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Bayreuther Festspiele : Alles immer wie immer?

Romantisches Motiv des Doppelgängers: Klaus Langs Oper „Der verschwundene Hochzeiter“, eine Auftragskomposition für Bayreuth. Bild: Enrico Nawrath

Die Bayreuther Festspiele erleben ihre erste Uraufführung seit 1882 mit einer modernen Oper des Komponisten Klaus Lang. Festspielleiterin Katharina Wagner begegnet so dem Vorwurf, in Bayreuth bliebe alles beim Alten.

          Die Musik zur Lage der Nation spielt morgens um halb neun auf Bayern1: „Und die Welt macht weiter, alles um uns ändert sich. Aber eins, das weiß ich: Mit uns wird es immer wie immer sein.“ Sasha besingt einen wirklichkeitsresistenten Stabilitätspakt unter Freunden in Zeiten von Veränderungsüberdruss und Entheimatungsangst. „Immer wie immer“: Die Utopie der Massen ist konservativ. Vor knapp dreißig Jahren benannte die Band L’art de passage, aus einem Geist sanften Ungehorsams in der DDR hervorgegangen, ein neues Album noch „Sehnsucht nach Veränderung“. Damals gab es Hoffnung, das Morgen könnte besser sein als das Gestern.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Bayreuther Festspielen, wo zumindest beim Repertoire seit mehr als hundert Jahren alles „immer wie immer“ ist, wurde genau diese Stabilität oft zum Vorwurf gemacht von jenen, die mit Beethoven glauben, das „Weitergehen“ sei in der Kunstwelt letzter Zweck. Katharina Wagner, derzeit amtierende Festspielleiterin und Urenkelin des Komponisten Richard Wagner, stellte sich diesem Vorwurf nun öffentlich und gab den Kritikern recht: Die Festspiele dürfen sich „nicht nur mit sich selbst beschäftigen“. Und so haben sie tatsächlich einen Kompositionsauftrag vergeben für die erste Uraufführung in ihrem Rahmen seit 1882, seit Wagners „Parsifal“.

          Das Stück heißt „Der verschwundene Hochzeiter“. Text und Musik stammen von dem 1971 in Graz geborenen Komponisten Klaus Lang. Und weil die Stiftungssatzung – so Katharina Wagner – vorschreibe, dass im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel nur Werke Richard Wagners aufgeführt werden dürfen, und weil es „aus organisatorischen Gründen“ nicht möglich war, das neue Stück im wiedereröffneten Markgräflichen Opernhaus von Bayreuth zu zeigen, musste man ins Kino „Reichshof“ ausweichen, was dem intimen, eher installativen Charakter der Produktion guttat.

          Doppelter Bräutigam: Szene aus „Der verschwundene Hochzeiter“.

          Eine österreichische Sage liegt dem Stück – das sich „Oper“ nennt – zugrunde: Ein Bräutigam lädt einen Fremden zu seiner Hochzeit ins Dorf. Der Fremde kommt und erwidert die Einladung an den Bräutigam. Der macht sich einen Tag später zum Gegenbesuch auf, trifft mageres Vieh auf fetter Weide, fettes Vieh auf magerer Weide und befreit summende Bienen in einem einsamen Haus. Auf der Hochzeit fühlt er sich wohl, tanzt zweimal länger, als ihm erlaubt ist, und erfährt, dass es sich bei den Bienen und dem Vieh um Seelen in unterschiedlichen Stadien des Leidens und der Erlösung gehandelt habe. Als er in sein Dorf zurückkehrt, kennt ihn dort niemand mehr. Man liest in alten Büchern nach und sagt dem Mann, er sei offenbar jener Bräutigam, der vor dreihundert Jahren am Tag nach seiner Hochzeit verschwunden sei. Der Mann hört es und zerfällt zu Staub.

          Paul Esterhazy hat in seiner Regie darauf verzichtet, den Bass Alexander Kiechle als Bräutigam und den Countertenor Terry Wey als Fremden, beides ausgezeichnete Sänger, auf die Bühne zu bringen. Stattdessen erlebt man die Zwillingsbrüder Jiří und Otto Bubeníček bei langsamen Pantomimen. Sie tragen mit grünen Gehröcken und roten Wämsen sehr schöne Kostüme von Pia Janssen, und sie vervielfältigen sich dank einer äußerst raffinierten Video-Projektion von Friedrich Zorn. Zu sehen sind Tänze mit Phantomen, die das romantische Motiv des Doppelgängers eindrucksvoll visualisieren.

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          Dazu spielt das Ictus-Ensemble, es singen zwölf Frauen von Cantando Admont zu einer Midi-Uhr, die den Dirigenten ersetzt. Die Musik, neunzig Minuten lang, ist statisch und kontrastarm. Lang arbeitet, wogegen prinzipiell gar nichts zu sagen ist, minimalistisch mit diatonischen Clustern und Skalen, entweder in Moll oder in Dur. Er hat Geschmack in der Materialwahl, guten Sinn für die Abfolge harmonischer Felder und für das Ausleuchten der Klänge. Doch wer erwartet, Lang würde hier mit dem Kontrast von Zeiterfahrungen arbeiten, mit dem Gegensatz einer stehenden oder zirkulierenden Zeit zu einer gerichteten, gezielt ablaufenden Zeit, der sieht sich enttäuscht. Ohne nachvollziehbare Notwendigkeit, Theater werden zu müssen, kreist die Musik sphärisch in sich selbst, ein „Immer wie immer“ ohne Anfang und Ende.

          Dazu rieselt auf der Bühne der Schnee, später frisst eine nassnasige Kuh Blumen, Bienen schweben in Zeitlupe durch die Luft. Die Musik, aus Streichern und Bläsern delikat gemischt, esoterisch angereichert durch Triangel, Glocken und gestrichene Becken, klingt wie Arvo Pärt auf Valium oder schaumgebremste Almwiesen-Adagios von Gustav Mahler. Man hätte nach fünfzig Minuten Schluss machen können und sollen.

          Nächstes Jahr, sagt Katharina Wagner, wird es wieder ein neues Stück geben, zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel werden es schreiben. An den hundertsten Geburtstag von Wolfgang Wagner wird ein Festakt im Festspielhaus am 24. Juli erinnern. Und Tobias Kratzer inszeniert einen neuen „Tannhäuser“ unter der musikalischen Leitung von Valery Gergiev. Der nächste „Ring“ ist für 2020 geplant. Ansonsten bleibt alles „immer wie immer“.

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