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Bayreuther Festspiele : Dem Mottenmuff entkommen

Im blauen Brabant: Ortrud (Petra Lang), Telramund (Martin Gantner) und Lohengrin (Klaus Florian Vogt) mit dem Chor der Bayreuther Festspiele. Ganz im Vordergrund Camilla Nylund als Elsa. Bild: dpa

Im Bayreuther „Lohengrin“ reagieren Neo Rauch und Rosa Loy auch sensibel auf Untertöne der Frauen- und Ostfeindlichkeit. Musikalisch ist er mit Christian Thielemann, Klaus Florian Vogt und Camilla Nylund einfach ein Traum.

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          Aber klar doch! Die Wessis von Brabant sind nicht nur eine rassistische und zutiefst reaktionäre Volksgemeinschaft, die mit ihren Frans-Hals-Spitzenkragen und ihren einheitlich-tropfenförmigen Mottenflügeln nach ethnischer wie ideologischer Homogenität streben. Nein, sie sind auch durch und durch ossifeindlich. Da dröhnt König Heinrich etwas von „Drangsal“, „die deutsches Land so oft aus Osten traf“, und da wirft auch Lohengrin in den Wahlkampf das Versprechen, dass „des Ostens Horden“ niemals siegreich sein würden. Wieder und wieder poltert da ein Westen, der „den Osten nur als Abweichung, gar als krankhafte Fehlbildung“ sieht, wie es Dirk Oschmann am 4. Februar mit Blick auf aktuelle Verwerfungen in dieser Zeitung formuliert hatte.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Am gängigen „Bild vom ,Osten’ als einer minderwertigen, unzivi­lisierten und unkultivierten Region“ (so Oschmann über die literarischen, auch slawenfeindlichen Ost-Klischees des neunzehnten Jahrhunderts) hat das „Lohengrin“-Libretto von Richard Wagner (der freilich ein großer Unterstützer des polnischen Freiheitskampfes gewesen war) durchaus mitgemalt. Zwei Künstler aus dem Osten, Neo Rauch und Rosa Loy, waren für diese ostfeindlichen Untertöne im „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen besonders empfänglich. Dass das Stück „mit seinem Spannungsbogen vom Unbewussten zum realen Leben sehr aktuell“ sei, hatten sie behauptet und nur ein müdes Lächeln von den Schnell-Durchblickern geerntet, die in diesem märchenhaft blauen „Lohengrin“ mit Wolkenstudien, Papppappeln und Hochspannungsleitungen als Alibiaccessoire des Gegenwartsbezugs nichts anderes sehen wollten als ein harmloses Stehrumchen für tolle Sänger. Aber der Regisseur Yuval Sharon hat Rauch und Loy, jenseits platt-plakativer Didaktik, dabei geholfen, die Geschichte zweier Frauen – nämlich Ortrud (mit den gezackten Flügeln ethnischer Abweichung) und Elsa, die ihre Flügel ablegt und von Lohengrin einen Tornister für die Zukunft bekommt – zu erzählen, die sich dem Mottenmuff von Brabant nicht fügen.

          Ähnlich beschrieben es mehrere Dokumentationen der letzten Jahre über die Frauen der DDR, die sich nach Jahren beruflicher und finanzieller Selbständigkeit durch die Wiedervereinigung ins Deutsche Kaiserreich zurückgebeamt fanden. Insofern ist es mehr als eine witzige Pointe, dass der verschwundene Gottfried am Ende des Bayreuther „Lohengrin“ als grünes Ost-Ampelmännchen erscheint und die entmottete Elsa in eine fortschrittlichere Welt führt.

          Man wird ihn spürbar vermissen

          Nicht nur der herrlichen Wolkenstudien wegen, sondern auch musikalisch ist dieser Bayreuther „Lohengrin“ ein Traum. Schlagartig spürt man einen enormen Qualitätsunterschied zum aktuellen „Ring“. Christian Thielemann – bei dem einzigen Werk, das er dieses Jahr in Bayreuth dirigiert – ist so tief vertraut mit dem Stück wie mit dem Haus, dass er die Musik ganz unaufgeregt organisch aufblühen lassen kann. Der große Chor – Eberhard Friedrich hat bei der Einstudierung wieder beste Arbeit geleistet – entwickelt sich beim Zug zum Münster im zweiten Aufzug bis zum ersten bösen Einwurf der Ortrud in einem durch Thielemann weit vorausschauend geplanten, einzigartig durchgehenden Crescendo. Das Filigran der Holzbläsersätze fügt sich zu einem kostbaren Geschmeide. Mit Zäsuren, Verzögerungen, Lautstärkerücknahmen reagiert Thielemann auf die Sänger so dicht und schnell wie ein Klavierbegleiter im Liederabend.

          Camilla Nylund beweist in der Rolle der Elsa, dass man eben auch als Wagner-Sopran absolut textverständlich singen kann. Sie mag stimmbiographisch über den Lyrismus der Partie hinaus sein, immerhin hat sie gerade in Zürich ihre erste Isolde gesungen und ist dort als Brünnhild für den „Ring“ eingeplant. Aber sie verfügt über die sängerische Intelligenz und die technische Kontrolle, um die nötige Zartheit und das blühende Piano für diese Elsa aufzubringen.

          Die stimmliche Alterslosigkeit des Tenors von Klaus Florian Vogt ist ein Mysterium. Er klingt noch immer so frisch, so zart, so kontrolliert in ganz verschiedenen Geschwindigkeiten wie Amplituden des Vibratos, so sauber auf jedem Ton, so deutlich in jeder Silbe, als wäre er keine dreißig Jahre alt. Dabei singt er den Lohengrin seit zwei Jahrzehnten. Die Partie ist gleichsam mit ihm verwachsen. Das intime Verhältnis zwischen Sänger und Musik ermöglicht eine Interpretation, die jedes Mal den Schein des Alternativlosen erzeugt.

          Petra Lang als Ortrud gibt eine furchteinflößende, gleißende Furie, Martin Gantner einen erstaunlich noblen, vokal wirklich ritterlichen Telramund. Überraschend ist die jugendliche Geschmeidigkeit von Derek Walton als Heerrufer, unerschütterlich die große Kunst der Deutlichkeit wie der Nuance bei Georg Zeppenfeld als König Heinrich, der hier sowieso zum sängerischen Rückgrat der Festspiele gehört. Wenn dieser „Lohengrin“ von 2018 dann bald verschwindet, wird man ihn – und Christian Thielemann – auf dem Grünen Hügel spürbar vermissen.

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