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Haydneum Budapest : Bei der Musik denkt man in Ungarn europäisch

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Der Purcell-Chor und das Orfeo-Orchester im Budapester Kulturpalast. Bild: Pilvax

Joseph Haydn stand als Österreicher dreißig Jahre im Dienst eines ungarischen Fürsten. Um die Musik dieser Zeit besser zu erforschen und zu verbreiten, wurde jetzt in Budapest das Haydneum gegründet. Es steht unter französischer Leitung.

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          Bisweilen denkt man groß in Ungarn. Dann bemüht man selbst für individuelle Missgeschicke im Alltag die kollektiven Tragödien des Landes, zitiert Mohács, den kleinen Flecken im Süden Ungarns, wo anno 1526 die Osmanen einfielen und ihre illegitime Herrschaft begründeten. Oder man erinnert an Trianon, wo im Jahr 1920 Verträge geschlossen wurden, die eine neue staatliche Wirklichkeit schufen, die für Ungarn mit großen territorialen Verlusten verbunden war. Auch der Schriftsteller Péter Esterházy dachte groß, als er seine Familienchronik „Harmonia Caelestis“ nannte; nicht ohne leichte Ironie, die ihm allerdings kurz vor Vollendung des Werkes im Hals stecken blieb, als er von der Verstrickung seines Vaters in die Machenschaften der ungarischen Geheimpolizei erfuhr und sich gezwungen sah, der Chronik eine „verbesserte Ausgabe“ mit Auszügen aus aktuell zugänglichen Agentenberichten anzuhängen.

          Beim Festival Haydneum, das jetzt an vier Tagen in Budapest und im Schloss Esterháza bei Fertőd, unweit des Neusiedler Sees stattfand, fühlte man sich unwillkürlich an die Tradition großer Gedanken in Ungarn erinnert. Denn mit dem Namen Joseph Haydn verbinden sich himmlische Harmonien und glanzvolle Zeiten der Habsburger Monarchie mit jenem stets loyal gebliebenen Hochadelsgeschlecht der Esterházys, in deren Diensten der Komponist dreißig Jahre gewirkt hat. Die Kulturinitiative soll dabei keineswegs nur ein etwas anderes Musikfest unter vielen in der Musikstadt Budapest werden. Haydneum ist als nationales Projekt mit entsprechender staatlicher Unterstützung konzipiert: als Zentrum für Alte Musik mit jährlichen Konzerten, einem Archiv, mit Forschungs- und Bildungseinrichtung, wissenschaftlichen Publikationen und Klangaufzeichnungen; zugleich eingebunden in ein Netzwerk bereits bestehender kultureller Institutionen.

          Als Initiator des Zentrums muss der unerschrockene Dirigent und Präsident der Ungarischen Akademie der Künste, György Vashegyi, freilich einen für Ideologen provokativen Satz Péter Esterházys paraphrasiert haben: „Der Schriftsteller soll nicht in Volk und Nation denken, sondern in Subjekt und Prädikat.“ In diesem Sinne hat er für das erste Musikfestival nun Spezialisten für Alte Musik aus Deutschland und Frankreich eingeladen, wohl wissend, dass für das, was als Subjekt und Prädikat historisch informierter Aufführungspraxis gilt, die ungarische Alte-Musik-Bewegung, der er selbst wichtige Impulse gab, noch Nachholbedarf hat, obwohl die Capella Savaria mit solchen Koryphäen wie Nicholas McGegan in den Achtzigerjahren einmal zu den Pionieren historischer Aufführungspraxis östlich des Eisernen Vorhangs gehört hatte.

          Christophe Rousset (rechts) probt für die Eröffnung des Haydneums.
          Christophe Rousset (rechts) probt für die Eröffnung des Haydneums. : Bild: Pilvax

          So wurde denn jetzt auch kein Ungar als künstlerischer Leiter für das Haydneum engagiert, sondern der französische Musikwissenschaftler Benoît Dratwicki, der auch dem Centre de Musique Baroque Versailles vorsteht und der zu den angesehensten Experten der Musik des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gehört. Schließlich will das Haydneum nicht nur ungarische Musik wiederentdecken oder neu beleben, vielmehr Musik, die in Ungarn und am Hofe der Fürsten Esterházy aufgeführt wurde, wo man seinerzeit nicht nur Haydns Werke zu Gehör brachte, sondern Musik seiner Gegenwart, unabhängig von der Herkunft der Tonsetzer; fürwahr ein Gedanke europäischen Zuschnitts.

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