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„Lohengrin“ in Bayreuth : Blitzboten des Fortschritts

Yuval Sharon, als Regisseur für Hermanis eingesprungen, wurde vom musikalischen Leiter dieses „Lohengrins“, Christian Thielemann, im Vorfeld der Premiere „Sonnenschein vom Dienst“ genannt, weil er die Probenarbeit so harmonisch zu gestalten wusste. Auch er setzt nirgends auf Provokation. Die politische Dimension des „Lohengrin“, die es bei Wagner durchaus gibt, nämlich der Widerstreit zwischen charismatischer Herrschaft (Lohengrin) und Rechtsordnung (Friedrich von Telramund), wird von Sharon nur gestreift: König Heinrich (der fabelhafte, immer wieder erstaunliche, stimmlich überaus elegante Georg Zeppenfeld) guckt etwas pikiert, als Lohengrin erklärt, er sei nicht einmal dem König Rede und Antwort über seine Herkunft schuldig, sondern nur Elsa.

Niedergeworfen: Piotr Beczala als Lohengrin.

Mag Sharons Chor- und Solistenführung manchmal auch so statisch sein wie bei Wolfgang Wagner 1967, mag das Duell zwischen Telramund und Lohengrin als Luftkampf zwischen Blitzkrieger und Kleidermotte in seiner kindlichen Theatralität auch ungewollt die Grenze zum Lächerlichen überschreiten – eines hat Sharon sehr sensibel ausinszeniert: die asymmetrische Beziehung zwischen Lohengrin und Elsa. Man sieht Elsas Scheu und Misstrauen gegenüber ihrem Retter von Anfang an. Und dieser Retter kennt keine Empathie für seine Frau, die er wie ein Mündel behandelt. Er leistet keinerlei Aufbauarbeit für ihr Vertrauen, ignoriert ihre sichtbaren Signale der Distanz. Das muss auf beiden Seiten zur Frustration und zum Bruch führen.

Der Tenor Piotr Beczała, erst einen Monat vor der Premiere in der Titelpartie eingesprungen, ist ein Volltreffer für diesen Lohengrin. Im ersten Aufzug klingt die untere Mittellage noch etwas krümelig, aber je weiter der Abend voranschreitet, desto mehr „Glanz und Wonne“ verbreitet diese Stimme voller Kraft, Leichtigkeit und Charme.

Der guten Akustik des Bühnenbildes wegen kann er den Anfang der Gralserzählung und den Dank an den Schwan weit hinten in schönstem Pianissimo singen und füllt damit doch das Riesenhaus. Anja Harteros ist eine kundige, erfahrene Elsa, die sich im Timbre anfangs deutlich an ihr ständiges Begleitinstrument, die Oboe, anlehnt, aber vielleicht schon auf dem Weg ist, diese Partie hinter sich zu lassen. Auf jeden Fall ist ihre Darstellung einer gebrochenen Frau durchweg beklemmend.

Tomasz Konieczny als Telramund beweist in Stimme und Diktion eine enorme Durchschlagskraft, auch wenn er seine Figur etwas zu eindeutig als Knatterbösewicht anlegt. Staunenswert ist die Rückkehr von Waltraud Meier auf den Grünen Hügel. Ihre Ortrud hat nicht die schlundige Tiefe einer Furie der Finsternis, aber sie macht etwas anderes aus ihrer Figur: eine perfide, abgefeimte, biegsam-elegante, eisig-verführerische Intrigantin mit stahlblanken Spitzen in der Stimme. Auch der markige Bass Egils Silinş als Heerrufer und nicht zuletzt der von Eberhard Friedrich zu penibler Präzision gebrachte Chor bewegen sich auf diesem hohen Niveau der Besetzung.

Christian Thielemann dirigiert seinen ersten „Lohengrin“ in Bayreuth mit Lust und Kenntnis, mit dichtem Anschluss an die Szene, feinsten Akzenten, schönster Transparenz in großer Zartheit. Das Geheimnisvolle des Klangs, dessen Herkunft nicht enträtselbar sein soll, das indirekte Leuchten wird vielleicht erst in den Folgevorstellungen gänzlich glücken. Auch wenn dieser „Lohengrin“ szenisch eher zurückhaltend ist, beschreibt er doch in Musik und Bühne ein so hohes Niveau, wie es nach Bayreuth unbedingt gehört.

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