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Beiruts Kampf gegen das Elend : Hunger ist Ketzerei

  • -Aktualisiert am

Als Jean Michel Jarre noch in Beirut auftrat: Das „Baalbeck International Festival“ 2016 Bild: dpa

Anrufung des Schicksals im Tempel von Baalbeck: Beirut hat den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nichts entgegenzusetzen. Mitten in der Tristesse hat das libanesische Philharmonieorchester nun das erste Konzert seit Monaten gegeben.

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          Nach dem Lockdown ist die Stadt eine andere geworden. So leer. Selbst zu Tageszeiten, zu denen sie sonst immer verstopft war mit so vielen Autos, dass es einem vor Abgasen den Atem verschlug. Der Feierabendverkehr hat sich aufgelöst, weil es immer weniger Jobs gibt. Selbst an Sonntagabenden, wenn die Bewohner gewöhnlich von den Bergen hinab nach Beirut strömten, dessen stickiger Hitze sie an den Wochenenden gerne entflohen, ist kaum mehr jemand unterwegs. Landpartien sind teuer geworden. Woran nicht nur der Lockdown schuld ist, denn schon vorher sah sich der Libanon von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten bedroht, manche sagen sogar seit der großen Hungersnot während des Ersten Weltkrieges.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Misswirtschaft, Korruption und Klientelismus haben das Land schwach gehalten, nun hat es den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie nichts entgegenzusetzen. Die Inflation ist binnen Monaten so rasant gestiegen, dass einfache Lebensmittel für viele unerschwinglich geworden sind. In sozialen Medien häufen sich Einträge von Menschen, die versuchen zu tauschen, was sie nicht unbedingt benötigen: Möbel, Gläser und Schuhe gegen Windeln, Öl und Milchpulver. Fast überall im Land gibt es nur wenige Stunden Strom am Tag. Manche Ampeln in Beirut sind schon abgeschaltet. Einige Läden haben nicht wieder aufgemacht. Von den Galerien, Theatern und Museen, die wieder zugänglich sind, muss man befürchten, dass sie ihre Türen bald ebenfalls schließen in dieser letzten orientalischen Stadt, in der es so etwas wie eine gewachsene kulturelle Szene überhaupt noch gibt.

          Eine gute Stunde Musik

          Mitten hinein in diese allumfassende Tristesse hat das libanesische Philharmonieorchester nun ein Konzert gegeben. Das erste seit Monaten, vielleicht auch das letzte für lange Zeit, man weiß es nicht. Im Tempel von Baalbeck, wo zu dieser Jahreszeit gewöhnlich das „Baalbeck International Festival“ stattfindet, dessen Zukunft so ungewiss ist wie alles andere, trat das Philharmonieorchester mit den Sängern aus gleich drei Chören auf, um dem Land den „Sound of Resilience“ zu präsentieren.

          Eine gute Stunde Musik, zusammengestellt vom Chef des Orchesters, dem Dirigenten Harout Fazlian, dem die Ehre zuteilwurde, inmitten des Bacchus-Tempels, wo normalerweise nie etwas aufgeführt wird, ein Konzert zu leiten, von dem sie noch lange reden werden im kleinen Libanon. Zuschauer vor Ort gab es zwar nicht. Aber das Ereignis wurde per Livestream im Internet und auf fast allen Fernsehkanälen übertragen. Nur „Al-Manar“, der Haussender der Hizbullah, zeigte ein anderes Programm.

          Der Abend begann mit einer Anrufung des Schicksals, dem unter diesen Umständen hochsymbolisch und sehr pathetisch wirkenden „O Fortuna“ aus Carl Orffs „Carmina Burana“. Ihr folgten Orchestrierungen und Adaptationen von Stücken, die im kulturellen Gedächtnis der Libanesen tief verankert sind und erwartbar dazu führten, dass die sozialen Medien überliefen von Nachrichten, in denen viel von „Gänsehaut“ und „Tränen“ die Rede war.

          Ein Schauspieler deklamierte ein von Musik untermaltes Gedicht von Gibran Khalil Gibran. Eine Hommage an die Brüder Rahbani ließ das Land an jenen Mann denken, der sich erst vor ein paar Tagen mitten in Beirut vor einer Filiale von Dunkin Donut erschossen hatte. Er war nicht der einzige Selbstmörder an jenem Tag gewesen, aber er war derjenige, dessen Tod am meisten von sich reden machte, denn der Mann hatte eine Botschaft hinterlassen. An seiner Brust heftete eine Kopie seines blitzsauberen polizeilichen Führungszeugnisses und ein Zettel, auf dem stand: „Ich bin kein Ketzer. Aber Hunger ist Ketzerei.“ Eine Zeile aus einem Lied von Ziad Rahbani.

          Zwischendurch sah man alte Fotos von Auftritten berühmter Musiker beim „Baalbeck International Festival“. Herbert von Karajan vor der ikonischen Säulenreihe des Jupiter-Tempels in den sechziger Jahren. Die weit über das Land hinaus bekannte Popband Mashrou’ Leila. Man sah Fairuz, Umm Kalzoum und Jessye Norman und konnte über den schwarzweißen Bildern leicht vergessen, dass die Vergangenheit weit weniger glorreich war, als sie im Angesicht der Gegenwart wirken mochte. Manch einer erinnerte denn auch an all die Hungrigen und Arbeitslosen, die das Konzert überhaupt nicht sehen konnten, weil es für sie weder Strom gab noch das Internet funktionierte.

          Andere freuten sich pragmatisch mit den Musikern und Technikern des Fernsehens, die wenigstens für einen Abend lang einen Job hatten, für den sie womöglich sogar bezahlt würden. Und wieder andere waren einfach froh, einmal einem Konzert des „Baalbeck International Festivals“ folgen zu dürfen. Einem Ereignis, das stets jenen vorbehalten war, die die teuren Tickets bezahlen konnten, und das sich in dem Moment öffnete, in dem das so gut wie niemand mehr kann.

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