https://www.faz.net/-gqz-9h92f

„Schöne Bescherung“ in Wien : Leise rieselt der Pointenschnee

  • -Aktualisiert am

Ganz ohne Surreales: Am Burgtheater kommt man im Augenblick mit ungelenken Posen aus. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Endlich ist wieder Weihnachten. Im Radio spielen sie wieder „Jingle Bells“ und auf die Theaterspielpläne rückt Alan Ayckbourns Weihnachtsfarce „Schöne Bescherung“.

          Eine Besetzung, die strahlt wie ein Honigkuchenpferd. „Da stellt sich eher die Frage, wer nich mitspielt“, feixt der Hintermann. Darauf sein Nachbar: „Na, der Gert Voss zum Beispiel.“ „Aber der is ja scho tot,“ „Ja mei, dann is er entschuldigt.“ Herzhaft herrliches Lachen. Der Ton ist gesetzt, die Stimmung schon vor Vorstellungsbeginn blitzblank aufgeräumt: Man ist zum schallenden Lachen bereit an diesem Abend. Der Ofczarek, die Happel, der Maertens, die Lyssewski – fast alle Spitzenmimen des Landes sind mit von der familiären Partie unterm Weihnachtsbaum.

          Vor abgeknickter Nordmanntanne, in mittelständisch-ländlicher, englischer Wohnumgebung, am Fuß einer breitstufigen Aufgangstreppe treffen im Bewusstsein der alljährlich gleich grauenvollen Familienaufstellung die verschiedenen Schicksalsvertreter aufeinander, um sich Fragen zu stellen, auf die es eh keine Antworten gibt, und jene Ruhe zu finden, die zwischen zwei hysterischen Schreikrämpfen verborgen liegt. Neville, der pater familias, ist ein interdisziplinär versierter Heimwerker mit Hang zur Flachzange. Die Welt schaut er sich am liebsten durch seine Fernrohrlupenbrille an, und für elektronische Signale aller Art hat er eine große Schwäche. Die Beleuchtung des Weihnachtsbaums hat er selbst programmiert, und die Musikanlage gehorcht seit neu-stem auch seinem Kommando. Nicholas Ofczarek mit Schnauzer und Bierbauch spielt die meiste Zeit fast provokant zurückhaltend, die Worte zieht er in die Länge, seine bräsigen Auftritte weitet er bis zum Chargenhaften aus.

          Als Mann wie als Arzt eine absolute Niete

          Die meisten Lacher bekommt trotzdem nicht er, sondern Michael Maertens als Bernard, dem zu jeder Gelegenheit voll und ganz versagenden Ehemann. Die Brille trottelhaft um den Hals gehängt, die Cordhose liederlich befleckt, eilt er im tänzelnden Laufschritt über die Bühne, um seine allseits gefürchtete Puppentheatervorstellung vorzubereiten. Als Arzt wie als Mann ist er eine „absolute Niete“, die sich aus Verlegenheit am Ohrläppchen zupft und lieber noch schnell eine Wärmflasche holt. Aber als Puppenspieler blüht er auf, sobald er Wolf und Schweine mit quietschender Stimme und ernstem Gesichtsausdruck zum Sprechen und Tänzeln bringt. Eine unvorstellbare Greueltat daher, die Harvey, das – von Falk Rockstroh knurrend-knorrig gegebene – alte Familienscheusal, ihm antut, wenn er aus wütender Langeweile die Bühne kaputttritt und seine Puppen zertrümmert, nur, damit er seine Gewaltfilme glotzen kann.

          Same procedure as every year

          Inmitten all der vertrauten Furchtbarkeit befindet sich auch ein Fremdkörper im Raum. Angeschleppt hat ihn Rachel, die ewige Aggro-Jungfer mit Stoffbergen zur Selbstverteidigung um den Hals (herrlich alles in Grund und Boden nörgelnd: Dörte Lyssewski). Es ist ein junger Schriftsteller, ein Saison-Talent, von dem noch niemand wirklich etwas gehört hat, der aber jetzt schon von dem Ruhm lebt, der zweifellos kommen wird. Als neuntes Rad am Familienwagen bringt er (süffisant-sorglos: Fabian Krüger) viel Unruhe in das gewöhnliche Chaos, indem er überall fehl am Platz ist und im Weg steht, zu vornehme Worte sagt und schließlich die Dame des Hauses – beflissen-bieder: Katharina Lorenz – vor dem Weihnachtsbaum verführt. Zur Strafe schießt ihm das Familienscheusal zwei Revolverkugeln in den Arm, nicht ohne ihm vorher großzügig Einblicke in seine zivilisationskritische Zeitdiagnose gewährt zu haben – „darüber können Sie ruhig mal schreiben“. Neville findet ohne seine Lupenbrille die Notrufnummer nicht, und Bernard, der alte Versager, schafft es nicht einmal, den Tod des Patienten richtig festzustellen. Am Ende rieselt draußen leise der Schnee, und die Reste des Puppentheaters werden weggeräumt: Same procedure as every year.

          Weitere Themen

          Ein Virtuose des Lachens

          Prokofjew-Oper in Stuttgart : Ein Virtuose des Lachens

          Der „Tatort“-Regisseur Axel Ranisch macht in Stuttgart Sergej Prokofjews komische Märchenoper „Die Liebe zu den drei Orangen“ zu einem Riesenerfolg des Familientheaters. Einen wie ihn braucht Deutschlands Opernszene.

          Topmeldungen

          Brexit-Chaos : Jetzt ist alles denkbar

          Nach der Verschiebung der Brexit-Abstimmung im Unterhaus erscheint alles denkbar: Theresa Mays Rücktritt, ihr Sturz, Neuwahlen – oder ein neu ausgehandelter Brexit-Vertrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.