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Schlossfestspiele Ludwigsburg : Wo der Funke überspringt

  • -Aktualisiert am

Singt und dirigiert gleichzeitig: Barbara Hannigan Bild: Reiner Pfisterer

Die Kanadierin Barbara Hannigan singt und dirigiert bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, bis das Publikum jubelt.

          4 Min.

          In der sogenannten ernsten Musik gibt es kaum mehr als eine Handvoll guter Witze – und die meisten sind gar nicht lustig, wenn man sie aufschreibt. Einer von 1788, aus der Feder von Joseph Haydn, hat sich jedoch gehalten und funktioniert heute wie vorgestern. Er geht so: Das Finale seiner neunzigsten Symphonie hat eine trügerisch kurze Reprise, nur ist danach nicht Schluss. Ein guter Witzeerzähler am Pult wartet nach der Generalpause erst auf den einsetzenden Beifall, ehe er oder sie, mit etwas kalkulierter Empörung, das Schlussanhängsel nachliefert.

          Barbara Hannigan hat diesem Witz nun noch einen Dreh hinzugefügt. Nach der Wiederholung, die manch einer auslässt, um denselben Witz nicht zweimal zu erzählen, wartete sie den Applaus ab, verließ die Bühne, und das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele brachte das Finale allein zu Ende. Von solchen Überraschungen ist das ganze Festival voll, besonders aber sind es die Konzertprogramme, die die weltweit gefragte kanadische Sopranistin und Dirigentin für ihre Residenzwoche hier konzipiert hat, teils zusammen mit Nachwuchskünstlern ihrer Initiative „Equilibrium“.

          Ordnungen aufbrechen, Neues schaffen

          Je länger die Schlossfestspiele dauern, desto mehr finden sie in diesem Jahr auch vor Publikum statt. Nachdem man anfangs auf die digitale Bühne ausweichen musste, kehrte das Publikum für die Veranstaltungen mit Barbara Hannigan in das Forum am Schlosspark zurück. Hannigan reiste nicht mit ihrem eigenen Ensemble an, sondern studierte die Programme mit dem sehr ambitionierten Orchester der Festspiele ein. Es ist eine der Traditionen dieses Festivals, dessen Strahlkraft Jochen Sandig, im zweiten Jahr künstlerischer Leiter, stetig über die Region hinaus steigern möchte.

          Allen voran geht es um Nachhaltigkeit. Bei viel Prominenz und folglich Reisekilometern scheint das zunächst heikel. Zeigen soll es sich unter anderem in Form weiterer Residenzaufenthalte; die Künstler, idealerweise mit der Bahn anreisend, jetten also nicht nur für ein Einzelkonzert nach Ludwigsburg. Und statt mit Blumensträußen zu danken, pflanzt man in diesem Jahr Bäume. Daneben setzen die Schlossfestspiele auf kreativ geschmiedete Konzertprogramme, in denen auch Performatives und Tanz wesentliche Rollen einnehmen.

          Der Ausbau kommunikativer Transportwege

          Das zeigt auch „Hannigan’s Moveable Feast“, ein wandelndes, jungen Künstlern die Bühne überlassendes Musikfest im Ehrenhof und den Räumen des Barockschlosses – etwa bei der Luftgeist-Perfomance von Aphrodite Patoulidou und Tian Gao zu Jonathan Doves „Ariel“. Es sind Konzerte wie kleine Szenen, in die das Publikum mehr oder minder hineinstolpert. In sich tragen sie den Leitgedanken des Festivals, sich konzertdramaturgisch nicht auf fertigen Bahnen zu bewegen, sondern Ordnungen aufzubrechen und Neues zu erschaffen. Während andere besonders im Umgang mit zeitgenössischer Musik auf behutsamen Brückenbau setzen, prallen die Gegensätze hier unmittelbar aufeinander. Hart und kommentarlos wird aneinandergeschnitten, was in der Musikgeschichte Jahrhunderte trennt – etwa Luigi Nonos Sopran-Solo „Djamila Boupacha“ und Dietrich Buxtehudes beschwingte Kantate „Mein Herz ist bereit“ mit dem starken Bassbariton Douglas Williams. Es sind unmittelbar auf das Hörerlebnis hin konzipierte Programme, die zwar nicht nach Effekten haschen, aber doch mehr auf den Moment abzielen als auf Hintergründe und Kontexte. Die Programmtexte sind kurz, auch Künstlerbiographien spart man sich. Wer hört, wird schon verstehen.

          In dieser Form auf die Wirkkraft der Musik zu setzen und historisches Gepäck weitgehend abzuwerfen kann funktionieren oder nicht; maßgeblich hängt das vom Funkenübersprung zwischen Aufführenden und Zuhörern ab. Der gelingt nicht immer. Claudio Monteverdis szenisches Madrigal „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ und die Innovationen, die dieses wegweisende Werk in sich trägt, kommen, im Dämmerlicht des Schlosstheaters und von schwachbrüstigem Cembalo begleitet, kaum zur Geltung. Über Matthew Barnsons eher en passant uraufgeführtes „A Gale in April“ hätte man gern mehr erfahren. Bei den Zielen des Festivals wird es künftig auch um den Ausbau kommunikativer Transportwege für ein hochwertiges musikalisches Produkt gehen.

          Eine Nummer ohnegleichen

          Für den Haydn-Witz und Barbara Hannigan, die ohnehin am liebsten per la musica kommuniziert, ist es jedenfalls ein Glück, die Pointe nicht im Programmheft zu lesen. Bei allem Reformstreben im Bereich des klassischen Betriebs bleibt Hannigan bei sich; sie fordert keine Systemumstürze, sondern spricht über Konzerte, deren Direktheit man sich kaum entziehen kann.

          Igor Strawinskys neoklassizistisches Ballett „Pulcinella“ eröffnet mit seiner lichten, positiven Tonsprache den ersten Teil von Hannigans Programm „Chiaroscuro“; hier bleibt nichts dem Zufall überlassen. Zum Höhepunkt auf der Seite des Lichts wird George Gershwins Suite aus „Girl Crazy“ im Arrangement von Bill Elliott. Es ist ein mitreißendes Feuerwerk, bei dem sich das Festspielorchester erst zur Big Band, dann zum Chor transformiert und Hannigan bühnenpräsent wie keine Zweite in der Doppelrolle der singenden Dirigentin die Aufmerksamkeit der Show auf sich zieht. Eine Nummer ohnegleichen, Jubel im Stehen.

          Das zweite Konzert, „The Dark Side“, ist Besinnung nach dem Fest. Wirr beantworten die Holzbläser die Fragen der Ferntrompete aus Charles Ives’ „Unanswered Question“, während nur die Streicher auf der Bühne einen feinen Tonteppich knüpfen. Aphrodite Patoulidou wiederum füllt die Hauptrolle in „Lonely Child“ von Claude Vivier, einem bedeutenden kanadischen Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts, mit packender Intimität, Klarheit in der Höhe und farbenreichen Zwischentönen. Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ nach Richard Dehmels literarischer Vorlage hält Hannigan in der Fassung für Streichorchester in steter Bewegung. Die Dur-Durchbrüche des Mondscheins in der Nacht strahlen – und lassen aufleuchten, wie viel Licht in dieser grundsätzlich zwar melancholischen, aber nie wirklich dunklen Musik steckt. Wenn sich zu später Stunde bei gelichteten Sitzreihen niemand traut, die gespannte Stille applaudierend zu zerreißen, ist das manchmal wertvoller als vorschnell aufbrandender Beifall.

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