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Tanz in Wolfsburg : Es war einmal in Amerika

  • -Aktualisiert am

Sie suchen eine neue Heimat: In dem Stück „Homeward“ wird die Migration vertanzt. Bild: Photodesign Wolfsburg

Benjamin Millepieds „L.A. Dance Project“ tourt wie ein ins All geschossener Fake-Tanz-Satellit. Jetzt gastierte es beim Festival Movimentos in der Autostadt Wolfsburg – und blieb viel zu angepasst.

          Wenn der zeitgenössische Tanz sich gerade ästhetisch aufsplittert und vom einstündigen Herumwälzen auf dem Boden – ohne Musik! – bis hin zu aufwendigen Rekonstruktionen von Choreographien der sechziger Jahre reicht – wie ist diese Kunstform dann theoretisch noch zu fassen? Vielleicht, indem man nach den Interessen, die im Tanz eine Rolle spielen, fragt? Könnte man den zeitgenössischen Tanz als Produkt betrachten? Schließlich gestaltete selbst George Balanchine seine Programme des New York City Ballet möglichst abwechslungsreich und überraschend, um das Verlangen nach Tickets wachsen zu sehen. In der deutschen Subventionsgesellschaft sollte man sich daran erinnern, dass man Tanz als Produkt betrachten kann, das die Sehnsucht des Publikums nach kinästhetischer Erfahrung, nach Distanznahme zum eigenen Leben, nach Phantasie, Virtuosität, Komplexität, erfüllen soll.

          Sicherlich arbeitet der Choreograph Benjamin Millepied in Anerkennung dieser Tatsache, wie man jetzt bei dem Auftritt seines Ensembles „L.A. Dance Project“ beim Festival „Movimentos“ in der Autostadt des Volkswagen Konzerns in Wolfsburg überprüfen konnte. Bereits als Solist und später gelegentlicher Choreograph bei Balanchines New York City Ballet konnte der Franzose Millepied von 1995 an beobachten, wie ein großes Ensemble wirtschaftlich geführt wird. In Darren Aronofskys Horrorthriller „Black Swan“ choreographierte er 2010 die Sequenzen aus „Schwanensee“ so, dass sie sich dem filmischen Rhythmus anpassten. Die Hauptrolle spielte Natalie Portman, obwohl 96 Prozent ihrer Bewegungen mit der Tänzerin Sarah Lane aufgenommen worden waren, auf deren Körper dann mit „Face Exchange“ das Gesicht von Portman appliziert wurde. Millepied und Portman gründeten in Los Angeles eine Familie, und er nahm das „L.A. Dance Project“ in Angriff. Die zusätzliche Position als Ballettdirektor der Pariser Oper gab er nach nicht einmal anderthalb Jahren erfolglos auf. Doch Portman drängte auf Rückkehr, denn Hollywoods Angebote wurden seltener. Wirtschaftliches Denken muss für Millepied auch in seiner Rolle als in Los Angeles frei arbeitender Choreograph prägend gewesen sein. Zum „L.A. Dance Project“ gehören zwar nur zwölf Tänzer – in Wolfsburg traten neun von ihnen auf – aber diese erhalten Vierjahresverträge, um sie ungewöhnlich dauerhaft zu binden.

          Wer das Programm aus drei Deutschlandpremieren in Wolfsburg sah, weiß warum die personelle Kontinuität so wichtig ist. „Orpheus Highway“ etwa lässt auf einer Leinwand einen Film mit den Tänzern laufen, in dem Orpheus einen Pick-up steuert, Eurydike auf einer amerikanischen Landstraße überfahren wird und ein kleines Tänzerensemble dazu chorisch agiert wie in Leonard Bernsteins „West Side Story“. Der Tanz auf der Bühne korrespondiert dem filmischen Geschehen. Das Bühnengeschehen illustriert den Orpheus-Mythos des um die verlorene Geliebte Trauernden, dessen Schwäche, seine emotionale Befangenheit, die ihre Rettung gerade verhindert. Um das Stück spielbar zu halten, müssen die Tänzer auf der Bühne die aus dem Film sein, darum die langen Vertragslaufzeiten. Steve Reichs minimalistische Rhythmen treiben das Geschehen voran. Eine Viertelstunde entfaltet „Orpheus Highway“ seinen Retro-Charme, der etwas von einer Werbung für die Fahrzeugflotte der E-Mobility hat, dann ist das Drama über ein Verkehrsopfer vorbei. Nur lässt es einen erschreckend kalt, was an der bis zur Beliebigkeitsschmerzgrenze gehenden Eklektik liegt, sowie daran, dass man in Einzelbildern zu denken beginnt, wenn man dem Stück folgt. Jeder einzelne Moment sieht aus wie der perfekte Instagram-Post. Das Live-Geschehen hingegen ist ein von Filmbildern erdrücktes Gewusel, das sich zu keiner Semantik zusammenfügt. Es bedient nur geschickt diverse Hashtags – Mythos, Tod einer Geliebten, Musical, Road Movie, Bernstein, American Way of Life, Jugend, Jeans and T-Shirt ...

          War das erste Stück „Homeward“, eine zehnminütige Etüde zu der Musik „Aheym“ des jüdischen Komponisten Bryce Dessner und vor abstrakten Schwarz-Weiß-Projektionen des Videokünstlers James Buckhouse, ursprünglich für eine Gala choreographiert, so ließ die Choreographie keinesfalls erkennen, dass es um Migration, Heimatverlust oder dergleichen gehen könnte.

          „Homeward“ ist eine kurze, schnelle Arbeit zu einem Videokunstwerk des Künstlers James Buckhouse, die exemplarisch für die multimediale und interdisziplinäre Ausrichtung der Company steht.

          Am deutlichsten klaffte der Widerspruch zwischen anspruchsvollen Titeln und ernster Musik einerseits und jener kaum kenntlichen Bewegungssprache auf flacher Sohle, deren verwirrend vielfältige Einflüsse einander negieren bis zur Null-Aussage, auf der anderen Seite, in den knapp dreiviertelstündigen „Bach Studies Part 1“. Geistliche und instrumentelle Musik Johann Sebastian Bachs ummalt sanft erotische Duette zwischen zwei Frauen oder zwei Männern, dann wieder Gruppenszenen, die aus der christlichen Ikonographie schöpfen und etwa Individuen in einer Gruppe zu Boden sinken lassen, als wäre es eine Kreuzabnahme. Manche der schwarz-weiß gekleideten Tänzer auf der schwarzen und bühnenbildlosen Szene tragen weiße Socken und kurze Hosen. Das wiederum wirkt ebenso sportlich wie der insgesamt unemotionale Gestus der Tanzenden.

          Das „L.A. Dance Project“ erscheint als perfektes amerikanisches Produkt, das auf den europäischen Markt falsch zugeschnitten ist. Es positioniert sich als „Avantgarde“, als Hochkultur, als Verkörperung intellektueller und künstlerischer Ansprüche. Die Werke arbeiten mit mythologischen Anspielungen, barocker Musik oder dem Topos jüdischer Diaspora, sind in ihrer seichten, sich zu keiner Aussage durchringenden Gefälligkeit und Unentschiedenheit aber angepasst und für alle Anlässe geeignet. Kein Publikum könnte sie verstörend, aufrührend oder bewegend finden. Doch für die Hersteller und Nutzer ist es das perfekte Produkt. Die Company tourt wie ein ins Festival-All geschossener Fake-Tanz-Satellit, immer allein, denn Direktor Millepied bleibt stets zu Hause.

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