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Missbrauchsvorwürfe im Tanz : Voller Körpereinsatz in Kunst und Leben

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Die Theaterperformance „Mount Olympus“ unter der Regie von Jan Fabre wurde im Januar in Madrid aufgeführt. Bild: EPA

Sex als Gegenleistung: Tänzer werfen dem belgischen Choreographen Jan Fabre Machtmissbrauch vor. Eine Aufklärung der Vorgänge ist im Tanz jedoch viel schwieriger als in Hollywood.

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          Westliche Gesellschaften gehen sehr freizügig mit dem Körper um: Was soll man mit dem Körper anstellen, womit soll man ihn füttern, tränken, ihn wie bewegen, was kann man aus ihm alles herausholen, wie kann er noch bessere Leistungen bringen, ansprechender aussehen? Muss man ihn dazu plastisch-ästhetisch umgestalten und, wenn ja, an welchen Stellen, und auch: Wie kann man ihm das äußerste, größte Vergnügen abgewinnen – mit Kicks, Adrenalinstößen, Lust?

          Letzten Statistiken zufolge lesen Leser hauptsächlich Krimis, Thriller und Ratgeber, in der Reihenfolge. In Büchern, Filmen, Blogs und Magazinen werden alle Möglichkeiten physischer Manipulation diskutiert, etwa die Frage, ob und wie die intimsten Bereiche des menschlichen Körpers operativ umzugestalten seien. Sex ist etwas, wozu man sich im Internet verabredet wie früher zum Tennis. „Shades of Grey“ hat Rosamunde Pilcher abgelöst. Das bedeutet, dass alle, die das Buch gelesen oder den Film gesehen oder von ihm gehört haben, über BDSM-Sex nachdenken. Sexspielzeug wird erfolgreich über Internetfirmen vertrieben.

          Der Seiltanz zwischen Performance und moralischer Frage

          Das ist die Welt, in der wir leben. Das ist die Welt, in der auch die Künstler leben. Und sie sind es sogar, von denen wir geradezu erwarten, dass sie sich zu solchen Veränderungen verhalten, sie darstellen, reflektieren, kommentieren. Jan Fabre ist einer der prominentesten unter ihnen. Der zwischen Theater, Tanz und Bildender Kunst hin- und herwandernde belgische Regisseur, Choreograph, Fotograf, Maler und Bildhauer wird im Dezember sechzig Jahre alt und blickt auf eine große Karriere zurück.

          Fabres Stücke sind bekannt für den libertären, mitunter lüsternen Umgang mit nackten Körpern auf der Bühne. Die Instinkte des Körpers, seine Grundfunktionen und darüber hinausgehenden Bedürfnisse sind sehr explizit Motive der Produktionen seiner Compagnie Troubleyn. Ganz in der Tradition der Avantgarde stehend, weiten Fabres Werke die Grenzen dessen aus, was auf einer Bühne getan und gezeigt werden kann. Nackte Körper, auf die Öl tropft, echtes Urinieren, angedeutetes Fisting – kurz, vieles, was beim Zuschauen Unbehagen oder Ekel bereiten könnte, weil man sich unwillkürlich identifiziert und seinerseits niemals von 1600 Fremden so gesehen werden wollte, präsentieren Fabres Solo- und Gruppenchoreographien.

          Nackt in Olivenöl: Die von Fabre choreographierte Tanzperformance „Quando l’uoma principale e una donna“ erlebte 2006 in der Schwankhalle von Bremen ihre deutsche Erstaufführung.
          Nackt in Olivenöl: Die von Fabre choreographierte Tanzperformance „Quando l’uoma principale e una donna“ erlebte 2006 in der Schwankhalle von Bremen ihre deutsche Erstaufführung. : Bild: Picture-Alliance

          Natürlich entspringt das der ästhetischen Überzeugung, dass es wichtiger Bestandteil von Performances ist, eine innere Erregung beim Publikum zu entfachen. Ein Tänzerkörper soll sozusagen direkt zum Körper des Zuschauers sprechen, das Gezeigte unmittelbar und fast wie elektrisch ins Nervensystem der Zuschauer eindringen. Wenn man so will, ist das ein aufklärerischer, inklusiver Theateransatz, der es mit sich bringt, dass hier nicht allein dramatische Konstellationen, intellektuelle oder moralische Fragen diskutiert werden, sondern auch körperlich ablaufende Prozesse. Das kann in etwas Manipulatives, unter Umständen Dämonisches umschlagen, indem man die Zuschauer mit etwas konfrontiert, das sie kaum abwehren können.

          Körper werden häufig instrumentalisiert

          Doch nicht nur in der Wirkung auf den Zuschauer, der zum ungefragten Zeugen intimer körperlicher Vorgänge gemacht wird, spiegelt sich das ungenierte, mitunter obszöne Verhältnis der Gegenwart zum Körper. Natürlich können Probenprozesse, in denen solche Handlungen geprobt und diskutiert werden, in denen Nacktheit in der Gruppe, enger körperlicher Umgang miteinander selbstverständlich sind, eine erhebliche Distanzlosigkeit mit sich bringen. Die Körper sind die Instrumente. Biofeedback ist keine Theorie mehr, sondern ein empirisch überprüfbarer Vorgang. Es kann also nicht überraschen, wenn es in der Tanzwelt und nun im speziellen in der von Jan Fabre zu gierigem, übergriffigem, manipulativem und respektlosem Verhalten gekommen sein sollte.

          Die isländische Tänzerin und Choreographin Erna Omarsdottir, eine Cousine von Björk, hat als früheres Mitglied von „Troubleyn“ gemeinsam mit anderen, überwiegend anonym bleibenden Tänzerinnen jetzt solche, dem Komplex #MeToo zuzuordnenden Vorwürfe gegen Fabre in einem offenen Brief geäußert, der in dem belgischen Kulturmagazin „Rekto:Verso“ veröffentlicht wurde.

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