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Bayreuther Depeschen (VI) : Ein Klavier, ein Klavier

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Kann ein schwarzer Konzertflügel die Harmonie eines Salons zerstören? Unser Bayreuth-Korrespondent Patrick Bahners macht die Probe aufs Exempel. Ein Bericht von einem Liederabend und eine Antwort auf René Kollo.

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          Gerhard R. Koch, Musikkritiker der F.A.Z., erzählte beim Nachtessen nach der „Walküre“ eine Anekdote über einen berühmten, mittlerweile verstorbenen Mann, der regelmäßig die Bayreuther Festspiele besuchte. Er war als Buchautor zu Reichtum gekommen, so dass er sich wie Richard Wagner eine Villa nach seinen ästhetischen Vorstellungen bauen konnte. Einmal lud er eine Gruppe von Autorenkollegen ein, die die harmonischen Proportionen und die exquisite Ausstattung des Lebenskunsttempels bewunderten. Warum er denn keine Hauskonzerte veranstalte, wurde der Hausherr gefragt. Im Salon sei schließlich Platz für einen Konzertflügel, und er sei doch mit Fischer-Dieskau und Alfred Brendel befreundet. Man sehe sich um, erwiderte der Gastgeber. Im Salon sei alles Empire - und das würde ein schwarzer Flügel zerstören.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Am spielfreien Tag der Festspiele steht auf der Bühne des Markgräflichen Opernhauses ein Instrument der Bayreuther Pianofortefabrik Steingraeber und Söhne. Nicht zu verwechseln mit der aus dem Werk des Wagnerianers Loriot berühmten Weinkellerei Pallhuber und Söhne. Seit 1852 ist die Firma in Bayreuth ansässig, sie kann Hauskonzerte mit einem Flügel von Franz Liszt veranstalten. Im Opernhaus der Markgräfin Wilhelmine ist alles Ancien Régime: intimer Prunk, schwebender Zierrat, tänzerische Allegorie. Man kann hier sein blaugoldenes Wunder erleben, ohne dass ein einziger Ton erklingt. Zerstört der Konzertflügel alles? Am Abend findet ein Liederabend mit Franz Hawlata und Michael Volle statt, veranstaltet vom Richard-Wagner-Verband Bayreuth. Helmut Deutsch wird dann am Klavier sitzen. Tatsächlich möchte man sich auf den ersten Blick nur Cembaloklänge in diesem Saal vorstellen, das Gezupfte sozusagen als ein mit Anführungszeichen besticktes Kissen, auf dem die voraussetzungsreichen Hörvergnügungen einer aristokratischen Gesellschaft ruhten. Der Flügel schlägt dazwischen, und schon der aufgeklappte, blanke, unbemalte und ungeschmückte Deckel kündigt das Ende der Komödie an, das schwarze Fallbeil.

          Unscharfe Schwarzweißbilder

          Die Wirkung des in einmaliger Geschlossenheit erhaltenen Raumes wird bereits durch einen dauerhaften modernen Einbau beeinträchtigt. Jede Dreiviertelstunde ist eine Führung angesetzt. Es steht dann aber kein greiser Platzanweiser mit Zeigestock auf der Bühne, der das Problem des Barocktheaters und die von Giuseppe Galli Bibiena gefundenen Lösungen erklären würde. Stattdessen wird eine sogenannte Ton- und Lichtinszenierung aus der Werkstatt des Bayerischen Rundfunks abgespielt. Auf den Vorhang werden unscharfe Schwarzweißbilder der Markgräfin und Voltaires projiziert, die als Erzähler fungieren, nicht durchweg mit Originalzitaten. Sporadisch werden einzelne Dekorationselemente angestrahlt. Kurios, dass auch im Markgräflichen Opernhaus, das manchem Antiwagnerianer zur Festspielzeit als Zufluchtsort teuer ist, Wagner über Wilhelmine triumphiert, die Entgrenzung des Bühnenraums und die totale Beschallung. Wenn das uninszenierte Licht im Saal wieder angeht, rattert der hölzerne Diakasten in die Ausgangsposition zurück. Er ist über dem brandenburgischen Adler montiert, dem oberhalb der Fürstenloge eine riesige Krone aufgesetzt wird. Hätte man den Apparat nicht wenigstens in Blattgold einwickeln können?

          Auf der Hinterbühne wird die Ausstellung „Wer ist der Gral?“ gezeigt, mit der das Richard-Wagner-Museum die Neuinszenierung des „Parsifal“ begleitet. Es sind überwiegend Reproduktionen und Faksimiles zu sehen, aber auch Paul von Joukowskys Originalentwürfe für das bis 1933 unveränderte Bühnenbild der Uraufführung, das die von Heike Scheele für Stefan Herheim gebaute Bühne zitiert. Auch die erste Münchner Aufführung, 1914 im Prinzregententheater, präsentierte den Gralstempel als Kuppelbau mit Arkaden und Empore.

          Die Bärte gleichen sich

          Eine Farblithographie von Franz Stassen aus dem Jahr 1901 beweist, dass die Parallelisierung von Christus und Amfortas in der Epoche geradezu mohammedanischer Buchstabentreue insbesondere der „Parsifal“-Interpretation für den inneren Kreis der Wagner-Jünger keineswegs das Emblem der Unmöglichkeit war, als das René Kollo sie in seiner Polemik gegen Herheim (siehe: René Kollo über Bayreuths „Parsifal“: Darf man das?) hinstellt. Das Blatt trägt den Titel „Amfortas vollzieht das Gralsmysterium“. Es zeigt unten den Gralskönig beim Vorzeigen des Grals, oben Christus beim Spenden des Abendmahlskelches. Die Bärte gleichen sich, die langen Haare auch, nur dass Amfortas Locken hat.

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