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Barenboim zu Gast beim Papst : Und wo sitzen die Hintermänner?

Religionen, hört die Signale: Daniel Barenboim dirigiert, der Papst hört und sieht zu Bild: AFP

Der Papst lädt Daniel Barenboim, dessen Orchester und Berliner Prominenz in seine Sommerresidenz. Von einem symbolträchtigen Nachmittag mit technischen Pannen.

          Seit im Vatikan die Raben fliegen, werden die unerhörten Begebenheiten rund um den Papst immer unerhörter. Nichts ist, was es scheint - diese dem Katholizismus eigentlich vertraute transzendentale Sicht der Dinge hat plötzlich eine paranoide Pointe bekommen: Wer fliegt als Nächster auf? Hinter jedem Mann kann ein Hintermann stecken, hinter diesem wiederum ein Hinterhintermann. Wo endet die Leutseligkeit, wo beginnt die Tarnung?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Der sich unaufhaltsam entspinnende Verdacht etabliert eine paradoxe Kommunikation, in der sich die Schwierigkeiten der Feindbestimmung spiegeln. Steht der Feind also zum Beispiel in der Redaktion der Satirezeitschrift „Titanic“, die sich mit ihrem jüngsten Papst-Cover als Spaßpostille für Grundschüler empfiehlt? Oder sitzt der Feind nicht eher in der Zentrale der Deutschen Bischofskonferenz, die dem Vatikan empfahl, gegen dieses Cover gerichtlich vorzugehen, und damit erst die Aufmerksamkeit schürte, die jedermann hätte vorhersagen können, wenn es einem unfassbar schlecht beratenen Papst tatsächlich einmal einfällt, ein Satireblatt vom Markt zu klagen, wie nun sage und schreibe zum ersten Mal in der Kirchen- und Mediengeschichte geschehen?

          Ein großes musikpolitisches Ereignis

          Und selbst in seinem Urlaubsort Castel Gandolfo nahe Rom, im Hof des dortigen Apostolischen Palastes hoch über dem Albaner See, zuhausiger geht’s nimmer für Benedikt XVI. - selbst dort traut sich seit vorgestern niemand mehr, Freund und Feind noch zuverlässig, also nach den bisher geltenden Regeln der Hofhierarchie, unterscheiden zu können.

          Allem Anschein nach ein wohlgeordnetes Musikereignis: das Konzert des West-Eastern Divan Orchestras unter Leitung Daniel Barenboims

          Daniel Barenboim war mit seinem West-Eastern Divan Orchestra geladen, Beethovens fünfte und sechste Sinfonie zu spielen. Ein musikpolitisches Ereignis erster Ordnung, wurde hier doch der Utopie einer israelisch-palästinensischen Verständigung, der sich Barenboim in bewundernswerter Weise widmet, neue Schubkraft gegeben. So schien auch Benedikt XVI. seine Einladung an den Dirigenten verstehen zu wollen: als eine ausdrückliche Unterstützung des Heiligen Stuhls für Barenboims Friedensprojekt. Dessen Wurzeln gehen auf das Jahr 1999 zurück, als Barenboim und der inzwischen verstorbene Literaturwissenschaftler Edward Said ein Forum für junge Juden, Muslime und Christen gründeten, aus dem dann ein Orchester hervorwuchs, zu dem derzeit Musiker aus Israel, Palästina, Syrien, Jordanien, Ägypten, Libanon, Algerien, Tunesien, Iran, Türkei und Spanien gehören. Feiert Benedikt in Castel Gandolfo etwa ein musikalisches Assisi? Das legendäre, unter diesem Namen bekannt gewordene Treffen seines Vorgängers Johannes

          Ein interreligiöser Verständigungsappell

          PaulII. mit Führern anderer Religionen war Joseph Ratzinger seinerzeit überhaupt nicht lieb; der Wahrheitsanspruch des Christentums schien ihm darunter zu leiden. Seitdem hat Benedikt seine Kampfvokabel des Relativismus vielfältig relativiert und den Dialog der Religionen als ein vorrangiges Ziel seines Pontifikats markiert. Wobei die Tendenz, einen einheitlichen Vernunftbegriff für die Wahrheit seiner Religion zu vereinnahmen, etwas Unmelodiöses behalten hat. Wie klingt es aber, einen Gottesbeweis aus der Musik zu führen? Eine Probe darauf lieferte der Papst bei seiner kurzen Ansprache im Anschluss an Barenboims Konzert. Hier interpretierte er Beethovens Musik als quasi naturrechtliche Melodie, in der die Schöpfung für alle Menschen verständlich zu singen beginnt.

          Flugs war da der Musik als Universalsprache die Offenbarung des Göttlichen eingeschrieben, und von dieser päpstlich-romantischen Interpretation her las sich Barenboims Motto „Beethoven für alle“ wie von allein als interreligiöser Verständigungsappell an Juden, Muslime und Christen. Der Dirigent selbst erklärt das einzigartige Unternehmen seines West-Eastern Divan Orchestra so: „Ich kann die Welt nicht ändern. Wir zeigen, dass unsere Musiker gelernt haben, die Erzählungen der jeweils anderen zu akzeptieren, ohne damit einverstanden sein zu müssen - und dann dennoch zu kooperieren. Die Musiker sitzen am gleichen Pult und versuchen, den gleichen Ton gleich laut, gleich lang zu spielen. Gleich, gleich, gleich. Dazu hat kein Israeli, kein Palästinenser die Möglichkeit - es sei denn, er ist Musiker.“

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