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„Lohengrin“ in Bayreuth : Blitzboten des Fortschritts

Szenisch zurückhaltend, die Musik und Bühnenpräsenz hingegen auf höchstem Niveau: Der neue „Lohengrin“ gehört nach Bayreuth. Bild: Picture-Alliance

Der Bayreuther „Lohengrin“ ist haltlos schön. Das Bühnenbild von Rosa Loy und Neo Rauch ist märchenhaft, Christian Thielemann dirigiert mit Lust. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder aber wird ausgebuht.

          Das grüne Männchen am Ende – Herzog Gottfried, der Bruder Elsas, den die heidnische Hexe Ortrud in einen Schwan verwandelt hatte und der nun als neuer Herrscher von Brabant gleichsam das Ampellicht zum Weitergehen gibt – kann beim besten Willen keine politische Anspielung sein auf das grüne Abendkostüm der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von ihrer Loge aus diesen neuen „Lohengrin“ in Bayreuth verfolgt. Eine solche Absprache zwischen der Gewandmeisterei des Kanzleramts und dem Ausstatterehepaar Neo Rauch und Rosa Loy würde diesem ganzen Abend zuwiderlaufen, der sich für die Zwei-Reiche-Lehre, also die Trennung des Politischen vom Ästhetischen, in vorbildlicher Weise starkmacht.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der lettische Regisseur Alvis Hermanis, der von der Leitung der Bayreuther Festspiele ursprünglich vorgesehen war, diese „romantische Oper in drei Akten“ von Richard Wagner zu inszenieren, hatte ja gerade unter Verweis auf die strikte Trennung von Kunst und Politik, die der deutschen Medienöffentlichkeit oft so schwerfällt, den Auftrag zurückgegeben: Er werde wegen seiner Skepsis gegenüber der Grenzöffnungspolitik der deutschen Regierung in diesem Land so stark angegriffen, dass er in Bayreuth, diesem hochsensiblen Ort, jede politische Diskussion vermeiden wollte.

          Diskussionen gibt es hier ohnehin schon. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kann das Festspielhaus gar nicht betreten, ohne dass ihm Sprechchöre entgegenschallen, Flüchtlinge seien hier willkommen. Insofern war der Verzicht von Hermanis vorausschauend und weise. Man hätte bei diesem „Lohengrin“ am Ende kaum noch über Kunst geredet.

          „Lohengrin“ in Bayreuth mit Piotr Beczala (Lohengrin), Waltraud Meier (Ortrud), Tomasz Konieczny (Friedrich von Telramund), Georg Zeppenfeld (König Heinrich), Egils Silins (Heerrufer) und Anja Harteros (Elsa von Brabant).

          Dabei muss man vor allem über Kunst reden: Rosa Loy und Neo Rauch, Maler und Grafiker von Weltmarktrang, haben zum ersten Mal für eine Oper Bühne und Kostüme entworfen und sich weit wegbewegt vom Comme-il-faut geschichtspolitischer Plakate, von Reichsadlern anstelle der Schwäne, von schwarz-weiß-roten Standarten und Chorheerscharen, die zu ihren „Heil!“-Rufen den rechten Arm recken. Ihr „Lohengrin“ ist ein Märchen geworden mit einem traumblauen Umspannwerk zwischen brabantischen Mannen, die Spitzenkrägen à la Frans Hals tragen. Das Umspannwerk mit seinen Porzellanisolatoren ziert ein kreisrundes Fenster, das gotische Kathedralrosette, mittelalterliche Turmuhr und elektrischer Spannungsgenerator in einem ist. Und so, wie der Sozialismus einmal die Künstler als „Ingenieure der Seele“ sah, platzt auch Lohengrin in die altflämische Welt des Aberglaubens hinein als Blitzbote des Fortschritts.

          Loy und Rauch arbeiten mit Papppappeln auf der Bühne und beleben für die Hintergründe die alte Kunst der Prospektmalerei neu. Das Schönste aber sind die Wolkenstudien für den zweiten Aufzug und die Verwandlungsmusik vor dem letzten Bild, ganz romantisch in der Malweise, aber völlig verwirrend im Raumentwurf: Da schaut man übers Schilf in einen Abgrund. Und dieser Abgrund ist der Himmel selbst, dessen Wolken am oberen Rand wiederum aussehen wie eine Wasseroberfläche von unten. So stürzt der Blick inmitten dieser Schönheit rückwärts, seitwärts, vorwärts überallhin, weil es gar kein oben oder unten gibt. Dieses Ineinander von Schönheit und Haltlosigkeit, unbewohnbar für den Menschen, verstört mehr als jede politische Demonstration.

          Yuval Sharon, als Regisseur für Hermanis eingesprungen, wurde vom musikalischen Leiter dieses „Lohengrins“, Christian Thielemann, im Vorfeld der Premiere „Sonnenschein vom Dienst“ genannt, weil er die Probenarbeit so harmonisch zu gestalten wusste. Auch er setzt nirgends auf Provokation. Die politische Dimension des „Lohengrin“, die es bei Wagner durchaus gibt, nämlich der Widerstreit zwischen charismatischer Herrschaft (Lohengrin) und Rechtsordnung (Friedrich von Telramund), wird von Sharon nur gestreift: König Heinrich (der fabelhafte, immer wieder erstaunliche, stimmlich überaus elegante Georg Zeppenfeld) guckt etwas pikiert, als Lohengrin erklärt, er sei nicht einmal dem König Rede und Antwort über seine Herkunft schuldig, sondern nur Elsa.

          Niedergeworfen: Piotr Beczala als Lohengrin.

          Mag Sharons Chor- und Solistenführung manchmal auch so statisch sein wie bei Wolfgang Wagner 1967, mag das Duell zwischen Telramund und Lohengrin als Luftkampf zwischen Blitzkrieger und Kleidermotte in seiner kindlichen Theatralität auch ungewollt die Grenze zum Lächerlichen überschreiten – eines hat Sharon sehr sensibel ausinszeniert: die asymmetrische Beziehung zwischen Lohengrin und Elsa. Man sieht Elsas Scheu und Misstrauen gegenüber ihrem Retter von Anfang an. Und dieser Retter kennt keine Empathie für seine Frau, die er wie ein Mündel behandelt. Er leistet keinerlei Aufbauarbeit für ihr Vertrauen, ignoriert ihre sichtbaren Signale der Distanz. Das muss auf beiden Seiten zur Frustration und zum Bruch führen.

          Der Tenor Piotr Beczała, erst einen Monat vor der Premiere in der Titelpartie eingesprungen, ist ein Volltreffer für diesen Lohengrin. Im ersten Aufzug klingt die untere Mittellage noch etwas krümelig, aber je weiter der Abend voranschreitet, desto mehr „Glanz und Wonne“ verbreitet diese Stimme voller Kraft, Leichtigkeit und Charme.

          Der guten Akustik des Bühnenbildes wegen kann er den Anfang der Gralserzählung und den Dank an den Schwan weit hinten in schönstem Pianissimo singen und füllt damit doch das Riesenhaus. Anja Harteros ist eine kundige, erfahrene Elsa, die sich im Timbre anfangs deutlich an ihr ständiges Begleitinstrument, die Oboe, anlehnt, aber vielleicht schon auf dem Weg ist, diese Partie hinter sich zu lassen. Auf jeden Fall ist ihre Darstellung einer gebrochenen Frau durchweg beklemmend.

          Tomasz Konieczny als Telramund beweist in Stimme und Diktion eine enorme Durchschlagskraft, auch wenn er seine Figur etwas zu eindeutig als Knatterbösewicht anlegt. Staunenswert ist die Rückkehr von Waltraud Meier auf den Grünen Hügel. Ihre Ortrud hat nicht die schlundige Tiefe einer Furie der Finsternis, aber sie macht etwas anderes aus ihrer Figur: eine perfide, abgefeimte, biegsam-elegante, eisig-verführerische Intrigantin mit stahlblanken Spitzen in der Stimme. Auch der markige Bass Egils Silinş als Heerrufer und nicht zuletzt der von Eberhard Friedrich zu penibler Präzision gebrachte Chor bewegen sich auf diesem hohen Niveau der Besetzung.

          Christian Thielemann dirigiert seinen ersten „Lohengrin“ in Bayreuth mit Lust und Kenntnis, mit dichtem Anschluss an die Szene, feinsten Akzenten, schönster Transparenz in großer Zartheit. Das Geheimnisvolle des Klangs, dessen Herkunft nicht enträtselbar sein soll, das indirekte Leuchten wird vielleicht erst in den Folgevorstellungen gänzlich glücken. Auch wenn dieser „Lohengrin“ szenisch eher zurückhaltend ist, beschreibt er doch in Musik und Bühne ein so hohes Niveau, wie es nach Bayreuth unbedingt gehört.

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