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Belcanto-Opern von Donizetti : Zum Weltabschied tremoliert es leichenfahl

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Primadonnenpech: Elena Moșuc hat als Lucrezia Borgia in Brüssel den Falschen vergiftet Bild: Clärchen und Matthias Baus

Die Opernhäuser in Köln und Brüssel zeigen mit originellen Produktionen, welche dramatische Kraft in den Belcanto-Opern „Anna Bolena“ und „Lucrezia Borgia“ von Donizetti steckt.

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          An der New Yorker „Met“ grassiert seit einigen Spielzeiten eine Krankheit, nicht gefährlich, aber ansteckend. Sie nennt sich „belcantomania“, vulgo auch: Donizetti-Fieber. Saison für Saison holt das sonst nicht gerade als Bühne für Entdecker verschrieene Haus Trouvaillen aus dem unüberschaubaren Fundus der über siebzig erhaltenen Donizetti-Opern. Dahinter steht kein tiefergehendes dramaturgisches Konzept, wohl aber die Überzeugung, dass es neben der weltweit gespielten Trias aus „Liebestrank“, „Don Pasquale“ und „Lucia di Lammermoor“ weit mehr in diesem Œuvre zu entdecken gibt.

          Gerade die letzten beiden Produktionen, eine „Anna Bolena“ mit der Netrebko im Herbst 2011 und eine „Maria Stuarda“ mit Joyce DiDonato an Silvester 2012, offenbarten freilich auch das etwas wohlfeile Erfolgsrezept der Met: Man nehme ein bis zwei Superstars, stecke sie in prachtvolle Kostüme und plaziere sie sängerfreundlich vor historisch aussehenden Kulissen - fertig ist die Schöngesangregie, „made in USA“. Dass man dergleichen in Europa, außer vielleicht an der Wiener Staatsoper, nicht ungestraft kopieren kann, ist zum Glück Konsens; wie es tiefsinniger, bühnenwirksamer geht, zeigen derzeit die Opernhäuser in Brüssel und Köln.

          Alternatives Raumkonzept als Grundlage

          Während man sich in Köln ebenfalls an die „Anna Bolena“ wagt, hat sich das Théâtre de la Monnaie der drei Jahre später, 1833, entstandenen Giftmischertragödie „Lucrezia Borgia“ angenommen. Beide Produktionen, obwohl unabhängig voneinander, machen ein alternatives Raumkonzept zur Grundlage der Regie. In Brüssel ist man dafür eigens in den „Cirque Royal“ umgezogen, ein riesiges Kuppelgebäude von 1878 mit bewegter Geschichte und einer zentralen Manege als Spielstätte; in Köln erzwang die Renovierung des Opernhauses eine Verlagerung des Spielbetriebs ins „Palladium“, eine Maschinenbauhalle von 1899 inmitten des Problemstadtteils Mülheim.

          Diese ungewöhnlichen Orte machten klar, dass es hier kaum um ein Schau- und Show-Singen à la New York gehen würde. Dennoch bezieht Guy Joostens Regie bei der „Lucrezia Borgia“ das zirzensische Moment ein, das ihm der Raum, aber auch die Musik Donizettis vorgeben. Clownsnasen und Karnevalskostüme, allerlei Masken und Larven für Volk, Klerus und Höflinge - zunächst nicht sonderlich überraschend auf einer Zirkusbühne. Doch die Maskierungen werden brüchig; statt zu verbergen, enthüllen sie das wahre Antlitz des Trägers, verwandeln sich in Schweinefratzen, schließlich in hohläugige Totenschädel.

          Wie eine Schar böser Dämonen verfolgt dieses derangierte Personal Lucrezia, die übel beleumundete Tochter von Papst Alexander VI., einem dieser Renaissance-Lebemänner, denen irgendwann nichts mehr heilig war. Umso verbissener verteidigt Lucrezia die Familienehre der Borgia, zur Not auch mit allzu süßem Rotwein. Tragisch nur, dass sie dabei den eigenen, gerade erst wiedergefundenen Sohn Gennaro gleich mit vergiftet.

          Leidende Frau statt herzloses Monster

          Die in jeder Hinsicht mörderische Titelrolle glaubhaft mit Bühnenleben zu erfüllen gehört zu den fast aussichtslosen Herausforderungen. Elena Moşuc wählt einen überzeugenden Mittelweg zwischen der psychologisierenden Darstellungsweise, mit der Maria Callas den Belcanto in den fünfziger Jahren überhaupt erst wieder bühnenfähig gemacht hat, und der virtuosen Vokalkunst von Koloraturartistinnen wie Joan Sutherland und Edita Gruberova, bei denen Gesang und Figurenzeichnung weniger stark in eins fließen.

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