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„Don Giovanni“ in Wien : Auf einen Joint von Freund zu Freund

  • -Aktualisiert am

Kate Lindsay als Donna Elvira, neben ihr stehend Kyle Ketelsen (Don Giovanni), hinter ihr hockend Phllippe Sly (Leporello) Bild: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Heiter bis albern: Die Wiener Staatsoper zeigt Mozarts „Don Giovanni“ in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky. Vor allem Kate Lindsay als Donna Elvira lässt dabei aufhorchen.

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          Etwas merkwürdig mutet es schon an, als Don Giovanni bei seinem rauschenden Fest „vezzose mascherette“, also hübsche Masken, willkommen heißt. Denn im Auditorium der Wiener Staatsoper sitzen knapp zweitausend mit FFP2-Masken vermummte Menschen – der Preis für die rasche Öffnung der Theater nach einer nur dreiwöchigen coronabedingten Schließung. Aus Sicht der Virologen kam diese Öffnung trotz Maskenpflicht und 2-G-Regel angesichts der immer noch knapp unter der roten Grenze befindlichen Belegung der Krankenhausbetten viel zu früh. Doch Handel und Tourismus haben sich durchgesetzt. Überdies wird die partielle Öffnung die Gräben in der Gesellschaft noch vertiefen, denn die nicht Geimpften müssen weiterhin daheim im Lockdown bleiben.

          Die enervierenden Auf-und-zu-Direktiven der österreichischen Regierung bewirken eine ungewohnte Konzentration an Premieren: Ein halbes Dutzend neuer Opernproduktionen innerhalb knapp einer Woche sind rekordverdächtig in Österreich. Mozarts „Don Giovanni“ als prominenteste Premiere ging genau genommen bereits während des Lockdowns über die Bühne. Denn die Wiener Staatsoper ließ das Meisterwerk am 5. Dezember ohne Publikum vom ORF ausstrahlen. Nun wurde Barrie Koskys Neuinszenierung unter der musikalischen Leitung von Philippe ­Jordan auch mit Gästen aus der Taufe gehoben.

          Die Schlammlawine wird zum Garten

          Das Szenario entspricht der gegenwärtigen Stimmungslage: Eine öde Steinwüste baute Katrin Lea Tag auf die Bühne, eine diffuse Mischung aus getrockneter Schlammlawine und allmählich auftauendem Gletscher. Gebäude oder gar ein Schloss sind nie in Sicht. Wohl aber wandelt sich das Grau-in-Grau im Finale des ersten Akts in einen grünen Garten mit monströsen Riesenpflanzen. Erkauft wird dieser Stimmungswechsel freilich durch einen Zwischenvorhang, sodass Donna Anna ihr „Or sai chi l’onore“ und Don Ottavio sein „Dalle sua pace“ gleichsam konzertant an der Bühnenrampe singen müssen. Ähnlich ergeht es im zweiten Akt Donna Elvira, die wegen des Abbaus einer bizarren, ihr Haus symbolisierenden Steinskulptur „Mi tradì quell’alma ingrata“ gleichfalls vor dem Vorhang geben muss.

          In starkem Kontrast zum Endzeitszenario will Barrie Kosky aber gerade das Lustvoll-Dionysische an Mozarts und da Pontes Meisterwerk hervorheben. Anders als bei Romeo Castelluccis symbolbeladener Inszenierung bei den diesjährigen Salzburger Festspielen hält sich Kosky jedoch weitgehend an den Plot, wenngleich er den Untertitel der Oper, Dramma giocoso, ernster nimmt als manch anderer Regisseur. Das Spielerische, überschäumend Launige, bedingungslos Lebensfrohe dominiert zweifellos seine Inszenierung. Famos ausgespielt durch Kyle Ketelsen als Don Giovanni und Philippe Sly als Leporello, zwei Bassbaritone, die bei Kosky als zwillingsartiges Duo infernal auftreten, kaum je als Herr und Diener, eher als Vater und Sohn. Während Ketelsen mit virilem Selbstbewusstsein seine Idee der – freilich gänzlich egomanischen – Libertà auslebt, wirbelt Sly mit ausladenden Handbewegungen und Pirouetten im Kapuzenpulli durch die Szene.

          Der verspielte Umgang der beiden kulminiert in der Friedhofsszene, in der sich Giovanni und Leporello vor einem tiefen Wasserloch genüsslich einen Joint reinziehen und in ihrem Rausch mit einem runden Stein, der als Kopf von einer Statue abgefallen sein könnte, zu spielen beginnen. Da wird klar, dass beide auch von Angst getrieben sind und sich den Tod gleichsam blödelnd vom Leibe zu halten versuchen. Aber am Ende kommt er doch. Nicht als steinerner Gast, sondern als blutender Untoter (Ain Anger als Commendatore), dessen kalter Händedruck bei Don Giovanni eine tödliche Herzattacke auslöst. Eine ernüchternde Höllenfahrt.

          Nicht immer verfolgt Kosky dieses Ineinander von Eros und Thanatos so konsequent wie in dieser Szene. Oft verliert sich der Abend in kindliche Spielereien, etwa in der großen Festszene des ersten Akts, die Kosky als Revival der einstigen Flower-Power-Bewegung inszeniert, mit Blumenkindern, die ausgelassen um den golden bemäntelten Don Giovanni tanzen (die eher nichtssagenden Kostüme stammen auch von Katrin Lea Tag). Manches scheint wenig stimmig, wie die geradezu unterkühlte Begegnung zwischen Zerlina (die talentierte Patricia Nolz) und dem Verführer, die einander kaum eines Blickes würdigen. Oder Donna Elviras jäher Stimmungsumschwung, als sie Don Giovanni förmlich anspringt, obwohl sie kurz zuvor die Schmerzen beklagt, die er ihr zugefügte.

          Dem hell timbrierten Mezzosopran Kate Lindseys als Elvira sind jedoch die musikalisch eindringlichsten Momente des Abends zu verdanken. Ihr jugendliches Pendant, Hanna-Elisabeth Müller als vibrierende Donna Anna, kämpft hingegen im exponierten Diskant mit der Intonation. Stanislas de Barbeyrac als Don Ottavio müht sich wiederum oft vergebens, seine Partie in bruchlosen Bögen zu singen. Klar fokussiert ist zwar die Stimme von Kyle Ketelsen in der Titelpartie, doch fehlt ihm in manchen Szenen die nötige Fülle. Stimmlich eindrücklicher gelingt Philippe Sly die musikalische Gestaltung Leporellos.

          Dass einige Ensembleszenen rhythmisch ein wenig wackeln, liegt wohl auch am Verzicht Philippe Jordans, einen Taktstock zu benutzen. Aufgrund der großen Tiefe der Bühne ist es schwer, Kontakt mit den Sängern zu halten. Auch sonst hätte man sich stärkere interpretatorische Akzente vom neuen Musikdirektor der Staatsoper erhofft. Zwar fließt Mozarts Musik in oft sehr raschen Tempi dahin, die dunklen Klangschattierungen interessieren Jordan hingegen ebenso wenig wie die Balance zwischen den Sängern und dem zwar gewohnt geschmeidigen, doch manchmal etwas zu lauten Staatsopernorchester. Dennoch zustimmender Applaus.

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