https://www.faz.net/-gqz-90c35

Bayreuther Festspiele : Venus spielt mit Sondermüll

„Tannhäuser“-Kinderoper Bild: Bayreuther Festspiele

Sozialtherapie statt Poesie: Ob Richard Wagners „Tannhäuser“, dieser Konflikt zwischen erotischer und selbstloser Liebe, für Kinder interessant sein kann?

          Als vor sieben Jahren zum ersten Mal eine „Tannhäuser„-Fassung für Sieben- bis Zwölfjährige auf dem grünen Hügel gegeben wurde, ging es darin um Kreativität. „Tanni“, ein begabter Internatsschüler, versuchte, aus der Unterrichtsroutine auszubrechen, wobei er sich von einer phantasievollen Freundin inspirieren ließ. In diesem Jahr wurde der Poesiegehalt abermals reduziert, auf fast null. Die Regisseurin Zsófia Geréb macht aus Wagners Künstlerdrama das eines nonkonformistischen Jungen, der gegen den Gruppenzwang seines Freundeskreises rebelliert.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Reihe „Wagner für Kinder“, die der Festspielchefin Katharina Wagner besonders wichtig ist, weil durch sie Opernfans von morgen herangezogen werden, will eine Sprache finden, die junge Zuschauer da abholt, wo sie stehen. In einem gut einstündigen Kurzdurchgang durch das Werk werden ihnen die mitreißendsten Musiknummern dargeboten, aber mit höchstem Anspruch, von professionellen Orchestermusikern und Sängersolisten, die auch im großen Festspielhaus auf der Bühne stehen. Die Produktionsreihe, die für viele musikdidaktische Projekte Vorbild wurde, war auch diesmal unmittelbar nach Vorverkaufsbeginn im Netz restlos ausgebucht.

          Vor der Probebühne VI stehen die Grundschüler mit ihren Eltern geduldig Schlange, bevor sie sich auf die engen Bänke im Innern verteilen. Dort hat die Bühnenbildnerin Jule Saworski einen Plastikrasen mit Glitzerfolienbach ausgebreitet, auf dem vier starke Männer in lustiger Sportkluft, aber mit tiefernsten Mienen Papphubschrauber kreisen und Papierdrachen segeln lassen. Wie das famose Sängerschauspielerquartett superbrave Sandkastenbürger mimt, ist tatsächlich urkomisch, zeichnet die Welt der Kleinen aber viel kleiner, als sie tatsächlich ist. Doch am linken Bühnenrand führt ein durch Absperrband blockierter Holzsteg zu einem schwarzen Tunnel. In dieser Verbotszone haust das abgefahrene Mädchen Venus, zu der sich nur der athletische Tenor Hans-Georg Priese als Tannhäuser wagt, der ihre krassen Spiele mit ökologisch bedenklichen Chemieresten cool findet. Doch nun will er zurück zu seinen Kameraden und stimmt einen glühenden Abschiedshymnus an sie an.

          Kinder müssen ins szenische Geschehen einbezogen werden

          Katharina Wagner, die auch die Kompaktfassung des Stückes besorgt hat, findet es wichtig, dass die Kinder ins szenische Geschehen mit einbezogen werden. Das geschieht bei der Vorbereitung des Sängerwettstreits, den die alten Freunde zur Feier ihres Wiedersehens mit „Tanniboy“ veranstalten wollen. Der mächtige Bass Jukka Rasilainen als ältester Junge oder Landgraf übt mit den Kindern das Beifallklatschen und -trampeln ein, während Papierkronen an die Zuschauer verteilt werden. Ob jemand eine Idee habe für eine Siegesprämie, fragt Rasilainen. Doch die Kleinen sind schüchtern. Zum Glück hilft die Sopranistin Caroline Wenborne, die im „Ring des Nibelungen“ als Freia die ewige Jugend der Götter garantiert und hier Tannhäusers Kindergartenschwarm Elisabeth verkörpert. Sie bietet sich an, den Gewinner zu heiraten.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Da legen die Sänger sich ins Zeug. Der Bariton Kay Stiefermann, der Wolfram von Eschenbach als bebrillten Nerd gibt, preist andachtsvoll die vergeistigte Liebe. Der Tenor Stefan Heibach als Walter von der Vogelweide empfiehlt sich mit einer schönen Weise über Tugend und Treue. Die Kinder applaudieren und trampeln. Prieses Tannhäuser rollt mit den Augen. Um die Konkurrenz zu toppen, rühmt er in immer höher sich schraubenden Tönen die Spiele im Sperrgebiet der Venus. Die Streicher sirren ekstatisch, doch diesem großen Kind soll es nicht um Sinnlichkeit gehen, sondern nur um den Nervenkitzel der Verbotsübertretung.

          So ist das einzige Drama das der Exklusion aus dem Kollektiv. Da „Tanni“ offen die Regel gebrochen hat, an die sich alle hielten, müssen die Erwachsenen ein Machtwort sprechen, die – als Ersatz für Wagners Papst und Kirche – als strenger Opa und strickende Oma stumm am hintersten Bühnenrand sitzen. Der Vater habe den Bann bestätigt, gesteht Prieses Tannhäuser den anderen in einem erregten Arioso. Da greift Wenbornes Elisabeth mit ihrer hellen Trompetenstimme ein, die hier keine romantisch Liebende ist, sondern eine kluge Feministin, die weiß, dass Papa ein Heuchler ist und eigentlich alle Jungs gern mit Venus spielen würden. Sie geht zu Mama und erreicht, dass sie Tanni verzeiht, so dass er wieder in die Spielgruppe aufgenommen wird.

          Das geht ganz ohne Opernfrauenopfer, weshalb das schöne Lied vom Abendstern leider gestrichen ist. Doch warum intonieren die Instrumentalisten des Brandenburgischen Staatsorchesters unter Boris Schäfer diesen aufwühlenden Pilgermarsch? Die Musik kommt aus einer anderen Stratosphäre, dort wo Geheimnisse, Gefahren und Märchen zu Hause sind, die für Kindern wichtiger sind als witzig gemachtes soziales Belehrungstheater.

          Weitere Themen

          Merkel for Future?

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Merkel for Future?

          Ist Friedrich Merz der lachende Dritte in der Frage um die Kanzlerkandidatur? In der Runde um Sandra Maischberger konnte er seine Ansichten zum Umgang mit der AfD jedenfalls schon einmal kundtun. Daneben wurden unter anderem der Klimawandel und der Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke diskutiert.

          Topmeldungen

          Zu viel? Hundert Gramm Ei enthalten rund 373 Milligramm Cholesterin. Hundert Gramm Schinken rund 55 Milligramm.

          FAZ Plus Artikel: Cholesterin : Böses Ei, gutes Ei

          Lieber Müsli statt Croissant und Ei? Einer der hartnäckigsten Ernährungsmythen ist der vom schädlichen Cholesterin im Essen. Doch wie schlimm ist der fetthaltige Naturstoff wirklich?
          Die Runde bei Maischberger

          TV-Kritik: „Maischberger“ : Merkel for Future?

          Ist Friedrich Merz der lachende Dritte in der Frage um die Kanzlerkandidatur? In der Runde um Sandra Maischberger konnte er seine Ansichten zum Umgang mit der AfD jedenfalls schon einmal kundtun. Daneben wurden unter anderem der Klimawandel und der Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke diskutiert.

          Bundesliga-Transfermarkt : So plant der FC Bayern ohne Hummels

          Mit Mats Hummels’ Abgang bauen die Münchner ihren Kader weiter um. Und das soll noch längst nicht alles gewesen sein. Denn es gibt beim FC Bayern weitere spannende Personalien in diesem Transfer-Sommer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.