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Beethovens Neunte in Abu Dhabi : Es ist ein Wüstenros entsprungen

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Freuen kann sich der Scheich aber auch darüber, dass Misstöne wie beim Besuch der Berliner Philharmoniker ausbleiben, die 2011 ihren israelischen Konzertmeister Guy Braunstein aus undurchsichtigen Gründen zu Hause ließen. Angenehmere und freudenvollere Töne sind es, dass bei der Judo-WM 2018 erstmals die israelische Flagge gehisst und die Hatikva gespielt wurde – ein Akt, den Abu Dhabi früher noch verweigert hatte. Diese Öffnung mag machtpolitische und wirtschaftliche Gründe haben. Aber, wie man als Besucher spürt, wohl nicht nur. So sind die Gänge des Louvre Abu Dhabi nicht nur von Touristen, sondern auch von Einheimischen proppenvoll. Es wirkt schlüssig, wie hier Statuen der Han-Dynastie neben Masken aus Teotihuacán stehen; lehrreich und berührend aber, in einem eigenen Raum alte Ausgaben des Korans, der Thora und der Bibel harmonisch beieinander liegen zu sehen.

Abu Dhabi Classics, heute geleitet von dem Deutschen Roland Perlwitz und einem arabischen Team, arbeitet leidenschaftlich für ein ebensolches Beieinander. Der größte Publikumsmagnet im Programm dürfte keineswegs Beethoven sein, sondern die libanesische Sängerin Majida El Roumi. Die Neunte im „Emirates Palace“ aber wirkt nicht bloß wie eine sportliche Herausforderung für besonders ambitionierte Adabeis: Hochkonzentriert und mucksmäuschenstill hört das Publikum zu. Tags zuvor sind Schulkinder zur Orchesterprobe gekommen und haben die erste Strophe der Ode mitgesungen, etwas zaghaft zunächst, dann euphorisch, nachdem Cambreling ihnen zugerufen hatte: „Action! Don’t think – sing!“

So differenziert sich auch der Blick des flüchtigen Besuchers. Es wäre ein Billiges, die europäische Nase zu rümpfen über neureiche Emporkömmlinge, die sich da Höchstkultur einkaufen. Ein ernsteres Thema ist die Menschenrechtslage, etwa die Situation der vielen asiatischen und afrikanischen Gastarbeiter, selbst wenn sie nicht so schlimm sein mag wie etwa in Bahrein. „Alle Menschen werden Brüder“ – auch die rechtlosen Arbeitsmigranten? Und dennoch, trotz solcher Bedenken, lernt man Achtung vor der Wüstenrose Abu Dhabi, die innerhalb weniger Jahrzehnte von einem Kaff an einer Süßwasserquelle zu einer (allzu autoförmigen) Millionenstadt geworden ist und trotz Öls im Überfluss strategisch ihre Zukunft plant. Nicht nur mit Louvre und klassischer Musik, sondern etwa auch mit der Planung der CO2-neutralen Ökostadt Masdar, selbst wenn es mit deren Fertigstellung hakt.

Natürlich hört man das „Seid umschlungen, Millionen“ des Männerchors im goldenen Palast mit einem spöttischen Lächeln. Wie aber das Chorfinale einige Zuhörer ans Herz fasst, erkennt man, wenn gegen Ende die ineinandergefassten Hände einer Mutter und ihrer etwa zehnjährigen Tochter freudig mitschwingen. Auch Scheich Abdullah habe, so ist nach dem Konzert zu hören, stellenweise heiter mitdirigiert. Und ganz gewiss ist, dass die Erdnüsse und Datteln, die für die Ehrengäste in der ersten Reihe bereitstanden, nach dem Konzert unberührt waren.

Albrecht Selge ist Schriftsteller und Musikblogger (hundert11.net). Sein neuer Roman „Beethovn“ erscheint am 18. Februar bei Rowohlt Berlin.

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