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„Shakespeare-Sonette“ : Als hätte es #metoo nie gegeben

  • -Aktualisiert am

Auch Vogelmenschen treibt die Suche nach dem imaginären Ideal: Szene aus der Gemeinschaftschoreographie „Shakespeare-Sonette“ Bild: dpa

Ein Pas de deux mit einem Kind: Ging die #metoo-Debatte am Hamburg Ballett komplett vorbei? Der Ballettabend „Shakespeare-Sonette“ wirft viele Fragen auf.

          Joaquin Alcazar heißt der kleine zwölfjährige Junge, den John Neumeiers junge Choreographen Marc Jubete, Aleix Martínez und Edvin Revazov in ihrem Gemeinschaftsstück „Shakespeare-Sonette“, das jetzt am Sonntagabend Premiere beim Hamburg Ballett feierte, einsetzen. Alcazar ist Schüler der Ballettschule des Hamburg Balletts, an deren ausgezeichneter Arbeit kein Zweifel besteht. Der begabte Junge hat auf der Bühne eine natürliche Ausstrahlung, er wirkt sicher und konzentriert, aber nicht angespannt. Kindgerecht gekleidet, trägt er schwarze, lange Hosen und einen Hoodie. Einmal sitzt er einem Tänzer auf dem Boden gegenüber und vollführt eine Art Gebärdensprachendialog mit ihm. Meistens aber ist der Schüler ein integrativer Bestandteil von Tänzergruppen.

          Bis zu dem Moment des dreistündigen Abends, an dem einer der erwachsenen Tänzer, Borja Bermudez, mit dem Jungen ein Duett von Martínez beginnt: Die Choreographie besteht aus einem sanften Umeinander, der Rhythmus ist ruhig und gleichmäßig, es gibt keine abrupten Wechsel oder Umschwünge in Tempo, Richtung oder Stimmung. Verstörend an dem Pas de deux ist, dass der Tänzer den Jungen mehrfach hebt und berührt, wie man es in einem Pas de deux zweier erwachsener Tänzer gleich welchen Geschlechts häufig sieht. Man muss sich das so vorstellen, dass der Hebende seinen Partner – in diesem Fall das Kind – etwa hinter ihm stehend an Taille und Oberschenkel fasst. So und auf verschiedene andere Weisen wird der Junge hier berührt, und das wirkt unangemessen. Diese Art körperlicher Nähe sollte so nicht auf einer Bühne zwischen einem Erwachsenen und einem Kind vorgeführt werden. Im Kontext eines Stücks, das einen langen und leidenschaftlichen Kuss zweier männlicher Tänzer zeigt, an anderer Stelle einen Mann nackt nach hinten gehen lässt, wirkt dieses zärtliche Duett erst recht merkwürdig.

          Es mutet an, als sei die #metoo-Debatte am Hamburg Ballett komplett vorübergegangen. Aber nicht nur das: Der junge Mann, den Shakespeare in seinen Sonetten adressiert, ist kein Kind, mehr noch als ein junger Mann ist er eine Phantasmagorie, eine Projektion, keine wirkliche Person.

          Maschinen als Partner-Ersatz

          Davon abgesehen ist der Ballettabend an sich eine Übung auf großer Bühne. Jubete, Martínez und Revazov haben sich frei entschieden, nicht drei einzelne Choreographien in einem dreigeteilten Programm zu präsentieren, sondern ihre tänzerischen Szenen ganz gemischt aneinanderzusetzen. So kommt es zu einem Ineinander der Handschriften und einer erheblichen musikalischen Varianz zwischen John Dowlands „Oh let me dwell“ hier und Rockmusik da. Eine Sprecherstimme zitiert dazwischen aus Shakespeares Sonetten. Puppen und sich puppenähnlich bewegende Tänzer in Glaskästen, die von in Schürzen und Stiefeln gekleideten Tänzern beobachtet und umhergeschoben werden, gruppieren sich anfangs zu interessanten Tableaux. Aha, denkt man, es geht um Künstliche Intelligenz, um intelligente Sexautomaten, Maschinen als Partner-Ersatz, und die Frage, wie Shakespeares Liebes-Reflektionen angesichts digitaler Anziehung wohl klingen. Diese kluge Ausgangsidee, die, wenn man an „Coppélia“ denkt, deren Ballett-Fortsetzung im einundzwanzigsten Jahrhundert bilden könnte, wird aber nicht schlüssig weiterentwickelt. Daraus entsteht mit der Zeit eine gewisse Ermüdung, denn andere Themen von Shakespeare auszumachen – Melancholie, Leid, Tod, Klage über die Wirklichkeit – gelingt schwerlich. Das wird aber auch nicht durch rein choreographische Ideen kompensiert. Der Abend ist zu lang, zu statisch, tanztheatralisch unentschlossen und dramaturgisch inkonsistent.

          Das Schöne ist Neumeiers Großzügigkeit, den dreien die große Bühne zur Verfügung zu stellen, eine absolut richtige Entscheidung. Wenn man richtig fördern will, darf man die Jungen nicht auf die Werkstattbühnen verbannen. Das wie immer großartige Hamburger Ensemble – unter ihnen der schauspielerisch überragende Lloyd Riggins – setzt die nicht ausformulierten Ideen der Nachwuchschoreographen so begeistert um, als ginge es sie wirklich an. Die eng im Kreis stehende Gruppe, die alle am Schluss bilden, scheint auf wahrer Sympathie und echter Nähe zu beruhen.

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