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Bayreuther Festspiele : Wagner wagen

  • -Aktualisiert am

Der Dirigent Hartmut Haenchen, Jahrgang 1943 Bild: dpa

Wenn die jungen Genies schwächeln, müssen die alten Hasen einspringen. Das kann dem Familienbetrieb in Bayreuth, der sonst gern im eigenen Mythensaft schmort, nur guttun.

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          Noch neunzehn Tage, dann geht es los in Bayreuth. Nur noch zehn Proben sind angesetzt für die Festival-Eröffnung mit dem neuen „Parsifal“ in der Lesart von Uwe Eric Laufenberg, dirigiert von Hartmut Haenchen. Ersterer ist vor Jahr und Tag eingesprungen für den geschassten Jonathan Meese. Letzterer traf gestern um die Mittagszeit in Bayreuth ein, als Ersatz für den hügelflüchtigen Andris Nelsons. Das ist mutig, sportlich, da steigt die Wagnerfieberkurve!

          Man kennt das ja sonst eher umgekehrt: dass die ehrgeizige Jugend ihre Chance wittert, wenn überlastete Altstars schlappmachen. In Bayreuth aber ersetzen heuer lauter erfahrene Hasen die jungen Genies, darunter zwei handwerklich von der Pike auf und im Wagnerfach bewährte Kapellmeister-Dirigenten, die es nicht mehr nötig haben, mit der Reklameglocke zu bimmeln, weil sie ihr Können seit Jahrzehnten glanzvoll unter Beweis gestellt haben und Wagner dirigierten, rauf und runter, in den großen Metropolen, von Dresden bis Paris, von Berlin über Wien, von Amsterdam bis New York.

          Alles in neunzehn Tagen umkrempeln

          Nur eben nicht in Bayreuth. Bisher nicht. Es ist das Kreuz dieses Familienopernbetriebs, dass er, allzeit ausreichend damit beschäftigt, im eigenen Mythensaft zu schmoren, öfters mal den Anschluss an die musikalische und szenische Deutungsarbeit in Sachen Wagner verpasst hat. Aber jetzt ist es endlich so weit: Marek Janowski, siebenundsiebzig, eingesprungen für Kirill Petrenko, gibt heuer sein Bayreuth-Debüt mit dem „Ring“. Hartmut Haenchen, dreiundsiebzig, ist bei Licht besehen nicht einmal ein waschechter Bayreuth-Debütant, er kennt sich schon aus mit den Tücken der legendären Bayreuther Akustik, seit er in den Siebzigern bei Pierre Boulez auf dem Hügel als Assistent gearbeitet hatte.

          Damals war er noch Ossi, und ein Reisekader, Wanderer zwischen Ost und West. Seinen ersten szenischen „Parsifal“ dirigierte er vier Jahre nach der Wende in Amsterdam, schnell, schlank und durchsichtig, wozu er sich in die Quellen stürzte, den neuesten Stand der Richard-Wagner-Gesamtausgabe befragend, aber auch Aufzeichnungen und Aufführungsprotokolle der Wagnerdirigenten der ersten Stunde, von Felix Mottl und Hermann Levi bis Heinrich Porges. Boulez kam vorbei, hörte sich das an und freute sich, endlich mal eine „Parsifal“-Aufführung zu erleben, die „sein“ Tempo hatte.

          Ähnlich verfuhr Haenchen dann Anfang dieses Jahrtausends mit seinem spektakulär erfolgreichen Amsterdamer „Ring“, auch der nach den Quellen revidiert. 2008 legte er nach mit einem abermals revidierten „Parsifal“ an der Bastille-Oper in Paris, noch schneller, riskanter, sinnenfreudiger. Und lehnte sich weit aus dem Fenster. Es ist dies, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung, „eigentlich das einzige Werk, bei dem die Bayreuther Akustik wirklich voll funktionsfähig ist“. Nun kann er das ausprobieren, vor Ort. Wunderbar! Wir wissen, dass keiner eine geprobte Teamarbeit in neunzehn Tagen wird komplett umkrempeln können. Aber der Haenchen, denken wir uns, wird das versuchen.

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