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„Warten auf Godot“ in Frankfurt : Becketts Borsten beben

Wie einst Lili Marleen: Samuel Simon als sehnsuchtsvoller Estragon am Schauspiel Frankfurt Bild: Birgit Hupfeld

Gegen den Strich gebürstet: Robert Borgmanns „Warten auf Godot“ interessiert sich kein bisschen für die oft gestellten Frage, ob Wladimir und Estragon noch Hoffnung haben. Sie fragt nach etwas anderem.

          Wladimir und Estragon müssen sich verlaufen haben. Anstatt auf der Landstraße, wo sie mit einem Herrn namens Godot verabredet sind, die Zeit totzuschlagen, wie sie es seit der Pariser Uraufführung von 1953 auf zahllosen Bühnen unzählige Male getan haben, sind sie offenbar in ein Kunstmuseum oder eine Galerie geraten. Über weiße Wände schlängeln sich in Leuchtschrift geheimnisvolle Worte (die aus Becketts Roman „Molloy“ stammen), in ihrer Mitte prangt ein Mondgesicht, in der rechten Bühnenecke tanzen mal weiß, mal blau leuchtende Neonwellen, vor denen ein aufblasbares Kunstobjekt in Form einer transparenten Riesenmatratze darauf wartet, bestiegen zu werden. In der linken Ecke zupft ein einsamer Musiker selbstvergessen an seiner Gitarre. Fängt die Vernissage gleich an, oder ist schon alles vorbei?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie Stiefkinder, die Andy Warhol erst adoptiert und dann wieder verstoßen hat, schlendern Wladimir und Estragon mit verrutschten weißblonden Perücken über die Bühne, eine „Factory“, die nichts produziert, schon gar keinen Sinn. In ihrem Zentrum ragt ein nackter Holzstamm in die Höhe, kein Kreuz und auch kein Baum, unter dem man ruhen könnte, kein verdorrter Strauch als Sinnbild der Hoffnungslosigkeit, sondern eine Herausforderung: ein Mast, der erklommen werden will. Alles in allem ähnelt das Bühnenbild, das Robert Borgmann für seine Frankfurter Inszenierung von „Warten auf Godot“ gebaut hat, einer saturiert-gediegenen Installation im Stil der neunziger Jahre. Später, nach den Häppchen, kommt noch reichlich Exzess hinzu. Dann wird aus vollen Hälsen geschrien, das Theaterblut wie Senf aus der Flasche gequetscht, und der Schauspieler Heiko Raulin schlägt seine nasse Jacke wie einen Dreschflegel gegen die weißen Wände, bis die schmutziggraue Farbe als Action Painting auf die Leuchtschrift spritzt: Pozzo Pollock trifft Jenny Holzer. Zunächst einmal markiert er wie jeder große Künstler sein Revier.

          Schrecklich viel Sinn ergibt das alles nicht, aber es tut, was es vermutlich tun soll: Es macht Effekt, suggeriert wie der zuverlässig vor sich hin schmelzende Eisblock auf der Bühne eine gewisse, freilich überwiegend unbestimmbare Bedeutung und sorgt im Laufe des knapp zweieinhalbstündigen Abends immer wieder für starke Bilder. Borgmanns Beckett wirkt nicht aktuell, aber auf diffuse Weise heutig, denn er ist emotionalisiert und widersprüchlich und bewirtschaftet die Gegensätze, die er hervorbringt. Beckett wird hier mit kleiner Bürste und großen Gesten gegen seinen lakonischen Strich gebürstet. Lange kann das eigentlich nicht gutgehen. Dann müssten sich Becketts Borsten wieder aufrichten.

          Jeder Blick, jede Bewegung ein Betteln

          Aber es geht auch nicht völlig schief. Eine Kunstbetriebssatire will dieser Abend nicht sein. Aber was ist er dann? Als Beckett sein Stück 1975 am Berliner Schillertheater selbst inszenierte, hat er Wladimirs und Estragons kurzen Disput, wo sie denn nun eigentlich seien, im Theater, im Zirkus oder im Varieté, zugunsten des Theaters entschieden. George Tabori hat Beckett 1980 im Zirkus spielen lassen und Wladimir und Estragon vier Jahre später in seiner Münchner Inszenierung zu Flüchtlingen erklärt, inspiriert von Becketts eigenen Erfahrungen bei der Résistance. Mal waren die beiden Landstreicher ein griesgrämiges altes Ehepaar, gefangen in den minimalistischen Variationen ihrer ewigen Routinen, mal waren sie ein widerwilliges Knäuel aus Einsamkeit, Sehnsucht, Bangen, Hoffen und Verzweiflung. Bei Borgmann sind sie zunächst einmal: jung. Und sie sind keine Weggefährten, sondern ein Paar, ein Liebespaar.

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