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Händels „Alcina“ in Paris : Wo mit Verstand verzaubert wird

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Endlich in wirklicher Liebe entbrannt: Cecilia Bartoli als Alcina und Philippe Jaroussky als Ruggiero Bild: Vincent Pontet

Selbst aus einem barocken Prunk- weiß sie ein Charakterstück zu machen: Cecilia Bartoli verzaubert als Alcina in Händels gleichnamiger Oper Philippe Jaroussky als Ruggiero. Und mit ihm zusammen das Pariser Publikum.

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          Karl Kraus über das Theater, variiert: Die Bühne gehört dem Sänger, und „der Komponist liefere nur die Gelegenheit“. In ,,Alcina“, der vierunddreißigsten seiner Opern, verschafft Georg Friedrich Händel seinen Sängern unendlich viele Gelegenheiten. Mit ihr, einer seiner prächtigsten, verwies er 1735 in London die konkurrierende Opera of the Nobility, die ihm zeitweise, insbesondere wegen des vergötterten Kastraten Farinelli den Rang abgelaufen hatte, in die Schranken, auch seinerseits mit Hilfe gottgleicher Sänger. Dem Kastraten Giovanni Carestini machte er acht Arien zum Geschenk und sechs der Sopranistin Anna Maria Strada del Po. Sie sind nicht schlagerkurz, sondern sieben, acht, selbst dreizehn Minuten lang. Mit ihnen, lauter Affekt- und Seelenbildern, versetzen derzeit Cecilia Bartoli und der Countertenor Philippe Jaroussky, das Publikum des kleinen Pariser Théâtre des Champs-Elysées in einen Zustand der Frenesie: Bartoli als Titelheldin beispielsweise „Ah! Mio cor“, in der zu erleben ist, wenn es denn nicht als Erleiden empfunden wird, wie die sich eine Frau in einer elegischen, von zarten Trillern durchwirkten Kantilene dem Leid der Liebe hingibt, im erregt aufbegehrenden zweiten Teil auf Rang und Würde besinnt und im Dacapo vom tiefsten Unglück kündet: der Erinnerung an das Glück.

          Alcina – das ist eine aus Ariosts vielbewundertem Versepos „Orlando Furioso“ in Händels Oper eingewanderte Zauberin, die fahrende Ritter auf ihre Insel lockt und, wenn ihr Verlangen gesättigt, in Bäche, Felsen oder wilde Tiere verwandelt. Nach vielen solcher Abenteuer ist sie endlich in wirklicher Liebe zu dem Ritter Ruggiero entbrannt, der, dank ihrem Zauber in temporärer Amnesie, seine Verlobte Bradamante vergessen hat, die es bei der Suche nach dem verloren Bräutigam in Alcinas Reich verschlagen hat, wo sie als ihr Bruder Ricciardo auftritt und sogleich bei Alcinas Dienerin Morgana fürs das Zwitschern der Sinne sorgt – dies nur der erste Schritt in das Labyrinth von Eros und Emotion, die für Alcina mit dem Untergang enden und für Bradamante und Ruggiero mit dem für die ernste Oper charakteristischen frohen Schluss.

          Als Opern-Phantom in die Höhe gezogen

          Ach ja, die Oper – und zumal die im Treibhaus des Barock gewucherte – ist doch, nach dem alten Vorwurf der Moralisten, der Ort des schönen Scheins oder, nach dem Urteil der Rationalisten, „an irrational entertainment“. Wird ihr illusionistischer Zauber gebrochen, wenn die bizarre Handlung als Theater auf dem Theater und als Spiel im Spiel gezeigt wird? In der Inszenierung von Christoph Loy, erstmals im Januar 2014 in Zürich gezeigt, steht ein Theaterraum auf der Bühne: als architektonisches Zitat, wohl vom Theater in Drottningholm inspiriert. Die eigentliche Handlung begibt sich im Reich der Theatermaschinerie, in der Alcina ihr phantasmagorisches Reich von Liebe und Schönheit zu schaffen versucht. In diese gestrige Märchenwelt dringen Bradamante und ihr Begleiter, gewandet wie Geschäftsreisende in modernen Hosenanzügen, ein. Es kommt zu Verstrickungen der absurdesten, aber geistvollsten Art, wenn sie etwa Morgana, die Schwester Alcinas, sogleich in Bramante verguckt – Anlass für eine triller- und koloraturstäubende Arie, mit der die junge Sopranistin Judith Fuchs das Publikum ebenso verzaubert wie Varduhi Abrahamyan mit ihrem rauchig-dunklen, in der Höhe brillanten Mezzosopran.

          Im zweiten Akt, wenn sich die Verwirrung zuspitzt und zugleich entwirrt, spielt die Haltung in vernetzten Theatergarderoben. Im dritten ist die Bühne eine Kulissen-Trümmerlandschaft. Aus Bächen und Felsen sind wieder Menschen geworden, die in die Welt – welche auch immer – zurückkehren. Das Reich Alcinas versinkt, sie selber wird in einem riesigen Kostüm als Opern-Phantom in die Höhe gezogen, bei Loy eine tragische Figur.

          Als kämen sie aus einem Musical

          Durch all diese sinnigen Allusionen wird der sinnlich theatralische Reiz keineswegs gebrochen, sondern gesteigert. Hinzu kommt nicht nur das Orchester des Concert d’Astrée unter der Leitung von Emanuelle Haïm, sondern ein großartiges Ensemble, geschart um die umjubelte Diva Bartoli, die selbst aus einem barocken Prunk- ein Charakterstück zu machen weiß. Den tiefsten Zauber übt sie mit ihrem leisen Singen aus, doch ist manchmal auch zu spüren, dass der Klang der Stimme nicht immer frei ist von herben oder bitteren Tönen. Ihr ebenbürtig der Countertenor von Philippe Jaroussky. Seine Darstellung des durch die Magie Alcinas verrückten Ruggiero ist famos. Im zweiten Akt überzeugt er in den Arien ,,Mi lusinga“ und ,,Mio ben tesoro“ mit elegischem Amoroso-Lyrismus – noch gesteigert in der das Paradies beschwörenden Arie „Verdi prati“.

          Bei der Uraufführung von 1735 ergötzte sich das Publikum an allerlei Maschineneffekten wie an Chor- und Tanzszenen. Händels Impresario John Rich hatte dafür die berühmte französische Tänzerin Marie Salle verpflichtet. Bei Loy kehren die sechs Tänzer, die zu Beginn während der Sinfonia ein antiquiertes Menuett zelebrieren, im Finalakt zurück, als kämen sie aus einem Musical. Loy gelingt es, die ästhetische Distanz zu scheinbar fernen Figuren aufzuheben. Sie singen, wenn sie für uns singen, von uns. Wie genussvoll, sich von der Musik Händels verzaubern zu lassen und dank der Inszenierung von Christoph Loy nicht den Verstand abzugeben.

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