https://www.faz.net/-gqz-zp8t

Bayreuther Depeschen (V) : Thielemanns Triumph

Da wabert die Lohe: „Walküre” in Bayreuth Bild: dpa/Bayreuther Festpiele/Enrico Nawrath

Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings“ ist jetzt im dritten Jahr zu sehen. In der „Walküre“ erlebt unser Berichterstatter Patrick Bahners endlich jene Momente, auf die er seit fünf Tagen Bayreuth gewartet hat - dank eines überwältigenden Christian Thielemann.

          Auf dem Karree oberhalb der Wagnerbüste Arno Brekers im Park des Festspielhauses stehen versetzt zueinander sechs Bänke mit Messingschildchen, die den Stifter verewigen. Für dieses Pausensitzmöbelensemble haben nicht wie für die Bänke im Garten der Villa Wahnfried die Mitglieder eines regionalen Richard-Wagner-Verbandes gesammelt - kurios übrigens, dass sich die Anhänger des Anarchisten Wagner zu Verbänden zusammenschließen wie Betonbauer und Dampfmacher in Ernst Forsthoffs Staat der Industriegesellschaft. Ein einzelner Wagnerianer hat hier zur Smokingjacke (apropos: Klaus von Dohnanyi hat kein lindgrünes und auch kein lindwurmgrünes Jackett im Koffer und kann nicht mehr wechseln) die großen Spendierhosen mit roten Streifen angelegt. Obwohl ihm der Dank der Kunstnation gebührt, zeichnet er nur mit seinen Initialen: P.S.M.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Alle sechs Bänke werden als Dankesgaben für die Festspielleitung ausgewiesen, deren Leistungen P.S.M. allerdings nicht pauschal würdigt. Vielmehr sind die Ehrenbänke datiert: „Der Festspielleitung 1989 gewidmet“ ist die erste, weiter geht es über die Jahre 1990, 1994 und 1999 bis 2004. Nun besteht die Festspielleitung ja schon seit 1966 ausschließlich aus Wolfgang Wagner. Es sind also keine unterschiedlichen Personen gemeint; jedes Jahr gibt es nur insofern eine neue Leitung, als sich die Aufgabe der Organisation festlicher Aufführungen der Werke Richard Wagners immer wieder neu stellt.

          Keine Aufzeichnung von Schlingensief

          Der spendable Stammgast ist der Auffassung, dass es herausragende Jahresleistungen der Leitung gibt, an die man sich bei späteren Besuchen bevorzugt erinnert. Nach welchen Kriterien mag er die Ehrenjahre aussuchen? Würdigt er die denkwürdige Neuinszenierung, oder zieht er jedes Jahr eine Saisonbilanz der Gesamtkunstwerkstatt? 2004, im bislang letzten prämierten Jahr, hatte Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ Premiere, von dem die Festspielleitung 2008 nichts mehr wissen will. Während man die Videokonservierung von Katharina Wagners grässlicher Verwurstung der „Meistersinger“ als volksaufklärerische Tat verkauft, soll von Schlingensiefs Arbeit am Ritus keine Aufzeichnung existieren.

          Auf dem Täfelchen der sechsten Bank ist der Platz für die Jahreszahl freigelassen. P.S.M. hat offenbar nicht nur Kredit, er gibt auch Kredit. Trotz der ungeklärten Nachfolgefrage steht für ihn fest, dass die Kreativität der Festspielleitung eine sichere Bank ist. Es muss ein großer Tag im Festspielbüro sein, wenn die postalische Anweisung des den Parkbesuchern unbekannten Gönners eingeht, welche Jahreszahl ins Messing geritzt werden soll. Der Widmungsakt wiederholt sich schließlich kaum häufiger als der Landgang des Fliegenden Holländers und kann als wichtiges Indiz für die Bewertung der Festspiele durch ihre treuesten Besucher dienen. Zwischen 1994 und 1999 und zwischen 1999 und 2004 lagen jeweils vier nicht zur Ehre der Bänke erhobene Leitungsjahre. Dass der Pausenflaneur also nicht an 2006 oder 2007 erinnert wird, ist noch kein Zeichen der Krise von Bayreuth - zumal wir nicht ausschließen können, dass der Gravurbefehl manchmal erst mehrere Jahre später erfolgt, wenn sich die Leistung der Jahresleitung im Vergleich einordnen lässt.

          Phantasie von der Stange

          Tankred Dorsts Inszenierung des „Rings“ ist jetzt im dritten Jahr zu sehen. So recht möchte man nicht glauben, dass noch einmal die Jahreszahl 2006 auf einer Bank prangen wird. P.S.M. ist mit Sicherheit nicht so leicht zufriedenzustellen wie die Pragmatiker unter den Wagnerianern, die einander in den Pausen der „Walküre“ versichern, das Bühnenbild und die Kostüme seien schön und die Sache für eine moderne Inszenierung erträglich. Nun ja, auch der Schönheitsbegriff der Kulturkonservativen ist nicht mehr, was er einmal war. Das Bühnenbild bietet die Ruinen des Staates der Industriegesellschaft, die Kostüme stammen aus einem Fabrikverkauf für Phantasie von der Stange. Sie lenken ab wie das übrige von Dorst verstreute Geraffel.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Demonstranten gehen in Hongkong am Donnerstagabend abermals auf die Straße, um gegen die geplanten politischen Reformen zu protestieren.

          Proteste in Hongkong : Der rasante Verfall der Meinungsfreiheit

          China übt druckt auf jedes Unternehmen aus, das die Hongkonger Demonstranten unterstützt. Unter den Mitarbeitern der Fluglinie Cathay Pacific herrschen inzwischen Angst und Misstrauen.

          Fed-Präsident Jerome Powell : Trumps Buhmann

          Jerome Powell lenkt die mächtigste Zentralbank der Welt. Der Fed-Chef schlägt eine fast aussichtslose Schlacht – auch gegen seinen eigenen Präsidenten. Nun warten Anleger und Politiker in der ganzen Welt auf eine Rede von ihm.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.