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Begegnung mit Beethoven : Herunter vom Feldherrnhügel

Ich hörte Beethoven, bevor ich zur Schule ging: Eine Erinnerung an eine Jugend mit Beethoven Bild: EPA

Er war auf meiner Seite: Zum Auftakt des Beethoven-Jubiläums erinnert sich unserer Musikredakteur, wie er zu seinem Ersatzgroßvater kam.

          3 Min.

          Beethoven trat in mein Leben, als ich neun Jahre alt war. Besser gesagt: Er ergriff dieses Leben, weil er mich für lange Zeit einfach nicht mehr losließ. Bei einer Tombola in der Adventszeit gewann ich in der Schule ein Buch mit dem Titel „Begegnung mit der Unsterblichkeit“. Kurt David hatte es geschrieben, Kriegsheimkehrer, ehemaliger Volkspolizist, Kulturbund-Kreissekretär und Stasi-Spitzel. Das kam allerdings erst später heraus. Es war ein Buch für Jugendliche, für Dreizehn- bis Sechzehnjährige, aber für mich keineswegs zu schwer. Es riss mich mit.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte, als Ludwig van Beethoven sich auf dem schlesischen Landsitz seines Gönners, des Fürsten von Lichnowsky, weigerte, auf dem Klavier seine „Appassionata“ vor napoleonischen Besatzungsoffizieren zu spielen, und mit einem Stuhl auf den Fürsten losging, imponierte mir. Und das traurige Ende, jene Fahrt auf dem offenen Leiterwagen von Gneixendorf nach Wien, auf dem sich Beethoven im Spätherbst 1826 im frühen Schnee eine Lungenentzündung holte, die ihm dann den Tod brachte, las ich immer wieder mit heißem Kopf.

          Ich wollte Musik von Beethoven hören. Einen Plattenspieler gab es zu Hause noch nicht. Also nahm ich mit einem Magnettonbandgerät – Tesla B41 – vom Radio alles auf, was Beethoven war. Um zu wissen, wann Beethoven gespielt wurde, brauchte ich ein Rundfunk- und Fernsehprogramm, das Mangelware war wie vieles in unserem Land. Man musste früh aufstehen, um es am Zeitungskiosk anderen wegzuschnappen. Der bekam um sechs Uhr morgens Ware. Um halb sieben, eine Dreiviertelstunde vor Schulbeginn, schob ich dann meine fünfzehn Pfennige über den Zahltisch und empfing die Offenbarung von Tag und Stunde neuer Sendungen. Die 138 Opuszahlen hatte ich bald auswendig gelernt und wusste schnell, was ich schon aufgenommen hatte und was nicht. Als es dann einen Plattenspieler gab, war die erste Schallplatte, die meine Eltern für mich kauften, ein Doppelalbum mit der Aufzeichnung eines Beethoven-Liederabends von Peter Schreier und Jörg Demus bei den Salzburger Festspielen 1977.

          Ich hörte Beethoven, bevor ich zur Schule ging

          Schallplatten waren in unserer pommerschen Kleinstadt ohnehin noch schwieriger zu bekommen als Rundfunkprogramme. Mein Vater, der mit konstanter Boshaftigkeit zu den Reserveübungen der Nationalen Volksarmee eingezogen wurde und daher immer einen gepackten Koffer auf dem Schrank hatte, schaffte es, während weniger Ausgangsstunden bei einem Wintereinsatz in einer weiteren Kleinstadt eine Schallplatte mit frühen Klaviersonaten von Beethoven zu besorgen, die er dann, in Handtücher gewickelt, für mich mit nach Hause brachte. Bücher über Beethoven gab es in der Stadtbibliothek, wo meine Mutter sie für mich auslieh. Weil man sie immer wieder abgeben musste und es damals noch keine Kopierer gab, schrieb ich, ein kindlicher Mönch von neun oder zehn Jahren, aus diesen Büchern jene Teile ab, die mir wichtig erschienen: Briefe, Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen von Zeitzeugen. Die Kommentare der Biographen interessierten mich anfangs gar nicht. Als Elfjähriger verblüffte ich das Aufsichtspersonal im Beethoven-Museum im ungarischen Martonvásár, als ich meiner Mutter und meiner Cousine von einem Foto des Autographs das Heiligenstädter Testament von Beethoven vorlas.

          Ich hörte Beethoven, bevor ich morgens zur Schule ging; ich hörte ihn, bevor ich abends einschlief, und weil ich ein Beethoven-Bild in meinem Zimmer haben wollte, es aber keins zu kaufen gab, machte ich mir selbst eins, indem ich die Umrisse des Kupferstichs nach dem Gemälde von Ferdinand Waldmüller von einem kleinen Buchtitelbild Planquadrat für Planquadrat mit Glasmalstift auf leere Dia-Fassungen übertrug, die Ausschnitte an die Wand projizierte und auf einem großen Blatt Papier wieder zusammensetzte. Danach hatte ich „meinen“ Beethoven.

          Niemand führte mich dabei, niemand verlangte etwas von mir. Es war mein eigener Eifer, der mich trieb. Und ich hatte das Gefühl, Beethoven war auf meiner Seite. Seltsamerweise besaß ich – so wie manche Kinder mit hochroten Wangen und tief versunken Arnold Schönbergs „Pierrot lunaire“ hören – ein instinktives Zutrauen zum Spätwerk Beethovens. Kein Adorno, kein Thomas Mann hatte mir den Weg dorthin verbaut. Niemand hatte mir gesagt, dass diese Musik sperrig, rätselhaft und kühn sei. Mir schien sie freundlich, abgeklärt, von großväterlicher Heiterkeit zu sein.

          Ich mochte meine Großväter, hatte sie aber beide relativ früh verloren und quasi mit Beethoven meinen Ersatzgroßvater adoptiert, der mir erklärte, dass man keine Angst zu haben brauche, wenn es in der Welt manchmal wirr zuging. Das, was die Gelehrten als radikalen Bruch mit der musikalischen Form glorifizierten, war mir die dankbare Annahme von Unvorhersehbarem. Philosophisch oder soziologisch würde man sagen: die Akzeptanz von Kontingenz. Dieses Herunterkommen vom Feldherrenhügel der eigenen Existenz, dieses Verzichten aufs Plänemachen, das schien mir schon damals ein Inbegriff von Weisheit. Sie führte keineswegs zu Fatalismus und Lethargie. Was man vom späten Beethoven lernen konnte, war, regsam zu bleiben, auch wenn man Kontingenz akzeptierte. Es ging darum, an der Welt teilzuhaben, Freiräume zu kapern, Sinn-Inseln zu schaffen. Und darum geht es noch immer.

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