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Salzburger Festspiele : Eine klingende Brücke in den Himmel

Für sie sind Glück und Schuld eins: Corinne Winters als Katja Kabanowa in Salzburg. Bild: Monika Rittershaus

Meisterhaft in der Reduktion, präzise in der Personenregie: Barrie Kosky inszeniert die Oper „Katja Kabanowa“ von Leoš Janáček bei den Salzburger Festspielen.

          3 Min.

          Durch alles Wispern und Rauschen, durch alles Blühen und Fließen, durch alles Leuchten und Schweben hindurch wird im Orchester, ohne Worte, immer wieder die gleiche, schwere Frage wiederholt: „Warum sterben, wenn es so schön ist zu leben?“ Jakub Hrůša wahrt als Dirigent in der Salzburger Felsenreitschule die Transparenz für all die genau studierten Bewegungsmuster von Pflanzen im Wind, Tieren im Gras, laufenden Kindern, sprechenden Menschen, vor allem: vom Dahinströmen der Wolga, die Leoš Janáček seiner Musik in „Katja Kabanowa“ zugrunde gelegt hat. Doch Hrůša liegt weniger daran, diese Viel­gestaltigkeit konturenscharf zu zeichnen, als einen Ton weich gestimmten beseligten Staunens darüber zu erzeugen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenig später, im „Schlauen Füchslein“, wird Janáček diese Dankbarkeitsekstase angesichts der Vielfalt des Le-bens und der Weisheit der Naturkreisläufe nochmals in Musik fassen, verbunden mit der Melancholie des betrachtenden Menschen, der sich wie der Gärtner in einem späten Gedicht von Günter Kunert eingestehen muss, dass alles einmal wiederkehre – nur der Gärtner nicht. Da bekommt die Frage „Warum sterben, wenn es so schön ist zu leben?“ noch einen viel weiter gefassten Sinn.

          In „Katja Kabanowa“, nach dem Drama „Gewitter“ von Alexander Ostrowski, ist die Frage konkreter. Der junge Boris richtet sie an die Frau, in die er sich verliebt hat: Katja Kabanowa, Gattin des Kaufmanns Tichon Kabanow. Denn auch Katja hat sich in ihn verliebt, empfindet den Ehebruch jedoch als so schwere Sünde, dass sie sich den Tod wünscht dafür. Glück und Schuld sind für sie eins. An Blumen denkt sie, und Vögel hört sie, bevor sie sich in die Wolga stürzt: „So schön, und ich muss sterben“.

          Barrie Kosky hat diese Oper aus dem Jahr 1921 bei den Salzburger Festspielen durch die Kostüme von Victoria Behr ganz in die Gegenwart geholt – in dem Wissen, dass die Zeit religiös geprägter Ehr- und Schuldvorstellungen, die Zeit sozialer Ausgrenzung von Normabweichlern, auch die eines harten Matriarchats, das durch Katjas Schwiegermutter, die Kabanicha, verkörpert wird, nicht vorbei sind. Diese Welt lebt weiter: in den streng katholischen Dörfern Ostpolens, in Rumänien und Albanien und wahrscheinlich sogar in manchen Strichen Niederbayerns. Europa ist etwas ganz anderes als das Bild, das sich die Es­presso-Macchiato-Boheme in den Metro­polen davon macht.

          Konzentration durch Reduktion

          Kosky, der sich bei Jazz-Operetten und Revuen immer als Virtuose brillant organisierter Opulenz zeigt, beweist hier einmal mehr, dass er auch ein Theater der Reduktion und Konzentration be­herrscht. Die Bühne von Rufus Didwiszus besteht aus nichts weiter als Schaufensterpuppen, dreihundert an der Zahl schätzungsweise. Alle stehen mit dem Rücken zum Publikum wie zu den Singenden. Zwischen den Akten wird eine silbergraue Gardine vor die Bühne gezogen, auf der man mit etwas Phantasie eine Art Ätzgrafik von einer Teichlandschaft mit Bäumen ausmachen könnte. Sie dient nur dazu, Umgruppierungen der Puppen zu verdecken. Deren Gleich­gültigkeit und aggressive Nichtbeachtung Katjas engt zugleich den Bewegungsraum der Hauptfigur immer mehr ein.

          Alles andere ist reine, beste Personenregie. Das sadomasochistische Verhältnis zwischen der alten Kabanicha und ihrem Liebhaber Dikoj wird exakt ausinszeniert unter elliptischer Aussparung expliziter Sexualität. Jens Larsen als Dikoj liegt in Jackett und Unterhosen auf dem Boden vor der axtkalt agierenden Evelyn Her­litzius, die ihm von oben Wodka in den Mund träufelt. Dann rollt sich Larsen, großartig in seiner Verausgabung, lustgrunzend mit einem Wiener Würstchen in der Hand über die ganze Bühne und zurück, um das Ding mit einem Glücksstöhnen der Erschöpfung aufzuessen. Ein Theater entfesselter Drastik, das gleichwohl das Gegenteil von Pornographie ­liefert.

          Corinne Winters als Katja erzählt Jarmila Balážová als junger Warwara vom Glück ihrer einsamen Kirchgänge. Sie sei wie ins Paradies entrückt. Und der Solohornist der Wiener Philharmoniker baut ihr in diesem Moment wirklich eine leuchtende Brücke in den Himmel. Ohne szenische Ablenkung, beschützt vom freundlich warmen Licht, das Franck Evin auf sie werfen lässt, können beide Frauen mit ihren mädchenhaft hellen, jubilierenden Stimmen von einem erfüllten Leben singen, das möglich sein muss, weil es momentweise wirklich war.

          Jaroslav Březina stellt den Tichon als Häufchen Elend auf die Bühne, das die Ohnmacht der eigenen Mutter gegenüber durch Gewalt gegen seine Ehefrau Katja kompensiert. Aus dem Tenor von Ben­jamin Hulett als Kudrjasch (Warwaras Liebhaber) sprechen Verführungskraft, Lebenslust, aber auch Dankbarkeit. David Butt Philip verfügt neben Innigkeit auch über die Farben der Verzagtheit, gar der dramatischen Feigheit, weil er sich zum letzten Schritt der Revolte nicht entscheiden kann und nur als ein Jammerlappen aufschluchzen kann, dass der Abschied von Katja – sein Onkel schickt ihn nach Sibirien – ihm schwerfalle.

          Katja verschwindet, die Musik strömt weiter in ewigem Gleichmut und ihrer ganzen reichen Herrlichkeit. Zurück bleibt eine Gesellschaft, die zu staunen, zu lieben und zu danken verlernt hat.

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