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„Lohengrin“ von 1967 in Prag : Der Schwan ist mehr als nur eine Projektion

Mit dem ihm eigenen Humor

Die Langsamkeit der Bewegungen – für die Sänger schwerer, als man denkt – und das weiche Licht geben etwas wieder vom Auratischen, Erhabenen, das Bayreuth einmal besessen haben muss. Aber sie erzählen auch von der Unfreiheit des singenden Menschen in seiner statischen Funktion als Rollenträger. Da hat das Musiktheater der letzten fünfzig Jahre die Motionsmuster von Alltag und Bühne einander stärker angenähert – mit einem Gewinn an „Natürlichkeit“ gewiss, aber auch einem Verlust an Monumentalität.

Das Bühnenbild von Wolfgang Wagner ist durch Fotos und Entwürfe ebenso genau dokumentiert wie die Arbeit des damaligen Kostümbildners Kurt Palm.
Das Bühnenbild von Wolfgang Wagner ist durch Fotos und Entwürfe ebenso genau dokumentiert wie die Arbeit des damaligen Kostümbildners Kurt Palm. : Bild: Patrik Borecký

Das Brautgemach im zweiten Akt wurde vor fünfzig Jahren in dieser Zeitung beschrieben als „Gartenkiosk im salon-maurischen Stil, wo ein ungefüges Sitzmöbel, derart, wie man sie aus Rauchzimmern oder alten Wartesälen 1. Klasse kennt, zum Verweilen und zu gepflegter Konversation einlud“. Das Wiedersehen bestätigt diesen Eindruck; das Maliziöse der Formulierung aber konnte Wolfgang Wagner nicht treffen. Mit dem ihm eigenen Humor hat er das besagte Sitzmöbel während der Proben als „Liebesrutsche“ bezeichnet, erzählt seine Tochter Katharina lachend. Und sie verrät auch, dass der Schwan hinter dem hellblauen Himmelsvorhang plastisch ist und angeleuchtet wird, ganz wie früher. Da hatte sich der Kritiker, der ihn 1967 als „Lichtprojektion“ beschrieb, also tüchtig verguckt.

Ein Geschenk der Musealisierung unserer Geschichte

Es wird überaus anrührend gesungen in Prag. Wenn Dana Burešová als Elsa nur ihre ersten Worte singt, „Mein armer Bruder!“, so hell, direkt und offen, durch und durch kindlich, ohne Verschattungen, dann schließt man sie sofort ins Herz. Eliška Weissová ist ein Turbo-Booster von Ortrud, eine Stimme von höchster Kontrolle im dramatischen Feuer, jede Attacke gut gezielt und immer ein Treffer. Jiří Sulženko singt den König Heinrich fast mit der Eleganz eines Causeurs, Jiří Brückler als Heerrufer steht ihm mit großer Geschmeidigkeit zur Seite. Der Bariton Olafur Sigurdarson gibt den Telramund als zermürbten Helden, von dessen einstigem Glanz die Stimme noch immer zeugt. Stefan Vinke ist ein anfangs ätherischer Lohengrin, dessen zuweilen stark vibrierende Stimme sich aber zunehmend verfestigt. Ob es musikalisch richtig ist, in der Gralserzählung des dritten Aufzugs den Höhepunkt auf das Wort „Gral“ zu setzen, statt auf die Enthüllung des Namens „Lohengrin“, wäre zu überdenken.

Das Orchester des Nationaltheaters Prag entfaltet unter der Leitung von Constantin Trinks einen Zauber, dem man sich über weite Strecken fraglos hingeben möchte. In kurzen Einwürfen zum Dialog der Singenden zeigt es wache Präsenz, etwas mehr Raffinesse – bei dem offenen, direkten Klang in Prag nicht leicht herzustellen – könnte man sich doch denken.

Wenn aber der Chor im dritten Aufzug mit seinem wunderbar weichen tschechischen Akzent singt „Für deutsches Land das deutsche Schwert“ und man über der Bühne die tschechische Widmungsinschrift „Národ sobě! (Das Volk sich selbst)“ liest, dann ist man doch dankbar für jenes friedliche Nebeneinander, das uns die Musealisierung unserer Geschichte schenkt.

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