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„Woyzeck“ in Basel : Strauchelnde Menschheit

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Schneller, lauter, leerer: Das Rad der Welt, auf dem die Schauspieler stehen, dreht sich erbarmungslos. Bild: Sandra Then

Der Mörder, ein Opfer? Ulrich Rasche eröffnet die Basler Theatersaison mit einem von Grund auf entmoralisierten „Woyzeck“. Der Abend bleibt im Gedächtnis.

          Die Erde ist eine Scheibe. Unermüdlich dreht und dreht sie sich um die eigene Achse, neigt sich bedrohlich zur Seite, verlangsamt ihr Tempo, nur um dann wieder neue Fahrt aufzunehmen. Die Menschen kleben fest an ihr, lassen sich nicht abschütteln, so schräg sie auch steht. Nichts als Zeitverschwendung, dieses Herumgedrehe, sagt der Hauptmann, das läuft doch nur auf die Ewigkeit hinaus. Und Woyzeck, sein armer, fiebernder Barbier, keucht zurück: „Unsereins ist nun einmal unselig in der und der andern Welt.“

          Lethargie und Verzweiflung, psychische Zerbrechlichkeit und moralische Verwahrlosung, das zeichnet Büchners Woyzeck gemeinhin aus. Ein vom Schicksal Geschlagener, ein „vergeisterter“ Irrläufer, der sich von seiner Frau betrügen und von seinen Vorgesetzten demütigen lässt. Ein Schmerzensmann, passiv bis zum letzten Moment, wenn er das Messer zückt und sich ins Verderben stürzt. Armer Woyzeck. Man muss Mitleid haben mit ihm, den die Ungerechtigkeit der Welt zum Mörder macht. Es sind die Verhältnisse, die sein Tun determinieren, ihn den Dolch greifen und in die treulose Brust seiner Geliebten rammen lassen.

          Der Täter steht von Anfang an fest

          Büchners – auf einer realen Vorlage basierendes – Dramenfragment wird häufig als ein emotionales „Gegengutachten“ gelesen, das sich kritisch gegen den reinen Rechtsstandpunkt wendet, indem es auf die soziale Dependenz menschlicher Psyche verweist. Wenn man Woyzecks Handeln schon nicht entschuldigen kann, so lässt man zumindest die Frage offen, ob er zurechnungsfähig ist oder nicht. Von solchen abwägenden Interpretationen will die Basler Inszenierung von Ulrich Rasche nichts wissen. Bei ihr steht von Anfang an fest: Woyzeck ist Täter, nicht Opfer.

          Wie ein wilder Stier an der Leine, der losstürmen will, aber nicht fortkommt, läuft Nicola Mastroberardino mit Kreuzschritten auf der Drehscheibe entlang. Immer wieder treten einzelne Figuren aus dem düsteren Nebel an ihn heran, verfolgen ihn eine Weile und verschwinden erneut im Nichts. So ausdauernd sich die Bühne dreht, so ausdauernd wird dazu auch Livemusik gespielt: Marschmelodien und Trommelwirbel im Wechsel mit elektronischen Loops. Die Mischung aus Klang und Bewegung ergibt einen penetranten Rhythmus, zu dem – vom Mikroport verstärkt – der Text gesprochen wird. Dabei wird jedes Wort zerdehnt und verzerrt als läge es auf der Streckbank. Die Sätze werden hervorgepresst aus Körpern, in denen die Leere von innen gegen die Brust drückt.

          Die Menschen wirken wie ferngesteuert

          Man braucht eine ganze Weile, bis man sich an die Verstärkungen durch Mikroport, wummernde Musik und spektakuläre Drehbühne gewöhnt und verstanden hat, dass hier nicht einfach nur künstlich der Wirkungswert in die Höhe getrieben, sondern eine besondere Art physischer Intensität erreicht werden soll.

          Deswegen hat Rasche Büchners „Fieberfragment“ mit harter Hand entmoralisiert: Es geht ihm nicht um die altbekannte Anklage gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, nicht ums Einfühlen und Mitleiden, sondern um den unmittelbaren Ausdruck innerer Leere, der existentiellen Einsamkeit des Menschen. Wie ferngesteuert wirken sie bei ihm, gruselig und geisterhaft anzuschauen, ohne Vorlieben und wirkliche Gemütsregungen. Alle sind schwarz gekleidet und treten mit den streng synchronen Bewegungen von Galeerensklaven auf der Stelle. Ein Hauch von Totalitarismus liegt in der Luft. Militaristische Geisterbahnstimmung à la Rammstein.

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