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Preisgekröntes Behindertentheater : Mit Down-Syndrom auf der Bühne

  • -Aktualisiert am

„Spielen, spielen, spielen und nicht bloß etwas nachmachen!“: Menschen, die im Alltag häufig angestarrt werden, stehen bei „RambaZamba“ selbstbewusst auf der Bühne. Bild: Michael Bause

Theater mit und von Behinderten: In Berlin macht die Truppe des „RambaZamba“ unter ihrer Chefin Gisela Höhne daraus ein hinreißendes Vergnügen voller Mut, Leidenschaft und Phantasie.

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          Die Geschichte eines der aufsehenerregendsten deutschen Theater ist einem Zufall zu verdanken, der Tatsache nämlich, dass die Schauspielerin Gisela Höhne und ihr Mann, der Regisseur Klaus Erforth, 1976 in Ost-Berlin ein Kind mit Down-Syndrom bekamen. Moritz konnte zwar verbal wenig artikulieren, aber hervorragend gestisch ausdrücken, was er erlebte, dachte, fühlte.

          Als seine Mutter jedoch mit ansehen musste, wie er in seiner Tagesstätte bei der Aufführung des Weihnachtsmärchens lauter Dinge tun sollte, die er weder begriff noch beherrschte, beschloss sie, selbst eine Gruppe zu organisieren, um seine Fähigkeiten zu fördern.

          Nachdem sie 1987 ihre zweite Ausbildung, das Studium der Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität, mit dem Doktortitel abgeschlossen hatte, gründete sie daher einen Zirkus, in dem erstmals in der DDR behinderte Kinder in einer freien, künstlerischen Form auftraten. Daraus entwickelte sie dann das Theater „RambaZamba“, das 1991 mit „Prinz Weichherz“, dem Regiedebüt von Gisela Höhne, im Deutschen Theater gefeiert und schlagartig bundesweit bekanntwurde.

          Ausgrenzung, Verlassenwerden, Liebessehnsucht

          Seit 1993 hat „RambaZamba“ im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg auf dem Gelände der Kulturbrauerei eine eigene, vom Senat unterstützte Spielstätte. Moritz und seine Freunde zählen nach wie vor zum harten Kern. Über die Jahre ist es gelungen, 35 feste Stellen für die Schauspieler einzurichten, die sich dadurch ganz auf ihre schöpferische Arbeit samt dem regelmäßigen Körper- und Sprechtraining konzentrieren können.

          Denn Gisela Höhne ist Künstlerin, nicht Pädagogin oder Therapeutin, duldet keinen Schlendrian und besteht auf professionellen Standards. Sie liebt ihr Ensemble, aber sie verzärtelt es nicht, sie ist großzügig mit Lob, aber das will bei jeder Probe und Vorstellung erworben sein. Rund dreißig assoziativ-kraftvolle, poetisch-suggestive Produktionen sind bisher, meist unter Beteiligung von ein, zwei unbehinderten Mitwirkenden, entstanden. Das integrative Theater „RambaZamba“ ist längst ein geschätzter, mit Preisen überhäufter Gast auf in- und ausländischen Bühnen.

          Theater von und mit Behinderten: Mit dem Stück „Am liebsten zu dritt“ wurde „RambaZamba“ zum Caroline-Neuber-Preis nach Leipzig eingeladen.

          Wie funktioniert die Kommunikation zwischen ihr und den vorwiegend geistig behinderten Darstellern? „Ein ausgefeiltes intellektuelles Konzept nützt mir überhaupt nichts“, erklärt die energische Prinzipalin mit dem offenen Lachen, „das würden sie nicht verstehen“. Zu Beginn jeder Inszenierung fragt sie deshalb die Mitspieler nach persönlichen Erfahrungen, um etwa Themen wie Ausgrenzung, Verlassenwerden, Liebessehnsucht aufzubereiten. Diese bildeten zum Beispiel das Zentrum von „Medea - Der tödliche Wettbewerb“, wofür es 1999 den Sonderpreis der Jury des Festivals „Politik im freien Theater“ gab.

          „Verlange von diesen Menschen nichts, was sie nicht können“

          Sie zeigte Pasolinis „Medea“-Film, der ihren Schauspielern mit seinem epischen Erzähltempo und den starken Bildern sehr entgegenkam, „an sie können sie sich lange erinnern und an die Gefühle, die sie weckten“. Auf den Proben ist die Regisseurin extrem gefordert, weil die Akteure ihr manchmal völlig unerwartete szenische Vorschläge machen: „Daraus ergeben sich oft tolle Lösungen, die mir nie eingefallen wären!“

          Und wenn einem von ihnen, typisch beim Down-Syndrom, die Worte in der Aufregung chaotisch fern jeder Grammatik aus dem Mund purzeln, sagt sie einfach: „Komm, lass die Bälle springen, ich kapier’s schon!“ Wenn allerdings gar nichts passiert, weiß sie, dass sie auf dem falschen Weg ist und gemäß ihrer Devise andere Motivationen finden muss: „Verlange von diesen Menschen nichts, was sie nicht können - beachte lieber das, was sie können. Das jedoch, was erreichbar ist, soll auch erreicht werden, ohne Kompromisse!“

          Die Theaterfrau, die etwas Großes bewegt: Gisela Höhne, Chefin des „RambaZamba“, erhält den Caroline-Neuber-Preis der Stadt Leipzig.

          Von Anfang an erschienen Gisela Höhne „die besondere Poesie, die Gestaltungsfreude, die Hingabe“ vieler Behinderter als ein Schatz, den es zu heben lohnt. Sie will ihr Ensemble „weder ausstellen noch Krankheitsbilder als Theaterstil verkaufen“. Deshalb stehen die Menschen, die im Alltag häufig angestarrt werden, dann selbstbewusst als Othello, Woyzeck oder Ophelia vor dem Publikum auf der Bühne: „Schaut her, das kann ich!“ Und nicht: „Das bin ich.“

          Berühmte Regisseure und Schauspieler unterstützen das Theater

          Für Gisela Höhne war immer klar, dass es hier um Kunst geht, denn „sie spielen Rollen, sprechen Texte, können wechselnde Situationen schaffen“. Dafür hat man sich gemeinsam die nötigen Produktionsbedingungen erkämpft: das eigene Gebäude, die Zeit für genügend Proben, Ausdrucksformen jenseits der Sprache und wechselnde gute Partner, um dazuzulernen, wie von Julie Anne Stanzak, Tänzerin in Pina Bauschs Wuppertaler Theater, die mit ihnen gearbeitet hat.

          Die Inszenierungen von „RambaZamba“ zogen Intendanten und Regisseure wie Frank Castorf, Ulrich Khuon oder Dimiter Gotscheff an. Auch gestandene Schauspielerkollegen sind beeindruckt vom Können, das die behinderten Darsteller mit Leidenschaft und Phantasie über die Rampe bringen - ob Meret Becker, der verstorbene Otto Sander oder Jürgen Holtz, ob Angela Winkler, deren Tochter Nele seit langem zum Ensemble gehört, oder Eva Mattes, die im Schauspiel Leipzig die Laudatio halten wird, wenn Gisela Höhne morgen den Caroline-Neuber-Preis erhält. Mit 10 000 Euro dotiert, wird er von der Kommune alle zwei Jahre an eine prägende Theaterfrau - wie bereits Jutta Hoffmann oder Sasha Waltz - verliehen.

          Eva Mattes zum Beispiel ist fasziniert von der Kreativität bei „RambaZamba“, da gehe es nur darum: „Spielen, spielen, spielen und nicht bloß etwas nachmachen - genau wie einst bei Peter Zadek!“ Das Haus des Theaters hat viele Wohnungen - und „RambaZamba“ hat darin gewiss eine der glückvollsten eingerichtet.

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