaufnahmen von Bäumen und Küsten und von Partys auf Wiesen zu wenig Syntax entstehen lässt, sowohl dramaturgisch als auch choreographisch.

          So bleibt ein Begriff von Tanz vor Augen stehen, der an eine Verkaufsmesse erinnert. Sie würden keine „dominante Ästhetik“ „priorisieren“, so die Leiterinnen des Festivals. Man könnte auch sagen, so theoriefern und zeitgeistgelenkt ist das Fest inzwischen, dass man es schon wieder speziell Berlin-kommerziell nennen kann.

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