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Kurz, kurz, kurz, lang : Mit Beethoven gegen die Nazis

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Winston Churchill liebte das V-Zeichen so sehr, dass er es noch 1950 benutzte. Ob ihm die Mehrfachcodierung so klar war? Bild: Picture-Alliance

Der Anfang von Beethovens fünfter Symphonie wurde als Sendezeichen der BBC, als V-Zeichen für „Victory“ und „Vrjheid“ und als Morsecode zum Widerstandssymbol gegen die Nazis.

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          Hoch auf der Spitze des Ida wirbt Zeus um Here, dass sie mit ihm das Liebeslager teilen möge. Doch so vollkommen frei und überall sichtbar den Blicken der Götter und Menschen ausgesetzt, besteht diese auf ein schützendes Gemach. Und so umhüllt der Kronide Here mit Wolken, so dicht, dass selbst Helios’ Strahlen nicht durchzudringen vermögen. In einschlägigen Filmszenen tritt an die Stelle der Wolke die Decke. Kinder setzen unter ihr heimlich die späte Lektüre fort. Und wenn die Nase trieft, der Rachen kratzt, die Brust vom Husten schmerzt, wird ebenfalls die Decke über Kopf und Aufguss gezogen, um die heilenden Dämpfe zu inhalieren.

          „Englisch Inhalieren“ nannte der Volksmund in den letzten Kriegsjahren des deutschen Naziregimes das Hören der Nachrichten des German Service der BBC. Das musste heimlich geschehen und funktionierte ähnlich: mit einer Decke über Kopf und Volksempfänger. Das Hören der Feindsender war strikt verboten, die Strafverfolgung erbarmungslos. Bis zu zehn Millionen Hörer soll der German Service im letzten Kriegsjahr gehabt haben. Das Gesundungsverlangen war ein Wahrheitsverlangen. Man suchte der gleichgeschalteten Meinungsbildung und Nazi-Propaganda zu entkommen und sich Zugang zur Öffentlichkeit der freien Welt zu verschaffen. Berühmt wurden die über den German Service verbreiteten Reden Thomas Manns an die Deutschen. Nicht allein die Metapher des Inhalierens für das heimliche, nach Aufklärung verlangende Radiohören ist faszinierend, sondern auch das Sendezeichen, mit dem der German Service sich für die Hörer bemerkbar machte: Vier dumpfe Schläge, dann: „Hier spricht London“.

          Die Ursprünge der akustischen Gestalt liegen im Graffiti: Als der belgische Justizminister Victor Auguste de Lavaleye 1940 ins Londoner Exil geht, appelliert er über Radio Belgique der BBC an seine Landsleute, im Kampf gegen die Nazi-Invasoren den Buchstaben V als Kampagnenzeichen zu verwenden: Das V steht für französisch Victoire (Sieg) und flämisch für Vrjheid (Freiheit). Damit ist das Kampagnenzeichen vierfach konnotiert. Es ist ein Sammlungs- und Einigungszeichen, und es benennt Mittel (Widerstand) und Zweck der Kampagne (Sieg und Freiheit). Das Graffiti findet sich auf Bürgersteigen, an Häuserwänden und hineingekratzt in die Kotflügel der deutschen Autos. Und gebildet mit gespreiztem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand wird es zur Geste. Winston Churchill popularisiert es zum universellen Zeichen im weltweiten Kampf gegen das Naziregime: „The V sign is the symbol of the unconquerable will of the occupied territories and a portent of the fate awaiting Nazi tyranny.“

          Eine neue akustische Gestalt erhält der lateinische Buchstabe durch seine die Übersetzung in das Morsealphabet: kurz kurz kurz lang. Die Basisstruktur eines Sendezeichens ist geschaffen. Das V-Zeichen ist nun universell einsetzbar für Auge, Hand und Ohr: Es ist sichtbar, zeigbar und hörbar. Und semantisch wurde es noch zugespitzt: Die Morsealphabet-Gestalt gleicht dem Kopfmotiv der fünften Symphonie von Beethoven, eine der damaligen nationalen Identifikationsmusiken der Deutschen. Man augmentierte das Kopfmotiv und ließ es auf dumpfen Pauken spielen: Der Beginn der „Fünften“ wird zum Signal der Kriegstrommeln. Der Rundfunk, die damals modernste Technologie der Kommunikation, verbindet sich mit der menschheitsgeschichtlich ältesten Form der Nachrichtenübertragung. Und die neue semantische Konnotation für die akustische Gestalt färbt auf deren visuelle ab: Das Zeichen V steht jetzt auch für die römische Ziffer V, und damit für die „Fünfte“, die sogenannte „Schicksalssymphonie“. Es wird zum Omen des Schicksals, das den Nazideutschen zugedacht ist.

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