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Bayreuther Festspiele : Dieser Gesang ist eine Erlösung

Du kannst mich mal: Senta (Asmik Grigorian, rechts) hört Daland (Georg Zeppenfeld) angeödet zu. Bild: Enrico Nawrath

„Der fliegende Holländer“ eröffnet die Bayreuther Festspiele. Asmik Grigorian als Senta und Oksana Lyniv als Dirigentin versetzen das Publikum in Glückstaumel.

          4 Min.

          Donnergrollen der Euphorie: Das Publikum stimmt mit den Füßen ab. Kaum ist der letzte D-Dur-Akkord nach dem Erlösungsschluss mit der bittersüß eingeschobenen Mollsubdominante – jener erogenen Berührung des Herzens, die dem Tod wieder einmal ein Orgasmusversprechen unterschiebt – verklungen, bricht, noch bei geschlossenem Vorhang, ein Orkan im Bayreuther Festspielhaus auf dem Grünen Hügel los. Über Klatschen, Trampeln und Kreischen entlädt sich die Erfahrung, gerade eben, vor Bruchteilen von Sekunden noch, Teil von etwas Großem gewesen zu sein. Als dann die litauische Sopranistin Asmik Grigorian, die im „Fliegenden Holländer“ die Senta gesungen hat, allein auf die Bühne tritt, hält es die Hörer nicht mehr auf den Sitzen. Sie war und sie ist eine Wucht!

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Stimmlich und darstellerisch setzt Grigorian einfach Maßstäbe. Der Regisseur Dmitri Tcherniakov pfeift darauf, Richard Wagners Ideal von der schicksalsergebenen – man könnte auch sagen: blind führertreuen – Frau zu rechtfertigen, die auf den Mann ihres Lebens wartet, um ihm dann dieses Leben, ganz ohne Abwägung von Gründen, wie eine Magda Goebbels oder Eva Braun zum Opfer zu bringen. Senta ist in dieser küstennebelgeplagten Kleinstadt mit den semmelfarben verklinkerten Häuschen, die sich ebenfalls Tcherniakov ausgedacht hat, eine renitente Göre im Kapuzenhoodie (Kostüme: Elena Zaytseva). Sie mischt den städtischen Frauenchor bei der Probe zum Spinnstubengesang auf durch demonstrative Widersetzlichkeit, wütend auf alles, was den Schein heiler Familie zu wahren sucht, ein bisschen so wie Julia Hummer, das Berufsproblemkind des damals jungen deutschen Films, in „Northern Star“ von Felix Randau. Vielleicht erinnern sich die Älteren unter uns noch an den Satz, den sie ihrer Lehrerin an den Kopf knallt: „Dein Mann fickt mit meiner Mutter.“

          Das Publikum dankt es ihm nicht

          In ähnlicher Weise will Senta die Chorleiterin Mary, zugleich ihre Mutter, provozieren, weil sie weiß, dass Daland, ihr Vater, vor Jahren die Mutter mit einer anderen Frau betrogen hat. Während des Vorspiels erzählt Tcherniakov diese Geschichte wie einen Stummfilm. Der kleine Sohn dieser Frau wurde damals Zeuge, wie Daland sich seine Mutter nahm. Die folgende Ächtung durch den bürgerlichen Mob trieb die Frau in den Tod. Der Sohn fand die Erhängte. Er ist H., der fliegende Holländer, der nun nach Jahren in die Stadt zurückkehrt, um den Tod seiner Mutter zu rächen. Diese – eine völlig andere – Geschichte schiebt Tcherniakov unter Wagners „romantische Oper“, um der verführerischen Todesvergötzung des Originals zu entgehen. Das Publikum dankt es ihm nicht.

          Aber Asmik Grigorian trägt diese Idee als rebellierendes Mädchen, das die Lügen und Geheimnisse der Biedermänner nicht mehr aushält, sich jedoch am Ende auch vom mordenden Holländer lossagt und Verständnis für Mary aufbringt. Als sie sich einschwingt zum Singen der Ballade mit dem berühmten „Johohoe“, hört man die Komplexität ihrer Rolle in ihrem Gesang: Lockruf, Verletzung, Empörung, zugleich ein Bewusstsein vom Charisma der eigenen Stimme. Grigorian hat eine Höhe, die alles überstrahlt, ohne zu gleißen. Man würde ihr, bei der lyrischen Grundfarbe ihres Soprans, kaum diese immense Kraft zutrauen, die sie übrigens besonders in der Schlussszene noch aufzubieten weiß. Sie liefert in jeder Situation keine einstudierte Partie ab, sondern zeigt, was handlungsbezogenes Singen ist.

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