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Kristjánsson singt Judas : Je weher, desto besser

„Ich traue seiner Gnaden“: Begleitet von der Geigerin Nadja Zwiener singt Benedikt Kristjánsson als letztes Stück seines Judas-Abends im Bonner Viktoriabad die Tenor-Arie aus der Kantate BWV 97. Bild: Sophia Hegewald

Was der Judaskuss bedeutet: Beim Bonner Beethovenfest stellt der Tenor Benedikt Kristjánsson Musik von Bach mit Texten von Amos Oz zusammen.

          5 Min.

          Amos Oz trat im Alter von fünfzehn Jahren in einen Kibbuz ein. Dort las er ein Buch, das in seiner Schule nicht behandelt worden war: das Neue Testament. Seine Neugier auf die Heilige Schrift der Christen hatte den Grund, dass er die Kunst der Renaissance, die Romane von Dostojewski und die Musik von Johann Sebastian Bach besser verstehen wollte.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Sechzig Jahre später veröffentlichte er seinen letzten Roman: „Judas“. Mit der Wahl der Titelfigur kam er auf eine Gestalt der christlichen Überlieferung zurück, die er damals erst recht nicht verstanden hatte, als er in der Kibbuz-Bibliothek neben die klassischen künstlerischen Darstellungen vom Ende des Lebens Jesu den Text der Evangelien legte. Ihn befremdete, dass man auf manchen Abendmahlsgemälden aus der Renaissance Judas auf den ersten Blick erkennen kann, weil er als einziger der Jünger, die doch alle Juden waren, als Jude gezeichnet ist, mit allen hässlichen Mitteln der antisemitischen Karikatur. Und ihn überraschte, dass die Geschichte, die diese Phantasien des bebildernden Hasses weckte, alles andere als schlüssig ist. Sie ist für sich genommen keinesfalls so stark, dass man versteht, warum sie weitererzählt und immer weiter ausgemalt werden musste.

          Dreißig Silberlinge sind Kleingeld

          Der Bericht über den Verrat des Judas erzählt in den Augen von Oz, der schon als Kind Schriftsteller werden wollte, so­wohl zu viel als auch zu wenig. Er bietet einerseits zu viele Umstände und bleibt andererseits ein glaubwürdiges Motiv schuldig. Warum musste Judas den be­waffneten Dienern der jüdischen Behörden mit einem Kuss zeigen, wer sein Meister war, wenn Jesus doch gerade erst mit seinem feierlichen Einzug in Jerusalem für gewaltiges Aufsehen gesorgt hatte? Und kann das Kopfgeld als Anreiz der Untreue genügen? Oz rechnete nach, dass Judas sich für die dreißig Silberlinge nicht viel hätte kaufen können. In seinem Ro­man, der im Winter 1959/60 in Jerusalem spielt, lässt er einen verkrachten Studenten, der über die Beurteilung Jesu in der jüdischen Tradition forscht, eine Ge­schichte des Judas entwickeln, die das quellenkritische Problem löst: Dem verlorenen Apostel wird eine theologische Agenda zugeschrieben, deren Scheitern die Redakteure der Evangelien mit der Verratslegende kaschiert haben sollen.

          Beim Bonner Beethovenfest hat jetzt der Tenor Benedikt Kristjánsson Auszüge aus dem Judas-Roman von Oz im Sinne von Oz verwendet: um Musik von Bach besser verständlich zu machen. Und um­gekehrt: Er hat acht Arien und vier Rezitative aus Kantaten von Bach gesungen, um zu zeigen, dass sich der Gehalt der nach christlichen Begriffen apokryphen Judas-Geschichte von Oz über Zeugnisse frommer Spekulation aus dem Korpus christlicher Kommentierung der Jesus-Botschaft erschließen lässt.

          Kristjánsson ist als Sohn einer Gesangslehrerin und eines Bischofs in Island aufgewachsen. Bekannt wurde er mit seiner reduzierten Version von Bachs Johannespassion, die er mit dem Perkussionisten Philipp Lamprecht und Elina Albach an Cembalo und Orgel jetzt auch in der Bonner Kreuzkirche zur Aufführung brachte. Durch Weglassen der meisten Arien wächst sich der Bericht des Evangelisten zu einer Art Traumgedächtnisprotokoll von halluzinativer Überdeutlichkeit aus: Das Geschehen könnte sich soeben erst zugetragen haben, vor der Möglichkeit zur Verpflichtung weiterer professioneller Sän­ger, und ebenso gut vor sehr, sehr langer Zeit, in der Vorvergangenheit eines fast schon untergegangenen Kultes. Die Turba-Chöre sprach Kristjánsson, die Cho­räle ließ er in der evangelischen Kirche am Hofgarten, dem Hauptort der Bonner Oratorienpflege, das Publikum singen.

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