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Ballett in München : Wo ist der Biss der frühen Tage?

  • -Aktualisiert am

Das stärkste Stück des Abends: „Borderlands“ von Wayne McGregor. Bild: Wilfried Hösl

Das Bayerische Staatsballett widmet dem britischen Choreographen Wayne McGregor einen ganzen Abend. Immerhin ein Stück trotzt dem Wohlfühl-Ballett.

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          Wer über den Tanz spricht, muss auch über Musik sprechen. Gerade nach diesem dreiteiligen Abend, den das Bayerische Staatsballett dem britischen Choreographen Wayne McGregor gewidmet hat. Zum Auftakt blickt das Publikum auf ein riesiges Notenblatt, das die Sicht auf die Bühne versperrt. Plötzlich erscheinen hinter dem Vorhang Tänzer, ihre vom Stroboskoplicht zerhackten und gedehnten Bewegungen werden zu flüchtigen Zeichen inmitten der notierten musikalischen Sprache. Körper und Noten überlagern sich, aber es bedarf mehr, um Musik und Tanz eins werden zu lassen.

          Dass McGregor für sein 2014 entstandenes Stück „Kairos“ Max Richters Bearbeitung von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ ausgewählt hat, erweist sich als Bürde: Seine Musik hängt dem Original einen modisch aufgeputzten Mantel um, der die eigentliche Finesse verhüllt und zudem schlecht sitzt. Kein Wunder, Richter hat Vivaldis Werk so lange mit dem Synthesizer zugesetzt, es verzerrt und mit Ambient aufgeblasen, bis die barocke Schönheit ihre Leichtigkeit verloren hat und nun ermattet daliegt. Welch ein unnützes Unterfangen, ein quicklebendiges Stück wiederbeleben zu wollen, welch Hybris, es mit diesen begrenzten Mitteln zu versuchen. Rätselhaft, warum McGregor ihn so schätzt, schon sein Virginia Woolf zugeeignetes, für das Royal Ballet kreiertes Stück „Woolf Works“ ließ er von Richters Geplätscher unterspülen.

          Absurd verschobene Hüften

          Wer sich erinnert, wie unbeschwert Amanda Miller Barockmusik vertanzt hat, vermisst Heiterkeit und Unangestrengtheit. Beides zeichnet Wayne McGregors Tanzsprache sowieso nicht aus, mit seiner Compagnie Random Dance wurde er einst berühmt für seine verdrehten Körper, herausgestreckten Pos, die absurd verschobenen Hüften und staksigen Beine. Zu zeitgenössischer elektronischer Musik schuf er Bewegungen, die als Ausdruck einer Entfremdung vom Körper und Verlust jeder Natürlichkeit gelesen werden können.

          Hier ist ganz natürliche Kraft am Werk: Ziyue Liu und Javier Amo im Stück „Borderlands“
          Hier ist ganz natürliche Kraft am Werk: Ziyue Liu und Javier Amo im Stück „Borderlands“ : Bild: Wilfried Hösl

          Im stärksten Stück des Abends, „Borderlands“, blitzte diese Kraft eindrucksvoll wieder auf, weil der Sound von Joel Cadburry und Paul Stoney dem Vokabular von McGregor viel mehr entspricht. Wie unter Strom zittern die Tänzer zu den Elektrobeats, ungeheuer schnell folgen sie den dumpfen Schlägen, verdrehen und verschränken sich, überdehnen die Körper wie auch ihre Beziehungen. In einer ruhigen, vom Klavier getragenen Passage ringt ein Paar um seine Liebe, keine Anstrengung ist den beiden zu groß, doch zwischendrin wird immer wieder ihre Ermattung sichtbar, bricht die Frau für einen Moment ein, lässt sich wieder hochziehen, rafft sich zu einem erneuten Versuch auf. Musik und Tanz verschmelzen hier zu einer sinnvollen Einheit. Da braucht es auch keinen Überbau aus der Genetik oder den Neurowissenschaften, wie McGregor ihn häufig medienwirksam bemüht; diese Szene versteht jeder.

          Das buddhistische Konzept der Leere

          Die Pas de deux in „Kairos“ wirken dagegen überladen, immer drängt sich noch ein hochgerecktes Bein zwischen die Partner, exaltiert winden und schlängeln sich die Frauen, hacken mit der Spitze auf den Boden, völlig konträr zu Vivaldis so selbstverständlich klingenden Melodien. Auch die theatralen Momente erschließen sich nicht, wenn etwa die Tänzer mit den Fäusten gegen die Skulptur von Idris Khan, eine leicht gebogene Wand, schlagen oder ihre Beine an ihr hochrecken. Es können keine spannenden Kontraste entstehen, weil Max Richters musikalische Zurichtung dafür viel zu weichgespült ist.

          Arbeitet McGregor mit einer Ballett-Compagnie, dann nutzt er das klassische Vokabular, rundet seine grotesken Bewegungen ab und lässt sie auch mal elegant fließen, so wie in „Sunyata“, seiner Uraufführung für das Bayerische Staatsballett. Laut Programmheft verbirgt sich hinter dem Begriff das buddhistische Konzept der Leere, die zum Ursprung neuer Entwicklungen werden kann.

          Die finnische Komponistin Kaija Saariaho hat für Orchester und Elektronik sechs Gedichte des persischen Lyrikers Rumi vertont und sphärische Klangflächen geschaffen, aus denen Erzählstimmen, Blech und Flöten herauszuhören sind. Dazu lassen die acht Tänzerinnen und Tänzer Wellen durch ihren Leib laufen, strecken das Bein weit nach vorn aus und legen den Oberkörper zurück, unentschieden, wohin sie streben. Auf einem Bein stehend und vornüber gebeugt, ringen sie um das Gleichgewicht, das sie nur finden, wenn ihnen jemand die Hand reicht. Alles schön anzusehen, von der Compagnie gut umgesetzt, doch diesem Wohlfühl-Ballett fehlt der Biss früherer Arbeiten McGregors.

          Mehr Mut zu eigenwilligen, überraschenden Kompositionen, mehr Abwechslung bei der Auswahl wünschte man Wayne McGregor, denn gerade sein eigenwilliger Stil benötigt eine fordernde, anspruchsvolle Musik, die mehr als ein Klangteppich ist.

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