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Bayreuth : Darf man das?

  • Aktualisiert am

Nicht Christus, sondern Amfortas: Detlef Roth in „Parsifal” Bild: dpa

Stefan Herheims Neuinszenierung des „Parsifal“ in Bayreuth ist mit großem Beifall aufgenommen worden. Die dramaturgische Stimmigkeit zieht ein kundiger Premierenbesucher in Zweifel: René Kollo kritisiert die Inszenierung.

          Stefan Herheims Neuinszenierung des „Parsifal“ am Eröffnungstag der Bayreuther Festspiele ist vom Premierenpublikum mit großem Beifall und von der Kritik mit fast einhelligem Lob aufgenommen worden. Auch an dieser Stelle (Stefan Herheim inszeniert den „Parsifal“ in Bayreuth) wurde insbesondere die Genauigkeit der motivischen Arbeit des Regisseurs gerühmt, der Seelendrama, Ritual und Zeitgeschichte ineinanderblendet. Diese dramaturgische Stimmigkeit zieht ein kundiger Premierenbesucher in Zweifel. René Kollo sang den Parsifal in Bayreuth 1975 und hat das Bühnenweihfestspiel 1986 in Darmstadt inszeniert. Unlängst äußerte er sich in unserer Serie „Bayreuther Visionen“(Bayreuther Visionen: Heldentenor René Kollo wünscht sich keinen Krawall).

          Von René Kollo

          Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man die sterbende Herzeleide. Das ist sehr poetisches Theater, gut gemacht, ein Strindbergsches Bild in Farbe. Das Bühnenbild mit dem Nachbau der Villa Wahnfried sieht so teuer aus, dass man überlegt, ob das Festspielhaus danach noch über irgendwelche finanziellen Reserven verfügt. Wenn Herzeleide diese Welt verlassen hat und ihr Hofstaat die Bühne, wacht sie einige Zeit später als Kundry wieder auf und verführt in ihrem goldenen Lotterbett einen elfjährigen Knaben mit einer roten Rose à la Carmen. Darf man das? Das darf man. Jedenfalls in der Oper.

          Aber dann kommt etwas, das man so auf keinen Fall darf. Amfortas wankt nach vorne, kostümiert als Christus mit der Dornenkrone. Wir sind hier aber nicht in Oberammergau. Dramaturgisch ist das nicht zu rechtfertigen, weil Amfortas das absolute Gegenteil von Christus ist. Amfortas ist schuldig geworden im christlichen Sinne, Christus nicht. Amfortas ist wegen erotischer Völlerei bei Klingsor in die Höllenfalle gegangen. Und es gibt das berühmte historische Beispiel für den sündigen Stellvertreter Christi, das Richard Wagner natürlich kannte, den Renaissancepapst Alexander aus der Familie der Borgia, der durch seinen unchristlichen sexuellen Lebenswandel und seine Brutalität berühmt geworden ist.

          Dann stimmt gar nichts mehr

          Auch er musste - als Sünder - jeden Sonntag den Römern die Absolution erteilen, genau wie Amfortas nicht sterben darf, sondern von Titurel immer wieder dazu gedrängt wird, die Gralsgemeinde zu erlösen. Das ist der dramaturgische Kontrapunkt für das Warten auf den reinen Erlöser. Wenn aber Amfortas Christus ist, dann ist er eben nicht sündig und muss auch vom reinen Parsifal nicht erlöst werden - wie er in Herheims Inszenierung eben tatsächlich nicht erlöst wird. Aber dann stimmt der ganze christliche Gedanke und damit der Grundgedanke Wagners nicht mehr. Dann stimmt dramaturgisch gar nichts mehr.

          Nun kann man, wie heute üblich, sagen: Das ist doch alles künstlerische Freiheit. Vor so viel stoischer Liberalität wird mir immer ganz schwummrig. Mir sind die Meisterwerke unserer Kultur immer noch wichtiger als die Einfälle heutiger Regisseure oder Dramaturgen.

          Die Menschheit geht zugrunde

          Noch ein zweiter Einfall der Inszenierung weicht von Wagner ab. Kundry erhält aus den Händen von Amfortas die rote Gralskelchschale und trinkt sie genüsslich aus. Ganz und gar. Sie lässt auch nicht einen Tropfen übrig. Dann stellt Amfortas die jetzt natürlich weiß gewordene Gralsschale zurück auf den Altar. So weit, so ungut, denn wie könnte es jetzt noch weitergehen? Was können wir armen, nun von aller Religion verlassenen Menschen überhaupt noch erwarten? Wer wird denn, wenn Kundry egoistisch und genüsslich alles ausgetrunken hat, in Zukunft noch erlöst werden können? Keiner mehr! Die Menschheit geht also am Egoismus von Kundry und Amfortas, aber genau besehen doch wohl am Egoismus des Regisseurs zugrunde.

          Wo bleiben da eigentlich die heute für die eigene Karriere immer vorzuzeigenden menschlich-sozialen Überzeugungen? Nun gut, es gibt noch viele Ungereimtheiten in dieser Inszenierung. Auch dass Parsifal nicht mehr der Erlöser ist, sondern am Ende der Oper sozusagen in der Versenkung verschwindet, gehört zu einer Oper, die erst noch geschrieben werden muss. An diesem Abend wird auch sehr gut gemachtes Theater geboten. Zu loben ist die Bühnenbildnerin. Schade, dass man sich gerade in einer Zeit der Dramaturgenherrschaft so einfach über die philosophisch-dramatische Denkweise eines Meisterwerkes hinwegsetzen darf. Es ist die Umwertung aller Werte, die schon mit Katharina Wagners „Meistersingern“ begonnen hat. Danach ist alles möglich, nur kein Zurück mehr. Darf man das?

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