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Bayreuth : Vom Gral zum Kral in hundertzwanzig Umdrehungen

  • -Aktualisiert am

Das Blut der Völker auf Parsifals weißem Hemd Bild: dpa/dpaweb

Der Eklat blieb aus - doch Schlingensiefs „Parsifal“ war der erste in Bayreuth, der das Nickerchen zwischendurch unmöglich machte. Eine „werktreuere“ Enthüllung des Grals kann sich kein Wagnerianer wünschen.

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          Der Berg kreißte. Kam aber kein Hase heraus, sondern, genau wie das Sprichwort es verheißt: ein Mäuslein.

          Eine junge, graue Maus mit hübschem Verstand. Schleppte eine Riesenmenge an Vorräten mit sich herum, wußte sich und ihren Krempel gut im Dunkeln zu verstecken: Tücher, Bücher, Bilder, Möbel, Teppiche, Polster, Lampions, Salzgebäck, Fettecken und Ingwerwurzeln, Feldsteine, Zimmerbrunnen, Skulpturen, Indios, Neger und sonstige Reiseandenken sowie sicherheitshalber Zeug, das man irgendwann einmal gebrauchen kann: eine Disco-Kugel, ein Stück Maschendrahtzaun, etwas deutsches Fachwerk, zwei Zelte, Pappkartons sowie renommierte Paten (Joseph Beuys, Einar Schleef), nicht zu vergessen jene Handvoll lateinische Zitate, die sich jede Bildungsbürgermaus gerne ab und zu auf Tisch und Wände schreibt.

          Sah gut aus, sofern man etwas sah. Tatsächlich ist der neue Bayreuther "Parsifal", der mit einer sich selbst erhitzenden Spannung erwartet wurde, deren perfektes Timing bis hin zur Eröffnung selbst für Festspielverhältnisse beeindruckend effektiv geriet, der finsterste, dem man Wagners "Weltabschiedswerk" auf dieser Bühne je angedeihen ließ.

          Verwirrend finster

          Christoph Schlingensief, der sich selbst so lustvoll ins Licht zu setzen weiß, hüllte die Ergebnisse seiner Arbeit in enigmatisch heruntergedimmtes Funzeln. Was nicht dergestalt von Lichtdesigner Voxi Bärenklau unsichtbar gemacht wurde, verschwand unter einer Firnis aus Video-Mustern, die etwa das unsittliche Benehmen von amöbenhaftem Schleim unterm Mikroskop zeigten. Ja, streckenweise war es so verwirrend finster, daß nichts darüber geben konnte, ob da nun Müll oder Mensch auf der Bühne zugange war, so daß die phantasievolle Prächtigkeit der Kostüme, die Tabea Braun ersonnen hatte, erst nach Schluß der Vorstellung beim Verbeugen der Mitwirkenden zur Geltung kam.

          Sieben Mal wurde der "Parsifal" seit der Uraufführung anno 1882 in Bayreuth neu inszeniert. Eine laufende Ausstellung im Neuen Rathaus Bayreuths dokumentiert, daß es sich dabei spätestens seit Alfred Roller (1934) allemal um symmetrische Raumkonzepte handelte, in denen Statik, Symbolik, Licht ausschlaggebend waren: rechts und links eine Säule und in der Mitte etwas Kreisrundes für den Gral. Schlingensief und sein Team haben mit dieser Ordnung, die dem rituell anmutenden Stillstand der musikalischen Entwicklung und der Handlungsarmut des Stück auf schier banale Weise entspricht und allenfalls von Götz Friedrich 1982 ansatzweise in Frage gestellt worden war, gründlich aufgeräumt.

          Aufglühende Menetekel

          Schlingensiefs Parsifal: Endrik Wottrich

          Auf den ersten Blick sieht es zwar so aus, als würden Hempels gerade in die Rumpelkammer umziehen. Doch mittels Spotlights, Videoüberblendung und raffinierten Schwarzlicht-Streuungen werden, derweil sich die Bühne dreht und die hyperaktive Crew im Schnürboden agiert, immer wieder neue Ansichten aus dem Patchwork des Bühnenbildes herausgefischt, um die archaische Geschichte vom todkranken Amfortas und seiner Errettung durch den tumben Tor, vom zur Institution ergrauten Gurnemanz und der unberechenbaren Hexe Kundry, vom schwarzen Voodoo-Zauberer Klingsor, dem heilenden Speer, dem Gralskelch zu erzählen, angereichert mit assoziativ sich anlagernden Nebenhandlungen. Menetekel glühen auf und verschwinden.

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