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Pierre-Boulez-Saal : Wir brauchen etwas Neues und Sinnvolles

Distanz und Intimität: Jiyoon Lee, Emmanuel Pahud, Daniel Barenboim, Matthias Glander, Yulia Deyneka (von links nach rechts) Bild: Monika Rittershaus

Mit einem digitalen, karitativen und interaktiven Festival für Neue Musik reagieren Daniel Barenboim und Emmanuel Pahud im Pierre-Boulez-Saal in Berlin auf die Pandemie.

          4 Min.

          Daniel Barenboim, gerade von Konzerten aus Wien und Florenz nach Berlin zurückgekehrt, ist ziemlich verärgert, was den gegenwärtigen Umgang der Politik mit dem Musikbetrieb unter den Bedingungen der Pandemie angeht: „Ich habe das erste Konzert im Musikverein seit Anfang der Pandemie mit den Wiener Philharmonikern gegeben: Die fünfte Symphonie von Beethoven mit vierzehn ersten Geigen – die saßen völlig normal. Der österreichische Gesundheitsminister hatte gesagt: Was die Wiener Philharmoniker auf der Bühne täten, sei ihre Verantwortung, das sei ein Privatclub. Aber in den Konzertsaal dürften nicht mehr als hundert Menschen. Verzeihen Sie – wie kann man so etwas festlegen? Das ist doch völlig willkürlich! Es gibt Säle für vierhundert Menschen und welche – wie den goldenen Saal des Wiener Musikvereins – für zweitausend. Das sah in Wien am Ende aus wie eine schlecht besuchte Beerdigung! Diese unlogischen Entscheidungen erzeugen schlechte Stimmung. Niemand versteht sie.“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir sitzen im Künstlerzimmer des Pierre-Boulez-Saales in Berlin. Die letzten Vorbereitungen zu einem ungewöhnlichen, ebenso schöpferischen wie neuartigen Vorhaben werden gerade getroffen. Unter dem Titel „Distance/Intimacy“ wird es vom 9. bis zum 12. Juli ein Festival Neuer Musik geben: rein digital, als Livestream zu sehen über www.boulezsaal.de und auf Youtube. Zehn Komponistinnen und Komponisten sind von Barenboim und Emmanuel Pahud, dem Soloflötisten der Berliner Philharmoniker, beauftragt worden, neue Werke zu schreiben, die in ihren Aufführungsbedingungen auf das Abstandsgebot reagieren. Sie sollen jeweils kombiniert werden mit Werken von Pierre Boulez.

          Aber dabei bleibt es nicht. Nach der Ausstrahlung der vorproduzierten Stücke stellen sich Barenboim, Pahud und die Komponisten live der Diskussion mit der Hörerschaft. „Das Publikum kann über Chat-Funktionen Fragen stellen, die wir entweder sofort live beantworten oder aber an Moderatoren weiterleiten, die sie sammeln werden“, erläutert Ole Bækhøj, der künstlerische Leiter des Saales. „Wir machen die Konzerte als Mischung von vorproduzierten Stücken und Livediskussionen. Unsere Hauptabspielkanäle werden Youtube und Arte Concert sein, aber es gibt auch Interesse bei anderen Partnern. Das Gute an Youtube ist, dass es dort diese Chat-Funktion gibt und die Nutzer darin geübt sind.“

          Bei Bækhøj wie bei Barenboim wuchs mit jedem Tag, den die Pandemie andauert, die Unzufriedenheit im Umgang damit. Nur alte Aufzeichnungen auszustrahlen oder Livestreams zu verschenken kann keine dauerhafte Lösung sein. Sie haben sich dann, erzählt Bækhøj, überlegt: „ Was können wir Sinnvolles, vor allem Neues machen? Da kam dann Daniel Barenboim mit dem Impuls: Wir müssen etwas tun für Neue Musik!“ Denn die moderne Musik, so ergänzt Barenboim, habe es noch immer besonders schwer, „weil die Leute weniger auf sie vorbereitet sind. Es gibt nicht die nötige Familiarität mit ihr – sowohl bei den Interpreten als auch beim Publikum.“

          Ein Kamerateam und mehrere Tontechniker produzieren nun mit großem Aufwand die Aufführungen. Schon das sei in gewisser Weise ein künstlerischer Akt, der auf die derzeitigen Bedingungen reagiere, deutet Bækhøj an: „Es geht natürlich darum, Abstand zu halten. Andererseits haben wir einen schönen Saal, der besondere Intimität ermöglicht, die für Kammermusik ja wesentlich ist. Unser Bild- und Ton-Team arbeitet sehr aufmerksam daran, trotz der Abstände Intimität zu vermitteln und das Geschehen Zuschauern nahezubringen, die das weit in der Ferne verfolgen werden.“

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