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Beethovenausstellungen in Bonn : Strom im Kopf

Diese gemeinsame Ausstellung des Beethoven-Hauses Bonn mit der Bundeskunsthalle will den Komponisten nicht „vom Sockel holen“ oder „dekonstruieren“, wie das lange schick war. Sie will ihn auch nicht auflösen im Prisma seiner Wirkung. Sie will erzählen, wer Beethoven war, ihn aus seiner Zeit heraus begreifen, ohne ihn vorab zu überhöhen. Von Reinhart Kosellecks Begriff der „Sattelzeit“, des Übergangs von der Feudalgesellschaft zur bürgerlichen Epoche mit eigenen Formen der Repräsentation, des Personen- und Warenverkehrs, hat man sich leiten lassen. Ziemlich sinnfällig beschreibt die Ausstellung, wie Beethovens Musik in die alten Räume adliger Repräsentation einmarschiert, sie in Gestalt öffentlicher Konzerte besetzt und neue bürgerliche Versammlungsformen schafft, zu denen das interessierte Subjekt durch Geld, nicht durch Herkunft, Zugang erhält.

Die Wandgemälde von Josef Maria Auchentaller zu Beethovens sechster Symphonie, der „Pastorale“, zeigen dann, wie diese symphonische Öffentlichkeit 1897 für die Villa der Familie Scheid in Wien wieder privatisiert wurde, während gleichzeitig Gustav Klimt mit seinem Beethovenfries und Max Klinger mit seinem Beethoven-Denkmal – beide in Kopie zu sehen – für die Wiener Secession 1902 einen kunstreligiösen Tempel-Innenhof mit Beethoven als Gott schufen.

Die Ausstellung beschreibt, wie Beethoven den Entwurf einer freiberuflichen Existenz wagte, aber sein Leben lang von den Rentenzahlungen adliger Gönner abhängig blieb; dass er für das neue Ideal einer Brüderlichkeit aller Menschen brannte und zugleich den durchaus aristokratischen Standesdünkel vom Künstler als höherem Menschen kultivierte. Etwas zu kurz kommt nur Beethoven als Liebender, der sich ein Leben lang nach Ehe und Familie sehnte, als Vormund seinen Neffen Karl in eine seelische Tragödie stürzte und vielleicht sogar Vater einer Tochter, nämlich von Minona von Stackelberg, war, die Josephine Brunsvik, seine Lebensliebe, 1813 zur Welt brachte.

Diese noch weitaus persönlichere Begegnung mit Beethoven allerdings ermöglicht die neue Dauerausstellung im Beethoven-Haus. Sie verzichtet auf eine chronologische Erzählung und weist jedem Raum in Beethovens Geburtshaus ein eigenes Thema zu: authentische Porträts und zeitgenössische Kommentare, soziale Netzwerke und Gönner, Beethovens engste Freunde, seine Geliebten wie Julie Guicciardi und Josephine Brunsvik, seine Musikinstrumente, seine Alltagsgegenstände wie Tintenfass, Tischglocke und Spazierstock (aus Bambus, sechs Glieder mit Messingkappe und Lederband).

Durch eine grazile und delikat fokussierte Beleuchtung sowie durch den sehr zurückhaltenden Einsatz neuer Medien tritt das Haus selbst als größtes Exponat hervor und erzeugt eine Atmosphäre konzentrierter Intimität. Im Kellergewölbe des Nachbarhauses wurde eine Schatzkammer eingerichtet, in der man anhand von Autographen den Arbeitsprozess Beethovens nachverfolgen kann: von Skizzen über die Werkniederschrift, von den Korrekturen der Abschriften bis zum Erstdruck. Eine Sonderausstellung zeigt noch bis April den Kontext des bekannten Beethoven-Porträts von Joseph Karl Stieler. Museums-Shop, Café und Garderobe wurden auf die gegenüberliegende Straßenseite ausquartiert.

Beide Ausstellungen – in der Bundeskunsthalle wie im Beethoven-Haus – sind ein Glücksfall, weil sie beweisen, dass Museen emphatische Nähe zu ihrem Gegenstand herstellen können, ohne die Relevanznötigungen der Tagespolitik – „Beethoven, der Revolutionär, der Demokrat“ – ungebrochen an die Besucher weiterzuleiten. Ein gelungener Auftakt zum Jubiläumsjahr, das nun, mit Beethovens 249. Geburtstag, beginnt.

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