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Unabhängiges Theater in Minsk : Geld gibt Gott nur seinen Hunden

Das Stück „Wohlergehen“ zeigt gute Nachbarn beim täglichen Zank Bild: Belarus Free Theatre/Nicolai Kuprich

Beim Teart-Festival wird die tabuisierte Angst der Weißrussen vor Russland verspottet. Ein Höhepunkt ist die Tanzperformance der großartigen Olga Labovkina.

          3 Min.

          Der Theaterabend beginnt fast wie eine Verschwörung. In der Abenddämmerung versammelt sich etwa ein Dutzend studentisch aussehender Leute vor dem Supermarkt in einem Außenbezirk von Minsk, der als Treffpunkt ausgemacht ist. Zur verabredeten Zeit kommt eine junge Frau und geleitet die kleine Gruppe zum Werkstattgebäude eines nahe gelegenen Wohnhauses, wo die niedrigen Zuschauerbänke schon dicht besetzt sind. Dies ist das Stammhaus des berühmten, offiziell nicht registrierten „Belarus Free Theatre“, dessen Begründer Natalia Kaliada und Nikolai Chalesin 2011 aus Weißrussland fliehen mussten und heute von London aus arbeiten. Doch eine eingeschworene Truppe spielt an wechselnden Lokalitäten weiter journalistische Stücke zu aktuellen Themen. Heute wird die Sozialsatire „Wohlstand“ (Blagopolutschie) von Maryia Bialkovich gegeben, die die belarussische Spießergesellschaft und die bei den Weißrussen verbreitete Angst vor der angekündigten engeren Union mit Russland aufs Korn nimmt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die einzige Dekoration des leeren Bühnenraums ist eine weiße Holzwand mit Fensterklappen, durch die diverse Hausbewohner ihre Köpfe recken, Präsident Putins Lieblings-Folkrockweise vom „Pferd“ (Kon) mehrstimmig intonieren und sich dann über die laute Musik beschweren. Die Wand fährt auseinander, wird zu Bankterminals, die aber nicht funktionieren, sehr zur Freude zweier Polizisten, die eine Frau festnehmen wollen, weil sie geflucht und obendrein den Pass nicht dabeihat. Ein Schauspieler, der als ihr nörgeliger Sohn mit einem Spielzeugauto herumfuhrwerkt, verwandelt sich plötzlich in einen sonnenbebrillten Taxifahrer, der seiner entsetzten Passagierin ausmalt, dass mit dem russischen Rubel auch der russische Krieg bald aufs Territorium von Belorussland übergreifen werde. Ein Regieschnitt versetzt in den Himmel und zeigt dort Gott als Dragqueen im Paillettenkleid, die ihren als Schäferhundgötzen kostümierten Garden Geld zusteckt. Für die geplagte Heldin hat Gott nur den Rat, sich ein Hobby zu suchen und damit ihre Frustrationen zu sublimieren.

          Die himmlischen Heerscharen sind ihrem Herrn treu

          Das Untergrundtheater, das immer wieder von Polizeirazzien heimgesucht wurde, lebt von Spenden. Nach der Vorstellung stecken die Zuschauer Geldscheine in den bereitgestellten Korb fürs „Dankeschön“. Die beiden Architekturstudentinnen, mit denen wir im Bus in die Stadt zurückfahren, waren zum ersten Mal hier und sind äußerst angetan. Die vertiefte Integration mit Russland, deren Modalitäten derzeit hinter verschlossenen Türen ausgehandelt werden, sei in den Medien ein Tabuthema, sagen die zwei Frauen, dabei stelle sie die Hauptsorge der meisten ihrer Landsleute dar. Zugleich wirken die Studentinnen ängstlich, sie sprechen leise und mit Bedacht außer Hörweite anderer Passagiere.

          Im autoritär regierten Belorussland hat sich eine kleine, aber höchst vitale unabhängige Theaterszene herausgebildet. Soeben ging das seit zehn Jahren jeden Herbst stattfindende Theaterforum „Teart“ zu Ende, zu dem das „Belarus Free Theatre“ das Dokumentarstück „Haus Nr. 5“ über die Bedürfnisse und die Ausgrenzung von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen beisteuerte. Bevorzugter Spielort ist dabei die zum Kulturzentrum umfunktionierte frühere Straßenbahnreparaturwerkstatt an der Oktoberstraße, wo sich mit In-Kneipen und Straßenkunst ein Szenetreffpunkt etabliert hat. Dort präsentierte das Minsker Sozialtheaterlabor „Eclab“ das Stück „Nahestehende?“ (Rodnyje ljudi?), das die Erscheinungsformen und Handlungsoptionen bei häuslicher Gewalt auslotet, und die Brester Aufklärungsperformer der Gruppe „Krylja chalopa“ (Flügel des Knechts) präsentierten eine Audio-Führung durch die Erinnerungsorte der im Zweiten Weltkrieg vernichteten jüdischen Kultur in ihrer Stadt, die offiziell bis heute ignoriert wird.

          Die weißrussischen Kulturbehörden hätten kein Interesse an ernster Kunst, klagt die Festivalkuratorin Angelika Kraschewskaja, die uns inmitten einer Schar junger Helfer in ihrem Büro im Stadtzentrum empfängt. Der junge Regisseur Dmitry Bogoslavsky, der mit dem Minsker Jugendtheater die Polizeiwillkür-Groteske „Der Mann aus Podolsk“ beim Berliner Festival „Radar Ost“ präsentierte (F.A.Z. vom 31. Mai), wurde nach dem Erfolg vom Direktor entlassen. Umso ironischer, dass ausgerechnet die Tochterfirmen des russischen Gazprom-Konzerns, Belgazprombank und Gazprom Transgaz Belarus, als Hauptsponsoren das Festival überhaupt ermöglichen.

          Die Illusion verleiht die größten Kräfte: Die Tänzerin Olga Labovkina in ihrem Stück „Luft“ (Wosduch)

          Ein Höhepunkt ist der Auftritt der Tänzerin und Choreographin Olga Labovkina mit zwei Partnern ihres Karakuli-Tanztheaters in der alten Werkhalle. Labovkina, die in Petersburg in klassischem und modernen Tanz ausgebildet wurde, verfügt obendrein über die Ausdrucksmittel des Breakdance und der Performance. In dem Stück „Luft“ (Wosduch) stehen die drei Tänzer zunächst nackt im Dunkeln, bevor sie sich ankleiden und mit roboterhaften Bewegungen einander und den Raum erkunden. Isolierwatte dient ihnen als Polster, um sich ekstatisch und akrobatisch aneinander zu begeistern, bevor die Frau an einem Stahlseil über dem Boden schwebt, an den ein Mann sich fesselt. Die etwa hundert Zuschauer, die der Tanzperformance auf drei Stationen durch die ganze Halle gefolgt sind, applaudieren nachdenklich und begeistert.

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