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Beethovens Neunte in Abu Dhabi : Es ist ein Wüstenros entsprungen

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Götterfunken: Blick in den Konzertsaal des Hotel „Emirates Palace“ Bild: Abu Dhabi Classics

1824 wurde die letzte vollendete Symphonie von Ludwig van Beethoven uraufgeführt. 2020 erklingt sie erstmals auf der Arabischen Halbinsel. Die Symphoniker Hamburg spielen die Neunte in Abu Dhabi.

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          Islamismus in der „Ode an die Freude“? Diese Passage schien selbst Beethovens Freund Friedrich August Kanne, der den Begriff benutzte, peinlich: Etwa zehn Minuten des Finales sind vorüber, als es plötzlich knarzend-tschingderassig losmarschiert: „Froh, wie seine Sonnen fliegen“ als „Janitscharenmusik“. Während einige Kritiker sich echauffierten, in welche musikalische Gesellschaft der Nationaldichter Schiller denn da gerate, so verteidigte Kanne zwar „Beethovens morgenländisches Messing-Orchester“, aber doch mit spürbarer Verlegenheit. Immerhin, das Ganze komme „aus ächt-deutscher Brust“. Vor wenigen Jahren fasste der Musikschriftsteller Dieter Hildebrandt das Befremden der Zeitgenossen sarkastisch zusammen: „Alle Menschen werden Brüder, selbst die Türken sind dabei.“

          Gute Gründe also, die Neunte 196 Jahre nach ihrer Uraufführung einmal auf der Arabischen Halbinsel zu spielen. Es sei die allererste Aufführung des Werks in dieser Region überhaupt, heißt es beim Besuch der Symphoniker Hamburg in Abu Dhabi, wo man nicht nur das Geld besitzt, um sich solche Gastspiele leisten zu können, sondern eben auch Interesse daran hat. So gönnt das Emirat sich neben Formel-1-Rennen ja auch einen offiziell lizenzierten Louvre. Und während der noch protzigere Nachbar Dubai in Deutschland nicht zuletzt durch ein vergoldetes Steak berühmt-berüchtigt wurde, das ein Fußballstar dort vor laufender Kamera verzehrte, bestellte das seit 2012 stattfindende Festival Abu Dhabi Classics sich zuletzt zwei goldene Schnitzel der Musikgeschichte: 2019 eine Original Bayreuther „Walküre“ und 2020 einen ächten Beethoven.

          Und zwar im riesigen Prunkhotel „Emirates Palace“ am Rand der Inselstadt, nur durch eine Wellenbrecher-Insel vom Persischen Golf getrennt. Einen Cappuccino mit Goldflocken könnte man hier bestellen, satte fünf Kilo Blattgold werden per anno im Emirates Palace verfuttert. Im üppigen Foyer ruft kurioserweise die Melodie von „Es ist ein Ros entsprungen“ die Besucher zum Konzert. So flauschig der Saal, so stumpf ist dann zwar seine Akustik. (Der Bau eines eigenen, gewiss spektakulären Konzerthauses verschiebt sich seit Jahren.) Und dennoch gelingt dem Dirigenten Sylvain Cambreling, der das Gegenteil eines blattvergoldeten Showdirigenten ist, eine Neunte, die weder flauschig noch stumpf ist, sondern von der Erhabenheit des Kamels und der Schärfe des Falken, nämlich standfest und unbeirrbar, klar proportioniert und zielgerichtet kantig. Wenn die Kontrabässe schließlich ihr Freude-Thema anstimmen und es wirklich aus tiefster Ferne heransummt, schätzt man sogar die Vorzüge der unzulänglichen Akustik: eine unerreichbare Verheißung – trotz des Freude-Jubels, der gleich losbrechen wird.

          Hanseatische Symphoniker in Abu Dhabi

          Ganz dicht dran, in der ersten Reihe, sitzt der Kronprinz und Außenminister Scheich Abdullah bin Zayid Al Nahyan, einer der vier Söhne der Lieblingsfrau des Übervaters von Abu Dhabi, Scheich Zayid. Er kann sich darüber freuen, dass man für die historische Beethoven-Sause kein Weltmarken-Ensemble wie die Wiener oder Berliner Philharmoniker eingeladen hat, die beide schon mal hier waren, sondern ein vergleichsweise namenloses Orchester. Die Symphoniker Hamburg mögen als Label goldfrei sein, aber hanseatische Musikfreunde loben, wie sich dieses Orchester unter seinem umtriebigen Intendanten Daniel Kühnel in den vergangenen fünfzehn Jahren vom B- zum A-Orchester entwickelt hat. Sehr bemerkenswert ist auch die Leistung der mitgereisten Europa Chor Akademie Görlitz.

          Freuen kann sich der Scheich aber auch darüber, dass Misstöne wie beim Besuch der Berliner Philharmoniker ausbleiben, die 2011 ihren israelischen Konzertmeister Guy Braunstein aus undurchsichtigen Gründen zu Hause ließen. Angenehmere und freudenvollere Töne sind es, dass bei der Judo-WM 2018 erstmals die israelische Flagge gehisst und die Hatikva gespielt wurde – ein Akt, den Abu Dhabi früher noch verweigert hatte. Diese Öffnung mag machtpolitische und wirtschaftliche Gründe haben. Aber, wie man als Besucher spürt, wohl nicht nur. So sind die Gänge des Louvre Abu Dhabi nicht nur von Touristen, sondern auch von Einheimischen proppenvoll. Es wirkt schlüssig, wie hier Statuen der Han-Dynastie neben Masken aus Teotihuacán stehen; lehrreich und berührend aber, in einem eigenen Raum alte Ausgaben des Korans, der Thora und der Bibel harmonisch beieinander liegen zu sehen.

          Abu Dhabi Classics, heute geleitet von dem Deutschen Roland Perlwitz und einem arabischen Team, arbeitet leidenschaftlich für ein ebensolches Beieinander. Der größte Publikumsmagnet im Programm dürfte keineswegs Beethoven sein, sondern die libanesische Sängerin Majida El Roumi. Die Neunte im „Emirates Palace“ aber wirkt nicht bloß wie eine sportliche Herausforderung für besonders ambitionierte Adabeis: Hochkonzentriert und mucksmäuschenstill hört das Publikum zu. Tags zuvor sind Schulkinder zur Orchesterprobe gekommen und haben die erste Strophe der Ode mitgesungen, etwas zaghaft zunächst, dann euphorisch, nachdem Cambreling ihnen zugerufen hatte: „Action! Don’t think – sing!“

          So differenziert sich auch der Blick des flüchtigen Besuchers. Es wäre ein Billiges, die europäische Nase zu rümpfen über neureiche Emporkömmlinge, die sich da Höchstkultur einkaufen. Ein ernsteres Thema ist die Menschenrechtslage, etwa die Situation der vielen asiatischen und afrikanischen Gastarbeiter, selbst wenn sie nicht so schlimm sein mag wie etwa in Bahrein. „Alle Menschen werden Brüder“ – auch die rechtlosen Arbeitsmigranten? Und dennoch, trotz solcher Bedenken, lernt man Achtung vor der Wüstenrose Abu Dhabi, die innerhalb weniger Jahrzehnte von einem Kaff an einer Süßwasserquelle zu einer (allzu autoförmigen) Millionenstadt geworden ist und trotz Öls im Überfluss strategisch ihre Zukunft plant. Nicht nur mit Louvre und klassischer Musik, sondern etwa auch mit der Planung der CO2-neutralen Ökostadt Masdar, selbst wenn es mit deren Fertigstellung hakt.

          Natürlich hört man das „Seid umschlungen, Millionen“ des Männerchors im goldenen Palast mit einem spöttischen Lächeln. Wie aber das Chorfinale einige Zuhörer ans Herz fasst, erkennt man, wenn gegen Ende die ineinandergefassten Hände einer Mutter und ihrer etwa zehnjährigen Tochter freudig mitschwingen. Auch Scheich Abdullah habe, so ist nach dem Konzert zu hören, stellenweise heiter mitdirigiert. Und ganz gewiss ist, dass die Erdnüsse und Datteln, die für die Ehrengäste in der ersten Reihe bereitstanden, nach dem Konzert unberührt waren.

          Albrecht Selge ist Schriftsteller und Musikblogger (hundert11.net). Sein neuer Roman „Beethovn“ erscheint am 18. Februar bei Rowohlt Berlin.

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