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Bayreuther Festspiele : Mit Schiff und Schwert

„Mild und leise, wie er lächelt“: Kelly God singt Isoldes Liebestod über dem liegenden Tristan (Stephen Gould). Bild: Enrico Nawrath

Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde" ist schon für Erwachsene eine Zumutung. Dass man sie auch Kindern zutrauen kann, beweisen die Bayreuther Festspiele auf rührende Weise.

          2 Min.

          Die Kajüte von Isolde und Brangäne hat eine Minibar, ziemlich cool: ausfahrbares Rollregal mit Beleuchtung. Darin allerlei Flakons mit farbigen Drinks, softes Zeug und harte Sachen. Man kann davon hopsgehen. Brangäne fragt: „Den Todestrank willst du mit Tristan trinken?“ Darauf Isolde: „König Marke kann sich die Hochzeit abschminken.“ Man redet hier offenbar schon in Reimen, bevor man den Stoff runtergekippt hat. Und nun kommt der partizipative Teil der Show.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Im Bayreuther Kino Reichshof sitzen nämlich, hochprozentig konzentriert, zwei Schulklassen mit knapp zehnjährigen Kindern, die zumindest eine Ahnung von den bewusstseinsverändernden Wirkungen der Tunken und Tinkturen haben. Brangäne (Simone Schröder) fragt sie: „Am Ende haben wir zwei Leichen. Soll ich ihnen wirklich diesen Todestrank reichen?“ Ist ja klar, dass das keiner wollen kann, der sich nicht zuvor Richard Wagners Tristanchromatik intrazerebral injiziert und sich mit Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ identifiziert hat. Also gibt’s stattdessen den Liebestrank beim Captain’s Cocktail mit Tristan. Am bösen Ende ändert das nichts.

          „Tristan“ für Kinder ist besonders schwer

          Für die Reihe „Wagner für Kinder“ bei den Bayreuther Festspielen haben Markus Latsch und Dennis Krauß zusammen mit Katharina Wagner „Tristan und Isolde“ bearbeitet, sicherlich neben „Parsifal“ die schwerste Aufgabe, die Wagners Werk für kindgerechte Bearbeitungen bereithält. Die Frage lautet ja nicht nur, wie, sondern ob man Kindern überhaupt etwas von den erotischen Verheißungen des Paarsuizids erzählen sollte, von den Erlösungsversprechen einer ewigen Nacht jenseits des Lebens, vom Einswerden mit dem Dunkel des Nichts.

          Das passiert hier auch nicht. Es geht darum, dass Tristan und Isolde sich lieben, aber nicht heiraten dürfen, weil Isolde schon mit Tristans Freund, König Marke, verheiratet ist. Eigentlich wollen die beiden bloß in Frieden zusammen leben, nicht zusammen sterben. Bei Prinzen, Prinzessinnen, Königen, Rittern, Liebe und so sind Kinder natürlich Experten. Und sie merken gar nicht, wie das Stück sie in eine Falle führt. Denn nachdem sie alle gegen den Todestrank waren, fragt sie gegen Ende König Marke – und er ist wirklich ein König mit seinen Löwenlöckchen und seinem bauchfellfarbenen Samtleibchen – ganz gutmütig: „Aber Tristan hat mich hintergangen. Soll er jetzt noch mein Freund sein?“ Besonders die Jungen im Publikum, die so ihre Erfahrungen mit Freunden haben, sagen entschieden: „Nein!“

          Buch und Regie bringen die Kinder in die tragische Zwickmühle, das Gute zu wollen und das Böse zu bewirken. Das ist eine ernste Dimension, die man dem märchenhaften Bühnenbild von Johanna Meyer mit Schiffsmast, Bordwand und Festungsturm nicht mehr sofort zutraut, wenn man durchs Gegenwartstheater für Erwachsene verzogen worden ist. Aber auch mit Schiff und Schwert, ganz märchenhaft, lassen sich ziemlich vertrackte Geschichten erzählen, die einem das Herz wie den Kopf zerbrechen können. Fantastisch ist dabei, dass die Kinder Wagners Musik für Gesang und Orchester in der gut einstündigen Fassung von Marko Zdralek auch zu hören bekommen. Bei dieser Musik mit ihrer sehnsuchtsvoll schwankenden Tonalität hörend das Ruder in der Fahrrinne zu halten verlangt eine Menge Übung. Sehr geschickt wurde das Vorspiel zu einem Melodram für König Marke eingerichtet. Der Dirigent Azis Sadikovic lässt die dreißig Musiker des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder) an den Fermaten so lange pausieren, dass Jens-Erik Aasbø Schritt für Schritt in die Fabel einführen kann. Den Tristan singt, mit sichtlichem Vergnügen, kein Geringerer als Stephen Gould, der ihn zuletzt auch auf der Bühne des Festspielhauses gesungen hatte und der am selben Abend als Tannhäuser wieder auf der Bühne steht.

          Kelly God bietet den Kindern „Isoldes Liebestod“ in voller Länge. Das alles ist durchaus eine Zumutung, eine wunderschöne, die auf keinen Fall unterbleiben sollte. Zum schönstinstrumentierten H-Dur-Schlussakkord der Musikgeschichte finden sich Tristan und Isolde hinterm Vorhang – im Jenseits, sonnenklar – als monumentale Schattenrisse Hand in Hand zusammen. Endlich sind sie Braut und Bräutigam. Und wenn sie nicht gestorben wären, lebten sie noch heute.

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