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Bayreuther Festspiele: „Götterdämmerung“ : Gibichungen-Punks spachteln Döner

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Am Chéreau-„Ring“ kommt ohnehin keine „Ring“-Inszenierung vorbei, weder in Bayreuth noch anderswo. Er als Erster hatte dieses vierteilige Opernwerk konsequent aus der Entstehungszeit heraus analysiert. Chéreau entwickelte eine die „Ring“-Story bis ins Detail logisch aufschlüsselnde Bilderwelt, die der Ikonographie der Gründerzeit entspricht, Industrialisierung und Kapitalismuskritik ebenso reflektierte wie Philosophie und Psychoanalyse. Seither wird Chéreaus „Ring“ immer wieder versatzstückweise zitiert, konterkariert und variiert. Übertroffen wurde er bis heute nicht.

Immer noch spielt die Story irgendwo in Berlin

Die bislang wohl schärfste Revision des Chéreau-„Rings“ hat Castorf erarbeitet, wenn man in diesem Fall überhaupt von Arbeit sprechen kann. An die Stelle der Analyse setzt er die Nichtbefassung mit Stoff und Musik. Sinn wird ersetzt durch die Apotheose der Sinnlosigkeit. Ikonographisch regieren in diesem „Ring“ Genosse Zufall, das Filmerinnerungszitat und die überbordende Phantasie des Bühnenbildners. In der „Götterdämmerung“ geht das Zitieren so weit, dass selbst Christoph Schlingensiefs Bayreuther „Parsifal“ noch einmal kurz auf einer Leinwand auftaucht.

Immer noch spielt die Story irgendwo in Berlin. Diesmal irgendwann nach der Wiedervereinigung. Die Christos haben soeben den Reichstag verhüllt, später stellt sich kurz heraus: Es ist die New Yorker Börse. Gewaltige pittoreske Brandmauern mit zugemauerten Fenstern ragen auf über angedeutetem Mauerrest, brutale Punk-Gibichungen spachteln Döner, trinken Bier und prügeln sich mit Baseballschlägern. Nornenhexen sammeln Fotos, Kerzen, Lumpen und alte Knochen für ihren Voodoo-Altar und reichen einander tote Hühner statt des Schicksals-Seils.

Das hohe Paar, Siegfried und Brünnhilde, spielt zunächst einmal gemütlich Vater-Mutter-Kind in jenem silbernen Wohnwagenanhänger, der schon als Nibelheim-Tresor in „Rheingold“ und als Mimes Giftküche in „Siegfried“ gute Dienste tat.

Und immer noch turnen dezent die Kameraleute von Andreas Deinerts genialem Video-Team durch die Kulissen und zeigen die Sänger in Großaufnahme, wie sie singen. Der Festspielchor, einstudiert von Eberhard Friedrich, sang famos. Es gab tadellose, ja, großartige Wagner-Solisten: Franz-Josef Selig triumphierte als Hunding, Burkhard Ulrich als Mime, Claudia Mahnke als Fricka und Waltraute, Anja Kampe als Sieglinde. Daneben waren interessante, die Konvention aufkündigende Rollenporträts zu erleben: Wolfgang Kochs kammermusikalischer Wotan, Martin Winklers hellverknödelter Alberich, Catherine Fosters weich verschwimmende, zartfühlende Brünnhilde.

Am Ende steht diese Brünnhilde dann in ihrem Lurexgoldpanzerkleid herum wie ein Denkmal ihrer selbst, klagt und dröhnt und glitzert, wie schon seit je die Brünnhilden glitzerten und dröhnten, wüst und herrlich; und zartfeurig stiehlt sich, nach ihr, auch das fabelhafte Orchester davon, ihr widersprechend mit dem Instrumentalmotiv des hehrsten Wunders, der Feier ewiger Liebe. Und noch ein letztes Mal tritt jetzt die Regie der Musik ins Kreuz, mit etwas Läppischem, total Egalem: Auf der Leinwand ist ein Urlaubsfilm des finsteren Hagen zu sehen, er schippert auf dem Wannsee in einem Schlauchboot herum.

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