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Beethovenausstellungen in Bonn : Strom im Kopf

Eine Lebendmaske von Ludwig van Beethoven, die Franz Klein 1812 vom Komponisten abnahm. Sie liegt in einer Vitrine in der Bundeskunsthalle Bonn. Bild: dpa

Doppelter Glücksfall: Eine gewaltige Ausstellung in der Bundeskunsthalle und die neue Dauerausstellung im Beethovenhaus Bonn bringen uns den Komponisten nahe, ohne ihn vom Sockel holen zu müssen.

          4 Min.

          Die großen Landschaftsgärtner der Romantik, die Meister englischer Parks, suchten die Seele des Wandernden im Gehen zu bilden. Dankbarkeit für das Erlebnis von Weite lehrten sie ihn durch die Erfahrung von Enge, ließen ihn Schluchten, Senken und finstere Pfade durchschreiten, bevor sich die großen Sichtachsen auftaten und die Seele durchatmen konnte. Vieles von der Bewegungs- und Erlebnisdramaturgie des englischen Landschaftsparks lässt sich in der Musik von Ludwig van Beethoven wiederfinden, besonders in den ersten beiden Klavierkonzerten mit ihren ausgedehnten harmonischen Verdunkelungsfeldern und den Mediantverbindungen, jenen terzverwandten Tonarten also, die quasi harmonische Sichtachsen zwischen weit entfernten Punkten der Tonalität schlagen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Von dieser Bewegungsführung im Raum und dem mit ihr verknüpften Prozess des Fühlens und Erkennens haben sich auch Julia Ronge und Agnieszka Lulińska, die beiden Kuratorinnen der gewaltigen Ausstellung „Beethoven.Welt.Bürger.Musik“ in der Bonner Bundeskunsthalle inspirieren lassen. Zwar ist der Rundgang chronologisch angelegt und führt über die Kindheit in Bonn zur Hauptwirkungsstätte des Komponisten nach Wien bis in die Jahrzehnte seiner Nachwirkung um 1900; doch man kann zwischendurch an Weggabelungen den Kurs ändern, im Kreis gehen, Abkürzungen nehmen und gelangt auch hier an eine dunkle, bedrückende Stelle.

          Es ist ein Verschlag, in dem nur zwei, drei Menschen Platz finden, matt erleuchtet. Darin findet man eine Maschine für die sogenannte Galvanotherapie. Beethoven hatte versucht, seine Taubheit damit zu lindern, indem er sich Gleichstrom durch den Kopf jagte. Eine Hand steckte man in eine leitende Lösung, vornehmlich Salzwasser, dann wurde ein Metallzylinder ins Ohr eingeführt und der Stromfluss erzeugt. „So etwas machen Sie nur, wenn Sie völlig verzweifelt sind“, sagt Julia Ronge. Ein Konversationsheft, wie Beethoven es seit 1818 benutzte, als er gesprochene Sprache nicht mehr verstand, dokumentiert seine Unterhaltung mit einem anderen Schwerhörigen. Er rät seinem Leidensgenossen vom frühen Einsatz von Hörmaschinen ab; er selbst habe sich sein linkes Ohr lange erhalten können, indem er darauf verzichtete. Die Galvanotherapie konnte er „früher aber nicht ertragen“.

          Johann Nepomuk Mälzel: Großes Hörrohr Ludwig van Beethovens aus dem Jahr 1813, zu sehen im Beethoven-Haus Bonn.
          Johann Nepomuk Mälzel: Großes Hörrohr Ludwig van Beethovens aus dem Jahr 1813, zu sehen im Beethoven-Haus Bonn. : Bild: Beethoven-Haus Bonn

          Tritt man aus diesem Kabinett wieder ins Freie, tut sich die Sichtachse auf zur neunten Symphonie, zur Ode „An die Freude“, die im vierten Satz auf das antwortet, was Beethoven in Bezug auf deren ersten Satz „den verzweiflungsvollen Zustand“ genannt hatte. Doch man muss, um all diese Details zu erfahren, entweder das Glück haben, von Ronge oder Lulińska geführt zu werden, oder aber den Audioguide benutzen. Denn die Kommentierung der mehr als zweihundertfünfzig Exponate ist knapp gehalten. Wer schon viel weiß oder nicht beeinflusst werden will in seiner Begegnung mit den Objekten, bleibt weitgehend unbehelligt. All die Bilder – wertvolle Ölporträts von Beethoven, Joseph Haydn und Wiener Hochadligen – und die Handschriften, darunter Beethovens „Heiligenstädter Testament“ und die berühmte Abschrift der „Eroica“ mit dem ausgekratzen Titel „Bonaparte“, können kommentarlos für sich sprechen.

          Diese gemeinsame Ausstellung des Beethoven-Hauses Bonn mit der Bundeskunsthalle will den Komponisten nicht „vom Sockel holen“ oder „dekonstruieren“, wie das lange schick war. Sie will ihn auch nicht auflösen im Prisma seiner Wirkung. Sie will erzählen, wer Beethoven war, ihn aus seiner Zeit heraus begreifen, ohne ihn vorab zu überhöhen. Von Reinhart Kosellecks Begriff der „Sattelzeit“, des Übergangs von der Feudalgesellschaft zur bürgerlichen Epoche mit eigenen Formen der Repräsentation, des Personen- und Warenverkehrs, hat man sich leiten lassen. Ziemlich sinnfällig beschreibt die Ausstellung, wie Beethovens Musik in die alten Räume adliger Repräsentation einmarschiert, sie in Gestalt öffentlicher Konzerte besetzt und neue bürgerliche Versammlungsformen schafft, zu denen das interessierte Subjekt durch Geld, nicht durch Herkunft, Zugang erhält.

          Die Wandgemälde von Josef Maria Auchentaller zu Beethovens sechster Symphonie, der „Pastorale“, zeigen dann, wie diese symphonische Öffentlichkeit 1897 für die Villa der Familie Scheid in Wien wieder privatisiert wurde, während gleichzeitig Gustav Klimt mit seinem Beethovenfries und Max Klinger mit seinem Beethoven-Denkmal – beide in Kopie zu sehen – für die Wiener Secession 1902 einen kunstreligiösen Tempel-Innenhof mit Beethoven als Gott schufen.

          Die Ausstellung beschreibt, wie Beethoven den Entwurf einer freiberuflichen Existenz wagte, aber sein Leben lang von den Rentenzahlungen adliger Gönner abhängig blieb; dass er für das neue Ideal einer Brüderlichkeit aller Menschen brannte und zugleich den durchaus aristokratischen Standesdünkel vom Künstler als höherem Menschen kultivierte. Etwas zu kurz kommt nur Beethoven als Liebender, der sich ein Leben lang nach Ehe und Familie sehnte, als Vormund seinen Neffen Karl in eine seelische Tragödie stürzte und vielleicht sogar Vater einer Tochter, nämlich von Minona von Stackelberg, war, die Josephine Brunsvik, seine Lebensliebe, 1813 zur Welt brachte.

          Diese noch weitaus persönlichere Begegnung mit Beethoven allerdings ermöglicht die neue Dauerausstellung im Beethoven-Haus. Sie verzichtet auf eine chronologische Erzählung und weist jedem Raum in Beethovens Geburtshaus ein eigenes Thema zu: authentische Porträts und zeitgenössische Kommentare, soziale Netzwerke und Gönner, Beethovens engste Freunde, seine Geliebten wie Julie Guicciardi und Josephine Brunsvik, seine Musikinstrumente, seine Alltagsgegenstände wie Tintenfass, Tischglocke und Spazierstock (aus Bambus, sechs Glieder mit Messingkappe und Lederband).

          Durch eine grazile und delikat fokussierte Beleuchtung sowie durch den sehr zurückhaltenden Einsatz neuer Medien tritt das Haus selbst als größtes Exponat hervor und erzeugt eine Atmosphäre konzentrierter Intimität. Im Kellergewölbe des Nachbarhauses wurde eine Schatzkammer eingerichtet, in der man anhand von Autographen den Arbeitsprozess Beethovens nachverfolgen kann: von Skizzen über die Werkniederschrift, von den Korrekturen der Abschriften bis zum Erstdruck. Eine Sonderausstellung zeigt noch bis April den Kontext des bekannten Beethoven-Porträts von Joseph Karl Stieler. Museums-Shop, Café und Garderobe wurden auf die gegenüberliegende Straßenseite ausquartiert.

          Beide Ausstellungen – in der Bundeskunsthalle wie im Beethoven-Haus – sind ein Glücksfall, weil sie beweisen, dass Museen emphatische Nähe zu ihrem Gegenstand herstellen können, ohne die Relevanznötigungen der Tagespolitik – „Beethoven, der Revolutionär, der Demokrat“ – ungebrochen an die Besucher weiterzuleiten. Ein gelungener Auftakt zum Jubiläumsjahr, das nun, mit Beethovens 249. Geburtstag, beginnt.

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