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Beethovenausstellungen in Bonn : Strom im Kopf

Eine Lebendmaske von Ludwig van Beethoven, die Franz Klein 1812 vom Komponisten abnahm. Sie liegt in einer Vitrine in der Bundeskunsthalle Bonn. Bild: dpa

Doppelter Glücksfall: Eine gewaltige Ausstellung in der Bundeskunsthalle und die neue Dauerausstellung im Beethovenhaus Bonn bringen uns den Komponisten nahe, ohne ihn vom Sockel holen zu müssen.

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          Die großen Landschaftsgärtner der Romantik, die Meister englischer Parks, suchten die Seele des Wandernden im Gehen zu bilden. Dankbarkeit für das Erlebnis von Weite lehrten sie ihn durch die Erfahrung von Enge, ließen ihn Schluchten, Senken und finstere Pfade durchschreiten, bevor sich die großen Sichtachsen auftaten und die Seele durchatmen konnte. Vieles von der Bewegungs- und Erlebnisdramaturgie des englischen Landschaftsparks lässt sich in der Musik von Ludwig van Beethoven wiederfinden, besonders in den ersten beiden Klavierkonzerten mit ihren ausgedehnten harmonischen Verdunkelungsfeldern und den Mediantverbindungen, jenen terzverwandten Tonarten also, die quasi harmonische Sichtachsen zwischen weit entfernten Punkten der Tonalität schlagen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Von dieser Bewegungsführung im Raum und dem mit ihr verknüpften Prozess des Fühlens und Erkennens haben sich auch Julia Ronge und Agnieszka Lulińska, die beiden Kuratorinnen der gewaltigen Ausstellung „Beethoven.Welt.Bürger.Musik“ in der Bonner Bundeskunsthalle inspirieren lassen. Zwar ist der Rundgang chronologisch angelegt und führt über die Kindheit in Bonn zur Hauptwirkungsstätte des Komponisten nach Wien bis in die Jahrzehnte seiner Nachwirkung um 1900; doch man kann zwischendurch an Weggabelungen den Kurs ändern, im Kreis gehen, Abkürzungen nehmen und gelangt auch hier an eine dunkle, bedrückende Stelle.

          Es ist ein Verschlag, in dem nur zwei, drei Menschen Platz finden, matt erleuchtet. Darin findet man eine Maschine für die sogenannte Galvanotherapie. Beethoven hatte versucht, seine Taubheit damit zu lindern, indem er sich Gleichstrom durch den Kopf jagte. Eine Hand steckte man in eine leitende Lösung, vornehmlich Salzwasser, dann wurde ein Metallzylinder ins Ohr eingeführt und der Stromfluss erzeugt. „So etwas machen Sie nur, wenn Sie völlig verzweifelt sind“, sagt Julia Ronge. Ein Konversationsheft, wie Beethoven es seit 1818 benutzte, als er gesprochene Sprache nicht mehr verstand, dokumentiert seine Unterhaltung mit einem anderen Schwerhörigen. Er rät seinem Leidensgenossen vom frühen Einsatz von Hörmaschinen ab; er selbst habe sich sein linkes Ohr lange erhalten können, indem er darauf verzichtete. Die Galvanotherapie konnte er „früher aber nicht ertragen“.

          Johann Nepomuk Mälzel: Großes Hörrohr Ludwig van Beethovens aus dem Jahr 1813, zu sehen im Beethoven-Haus Bonn.

          Tritt man aus diesem Kabinett wieder ins Freie, tut sich die Sichtachse auf zur neunten Symphonie, zur Ode „An die Freude“, die im vierten Satz auf das antwortet, was Beethoven in Bezug auf deren ersten Satz „den verzweiflungsvollen Zustand“ genannt hatte. Doch man muss, um all diese Details zu erfahren, entweder das Glück haben, von Ronge oder Lulińska geführt zu werden, oder aber den Audioguide benutzen. Denn die Kommentierung der mehr als zweihundertfünfzig Exponate ist knapp gehalten. Wer schon viel weiß oder nicht beeinflusst werden will in seiner Begegnung mit den Objekten, bleibt weitgehend unbehelligt. All die Bilder – wertvolle Ölporträts von Beethoven, Joseph Haydn und Wiener Hochadligen – und die Handschriften, darunter Beethovens „Heiligenstädter Testament“ und die berühmte Abschrift der „Eroica“ mit dem ausgekratzen Titel „Bonaparte“, können kommentarlos für sich sprechen.

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