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Bayreuther Festspiele 2016 : Wie wuchtig die junge Braut ihre Verzweiflung herausschleudert!

  • -Aktualisiert am

Nimm dies: Petra Lang als Isolde, Stephen Gould als Tristan (oben) in Bayreuth. Bild: dpa

Katharina Wagner hat in Bayreuth szenisch ein wenig am „Tristan“ gearbeitet. Christian Thielemann holt aus der Akustik des Festspielhauses alles heraus, und Petra Lang und Stephen Gould lassen die Oper leuchten.

          Der Dirigent Christian Thielemann hat ein spezielles Gefühl für Klangmixtur. Außerdem kann er mit der Akustik des Festspielhauses in Bayreuth so selbstverständlich und souverän umgehen, als handele es sich um den Inhalt seiner Hosentasche. So gelingen ihm immer wieder unerhörte Synthesen aus allen möglichen Instrumentenfarben und Klangzaubereien, von denen alle Welt ahnt und erwartet, dass sie sich in diesem Hause einzustellen haben. Dieses Zaubers wegen sind die Leute angereist.

          Sie wollen hören, zum Beispiel, wie der scharfe, süße Ton einer Oboe so vom wärmenden, diffus gestreuten Violoncelloton überlagert wird, dass wir die jeweils haptische Herkunft, das Geblasen- oder Gestrichenwerden, nicht nur nicht mehr hören, vielmehr meinen, solch ein Sphärenklang müsse herrühren von einem bisher unbekannten Instrument, das der liebe Gott soeben erfunden und vom Himmel geworfen habe. Was auch geschah am Montag, als er zum Abschluss der Bayreuther Premierenwoche die Wiederaufnahme von „Tristan und Isolde“ dirigierte, in der Regie von Katharina Wagner. Bereits mit den drei ersten Takten des Vorspiels ist alles wie verwandelt, Raum und Menschen. Man könnte einwenden, dass da auch ein winziger Schuss zelebrierter Manierismus herauszuhören ist, in dem allzu verzögerten An- und Abschwellen der Dynamik. Doch kaum gedacht, schon vorbei, alle Beckmesserei löst sich auf im bitterklaren Lethefluss der „Tristan“-Musik.

          Küsse und Bisse liegen nah beieinander

          Die Tempi nimmt Thielemann etwas langsamer als im vorigen Jahr. In der Liebesnacht im zweiten Aufzug dehnt sich pausendurchwehte Stille, erst recht in den Fiebermonologen des Tristan im dritten. Hier entwickelt Stephen Gould, äußerlich eher einem Marthalerschen Hausmeister ähnelnd als einem Ritter von Ehre, enorme tenorale Leuchtkraft, sogar Farben, Temperament. Sein Idol wird verkörpert von Petra Lang, die bisher in Bayreuth nur in tieferen Partien, etwa als Ortrud, zu hören gewesen war. Auch als Isolde verschattet sie alle Vokale, aus jedem A wird ein O, was ihre mittleren Register verschleiert. Doch die Höhe ist hell und gleißend. Wie wuchtig diese junge, irische Braut, auf dem Wege nach Cornwall, um dort von Tristan an König Marke ausgeliefert zu werden, ihre Verzweiflung herausschleudert! Wie soll aus diesem Vulkan eine sanft sinnliche Nachtviole werden?

          Die Regie stimmt: Katharina Wagner und Christian Thielemann bei einem Empfang zu den Bayreuther Festspielen im Jahr 2012.

          Küsse und Bisse liegen freilich in der nachtschwarzen Romantik nahe beieinander, Katharina Wagner zentriert die gesamte Inszenierung um diese schöne, alte Idee: Tristan und Isolde seien von Anfang an einander verfallen, trotz kriegerischer Verwicklungen brauchen sie am Ende keinen Zaubertrank, um sich zu outen. Doch berühren sie einander nur ausnahmsweise, und einander abgewandt. Die Regie versetzt Cornwall oder Karneol auf ein abstraktes, allenfalls vom Weltgeist besiedeltes Reißbrett. Es ist dreieckig (von wegen Dreiecksgeschichte) und mit Symbolen (von wegen Ausweglosigkeit) möbliert, dergestalt, dass auch Tristan wirkt wie ein Möbelstück voller Souvenirs, dem seine Isolde unerreichbar bleiben muss, als Ikone und Madonnenstandbild. Diese Lesart lässt sich natürlich hervorragend abfotografieren. Eine DVD der Produktion, gefilmt im Vorjahr, ist bereits seit Anfang Juli auf dem Markt.

          Außer Isolde wurde diesmal noch die Partie der Brangäne neu besetzt, glanzvoll übernommen von Claudia Mahnke. Iain Paterson ist wieder ein solider Kurwenal, Kay Stiefermann ein feiner Steuermann, Tansel Akzeybek ein liebenswürdiger Hirt, Raimund Nolte der bewährte Melot. Und der famose Georg Zeppenfeld, der als einziger Bayreuthsänger in diesem Jahr in den Genuss kommt, unter drei verschiedenen Dirigenten arbeiten zu dürfen, verkörpert nach Hunding im „Ring“ und Gurnemanz in „Parsifal“ nun in unnachahmlicher Melange aus Brillanz und Bosheit den König Marke. So wird er zum Akteur der einzigen nennenswerten Änderung, die Wagner ihrer Inszenierung für dieses Jahr hinzufügte. Ein Augenblick innerer Wahrheit, in Antizipation des Finales: Gegen Ende des zweiten Aufzugs, nach unterbrochener Liebesnacht, packt Marke sein Weib Isolde am Arm und schleift es, als Möbel und Besitz, in die Kulisse, während Tristan, verwundet und geblendet, sie ansingt, nicht ahnend, dass sie längst abgegangen ist.

          Das bleibt im Gedächtnis. Ebenso die Totenwache auf Karneol, ein poetisches Bild, Georges de La Tour nachempfunden: die gesamte Bühne in Nebel gehüllt. Nur rechts in der Ecke hocken Tristans Diener und bewachen, von Kerzenlicht erhellt, den Leib ihres Herrn oder vielmehr die Stelle, wo er eben noch lag. Jubel für Thielemann und alle Sänger, Applaus und reflexhaft einzelne Buhrufe für Katharina Wagner und ihr Team. Die macht eine einzige tiefe Verbeugung. Schon ist sie wieder weg.

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